Als 2017 die erste „Ingo Thiel“-Folge bei Arte und im ZDF lief, war sie noch etwas Besonderes im Genre der Ermittlerkrimis. Nicht gänzlich eine Premiere der realistischen Krimi-Fiktion, denn für die hatte schon Dominik Graf gesorgt, mit Filmen wie „Eine Stadt wird erpresst“ (2006). Aber doch Trendsetter des vielfach vermehrten „True Crime“-Polizeispielfilms. Zum Auftakt der „Ingo Thiel“-Reihe, „Ein Kind wird gesucht“, ging es um den „Fall Mirco“ und um die akribische Darstellung der ermüdenden Auswertung von tausenderlei Spuren durch Teamarbeit, die zu seiner Lösung führte. Grundlage war das Buch des echten Ermittlers Ingo Thiel, gespielt von Heino Ferch. Als kleinteilig, mühselig und frustrierend erschien die Polizeiarbeit hier, trotzdem blieb es spannend. Der geglückte Realismus ging vor allem auf das Konto des inzwischen verstorbenen Regisseurs Urs Egger. Mit „Die Frau ohne Gesicht“ gelangt die „Ingo Thiel“-Reihe bei Folge sieben an und scheint von der Zeit überholt. In jedem zweiten Krimi-Podcast berichten Ex-Kommissare von ihrem Alltag. Die Streamer schlachten „True Crime“ im Dokumentarischen aus, und die Fernsehfiktion hat aus dem Ansatz längst eine Masche gemacht. Highlights wie der „Polizeiruf 110: Bis Mitternacht“ (Dominik Graf, 2021) nach Erinnerungen des Münchner Ermittlers Josef Wilfling, geschrieben von Tobias Kniebe, vor allem aber Stefan Krohmers Mehrteiler „Spuren“ (2025) zeigen, welche Glanzleistungen möglich sind in der „True Crime“-Fiktion. Die weibliche Version von Rudi Cerne Die siebte „Ingo Thiel“-Folge gewinnt den Besonderheiten des Anfangs nur noch Oberflächenreize ab und tauscht sie ein für triste Atmosphäre, trübe Romantik und stoffliche Banalitäten (Regie und Buch Christine Hartmann). Eine Frau im Cottagecore-Kleid und in „Boho“-Strickjacke geht barfuß auf dem Strand, die Wintersonne scheint fahl. Sie entschwindet, wir sehen sie nur von hinten. Am Ende des Films wird sie sich umdrehen und dem ihr folgenden Thiel ein dankbares Lächeln schenken. Sie wird wieder ein Gesicht haben, denn Thiel und sein Team haben es ihr, im übertragenen Sinn, zurückgegeben. Indem sie den Mörder entgegen jede Wahrscheinlichkeit, gegen Widerstände des Vorgesetzten und durch Thiels als peinlich empfundenen Auftritt in einer italienischen Vermisstensuche-Sendung, einer Art exaltiertem „Aktenzeichen XY“, in Venedig gefunden haben. Obgleich sich alle Spuren lange verloren. Damit verrät man nichts zu viel, denn genau auf diesen Ablauf der Ereignisse sind die Erinnerungen Thiels und anderer Kriminaler nun mal ausgerichtet. Bis die Gondeln Trauer tragen dürfen, hat Ferchs Ingo Thiel im Palazzo der italienischen Finanz- und Steuerbetrugsbehörden Quartier beziehen dürfen, der, so heißt es hier, einzigen Ermittlungseinheit, vor der Italiener Respekt haben. Die „Serenissima“ im Winter: Thiel friert ohne Mantel und Hotelheizung und ist melancholisch, bis ihm Alberto Livore (Anton Algrang), Chef der Finanzpolizei, nicht nur geschützte Unterlagen italienischer Staatsbürger umstandslos übergibt, sondern selbst Verdächtige vernimmt und für die Herstellung von Spurenträgern sorgt. Livores Frau ist praktischerweise TV-Star Gloria Livore (Clelia Sarto), die weibliche Version von „XY“-Moderator Rudi Cerne. Ohne Kontakte geht nichts, aber mit ihr hat die deutsche Polizei in Italien freie Hand. Die Livores bringen immerhin Fahrt in die Handlung. Der Strand-Auftaktszene (zu „California Dreamin’“ von The Mamas & The Papas) folgt ein weiterer Atmosphären-Overkill der Kamera von Peter Nix. Eine gesperrte Landstraße in morgendlicher Novemberdunkelheit. Die Frau vom Strand ist tot und entstellt und wird aus Versehen noch einmal überfahren, von einer jungen Frau, die die Kette der Toten einsteckt. Identifizierung unmöglich, die Gerichtsmedizin macht Fehler und stuft das Alter der Ermordeten falsch ein. Ein anonymes Opfer, kaum Ermittlungsansätze – Ingo Thiels Soko wird nach Wochen der Vergeblichkeit aufgelöst. Sein Tiefpunkt: Allein sitzt er an Weihnachten im Einsatzraum, bis eine jüngere Mitarbeiterin den alten Haudegen optimistisch stimmt (sachlich und in allen Ehren). Der seidene Faden der Ermittlung: eine Lederjacke, die in Venedig verkauft wurde. Neue Spuren führen in die Kunstwelt. Die malende Tochter der nun Identifizierten, Antonia (Janina Faust), zerfetzt ein Porträtbild der Mutter, der Ex-Ehemann der Toten, Stefano (Michele Cuciuffo), zerschmettert ein Weinglas an der Wand, der Galerist Sass (Florian Stetter) lügt, was das Zeug hält. Thiel hält manches für „Kasperletheater“, und wir stimmen zu. Vom Realismus des Anfangs hat sich die Reihe nun weit entfernt: Venedig-Postkartenstimmung, gefällige Melancholie, „Commissario Brunetti“-Flair, das hat Ingo Thiel nicht verdient. Ingo Thiel – Die Frau ohne Gesicht läuft am Montag, 9. Februar um 20.15 Uhr im ZDF und im ZDF-Stream.
