Influencer wird man nicht über Nacht, Dubai-Influencer schon gar nicht. Nur mit beständiger Arbeit vergrößert man die eigene Reichweite: regelmäßig posten, möglichst individuell und aktuell bleiben, mit der Community interagieren und auf andere „Content Creator“ reagieren, wie sich Influencer heute oft nennen. Doch das ist nicht alles. Damit sich das Geschäft mit Instagram-Posts und Youtube- oder Tiktok-Videos richtig lohnt, bedarf es lukrativer Werbekooperationen. Große Werbedeals können selbständig organisiert oder mithilfe von Agenturen an Land gezogen werden. Tessa Saueressig, Chefin der Düsseldorfer Agentur .comTessa, sagt, als Erstes analysierten Agenturen die „Insights“ eines Influencers. Wie verteilen sich Aufrufe und Follower in Bezug auf Geschlecht, Land oder Alter? Zweitens werde darauf geschaut, welche Nische der Influencer bedient: vegane Ernährung, Muttersein, Pilates? Daraus werde ein „Media Kit“ erstellt, das den Influencer verschiedenen Marken vorstellt. So könnten dann Werbekooperationen entstehen. Das Image eines Influencers ist also relevant für sein finanzielles Vorankommen. Der Content muss bestimmte Zielgruppen bedienen, sodass den Unternehmen eine Werbekooperation interessant erscheint. Ein Paradies für Influencer Seit vielen Jahren ziehen Influencer aus Deutschland nach Dubai, denn das Emirat bietet ihnen viele Vorteile. „Dubai hat sehr viele Innovationen, und Influencer leben von Innovationen“, sagt Saueressig. Für Influencer sei Dubai ein „Paradies für Content“, ein „Disneyland für Content Creator“. Viele Restaurants, Hotels und Marken in dem Emirat brauchen Werbekooperationen, um für ein trendaffines junges Publikum sichtbar zu werden. Außerdem: Influencer sind Selbständige, und dort müssen sie kaum Steuern zahlen. Schließlich: Dauernd scheint die Sonne, die Kulissen sind spektakulär, das macht sich auf den Fotos gut. Dubai tue viel für dieses ideale Content-Klima, sagt Sabrina Zahren. Die Kulturwissenschaftlerin, die in der Forschergruppe „Arabische Massenmedien und (trans)regionale Netzkulturen“ am Institut für den Nahen und Mittleren Osten der LMU München forscht, sagt: „Digitale Inhalte, die ein bestimmtes Image über öffentliche Personen, Länder oder politische Ereignisse prägen sollen, sind grundsätzlicher Teil von digitalem Nation Branding in der globalen Sphäre.“ Das sei Teil von „digitaler Soft Power“, die für alle Länder relevant sei. Dubai-Influencer können sich für ein goldenes Visum bewerben. Es ermöglicht einen langfristigen Aufenthalt von fünf bis zehn Jahren, mit der Möglichkeit, Familie und Hausangestellte mitzunehmen. Und es bringt finanzielle Vorteile wie Steuerfreiheit, Unternehmens- und Immobilieneigentümerschaft, gute Bank- und Hypothekenkonditionen sowie Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen und exklusiven Vergünstigungen mit sich. So sollen Fachkräfte, Investoren und Unternehmer angelockt werden. „Viele konstruieren ihre Marke darum, wie phantastisch ihr Leben in Dubai ist“ Für die Content-Produktion im Sinne des Emirats brauchen Dubai-Influencer eine Medien- und eine Werbelizenz. Die Medienlizenz setzt voraus, dass die geteilten Inhalte den Richtlinien der Regierung entsprechen. In den „Media Content Standards“ wird unter anderem aufgeführt, dass Inhalte vermieden werden sollten, „die den außenpolitischen Beziehungen des Staates schaden könnten“. Auch dürfen die Inhalte nicht die „in der Gesellschaft vorherrschenden Werte“ verletzen und keine „Beleidigung oder Herabsetzung des rechtlichen, wirtschaftlichen, justiziellen und sicherheitsrelevanten Systems der VAE“ aufweisen. Verstöße gegen die Richtlinien können zu Strafen oder zum Entzug der Lizenz führen. Die Regulierung der Medien und die Einschränkung der Meinungsfreiheit werden in Deutschland nun stark kritisiert. Womöglich stehen sie in der Tat hinter vielen Posts unter dem Motto „Wir fühlen uns sicher“, das Dubai-Influencer in den vergangenen Tagen verbreitet haben. Sabrina Zahren hebt hingegen einen anderen Aspekt hervor, der in der Debatte teils vergessen werde: „Influencer sind kommerziell orientierte Unternehmer, die Dubai für ihr Branding nutzen und eine bestimmte kommerzielle Botschaft verbreiten. Viele gründen Firmen in Dubai, investieren dort, profitieren von den Steuererlassen, bekommen leichter ein Visum, können leichter die Familie dazuholen“, sagt sie. „Es ist also auch im Interesse der Influencer selbst, jetzt optimistische Narrative zu verbreiten.“ Da müsse die Regierung des Emirats gar nicht so viel tun: „Denn viele konstruieren ja ihre ganze Marke darum, wie phantastisch ihr Leben in Dubai ist.“
