FAZ 05.12.2025
19:54 Uhr

Indien und Russland: Modis herzliche Umarmung Putins


Indien bereitet dem Kremlchef einen großen Empfang. Auch die Wirtschaft des südasiatischen Landes richtet sich zunehmend nach Russland aus.

Indien und Russland: Modis herzliche Umarmung Putins

Dem üblichen Protokoll entgegen hatte Indiens Ministerpräsident Narendra Modi Russlands Herrscher Wladimir Putin am Donnerstagabend persönlich am Flughafen in Empfang genommen. Modi ist bekannt dafür, seine Gesprächspartner in den Arm zu nehmen. Bei Putin war es nicht anders, die Umarmung wirkte aber besonders herzlich. Nach der Begrüßung fuhren sie gemeinsam in einem Auto zu einem privaten Abendessen in der Residenz des indischen Regierungschefs. Ein Foto, das Modi auf der Plattform X veröffentlichte, zeigte die beiden in lachender Eintracht und mit Putins rechter Hand in Modis Händen. Der Hauptteil der zweitägigen Indienreise begann am Freitagmorgen mit dem offiziellen Empfang durch die Ehrengarde in Neu Delhi und einer Kranzniederlegung an einer Gedenkstätte für Mahatma Gandhi. Dann kamen die beiden mit ihren Delegationen zu bilateralen Gesprächen im Regierungssitz zusammen. Vor Gesprächsbeginn sagte Modi mit Blick auf die Ukraine, dass Indien „auf der Seite des Friedens“ stehe. Es war eine leichte Abänderung seiner früheren Äußerungen, wonach dies „keine Ära des Krieges“ sei. Das Motto lautet: „Sell to Russia“ Eindeutig hat sich Indien zu dem russischen Angriffskrieg öffentlich bisher nie positioniert. So blieb es auch, als Putin und Modi in Neu Delhi vor die Presse traten, um Statements vorzulesen. Die Zahl der Journalisten war begrenzt, Fragen waren nicht zugelassen. Modi lobte die „besonders privilegierte strategische Partnerschaft“ zu Russland. Putin sagte mit Blick auf die US-Sanktionen gegen russische Ölunternehmen, Russland sei bereit, die Lieferung von Öl für die schnell wachsende indische Wirtschaft „ohne Unterbrechung“ fortzusetzen. Der erste Indienbesuch des russischen Staatschefs seit dem Großangriff auf die Ukraine war auch ein Signal an den Westen: Russland ist international nicht so isoliert, wie es die Europäer gern hätten. Indien zeigte wiederum, dass es seine Außenpolitik unabhängig gestaltet. Putin reiste trotzdem nicht als einer an, der alle Trümpfe in der Hand hält. Indien hat seinen Einmarsch in der Ukraine zwar nicht verurteilt und jahrelang günstiges russisches Rohöl importiert. Jedoch zeigen die jüngsten Sanktionen, die der amerikanische Präsident Donald Trump gegen die zwei größten russischen Ölkonzerne verhängt hat, offenbar Wirkung. Der indischen Presse zufolge hat Indien seine Einkäufe seit Inkrafttreten der Sanktionen am 21. November schon deutlich reduziert. Die beiden Seiten bemühten sich daher, die Kooperation auf anderen Feldern zu verstärken. Neben der Rüstungskooperation soll der bilaterale Handel ausgebaut werden. Indien wünscht sich eine Verringerung des aufgrund der Ölimporte gestiegenen Handelsdefizits. Das bilaterale Handelsvolumen hatte zuletzt zwar 69 Milliarden Dollar erreicht. Davon waren aber nur fünf Milliarden Dollar indische Exporte nach Russland. Verschiedene Abkommen sollen Indiens Ausfuhren nach Russland ankurbeln. Danach besuchten Putin und Modi ein russisch-indisches Wirtschaftsforum, das unter dem passenden Motto „Sell to Russia“ stand. Darüber hinaus wurde laut Putin auch ein Fahrplan für die Wirtschaftszusammenarbeit vereinbart, mit dem das Handelsvolumen bis zum Jahr 2030 auf 100 Milliarden Dollar gesteigert werden soll. Außerdem wurde ein Mobilitätsabkommen beschlossen, das die Einwanderung indischer Fachkräfte nach Russland erleichtert. Infolge des Putin-Besuchs könnten sich außerdem Rüstungsgeschäfte konkretisieren. Russische Kampfflugzeuge für Indien Im Gespräch ist, dass Indien weitere Flugabwehrsysteme und Kampfflugzeuge vom Typ Su-57 kaufen könnte. Putin zeigte sich zufrieden mit den Verhandlungen, aber darüber hinaus gab es offenbar keine Verlautbarungen. Und Indien wartet noch auf zwei S-400-Einheiten, die Russland schon vor zwei Jahren hätte liefern sollen. Später sollte Putin dann noch das Studio des neu gegründeten Senders RT India in Neu Delhi eröffnen, in dem ein Team von mehr als 100 Mitarbeitern den indischen Markt mit der russischen Sicht auf das Weltgeschehen bespielen soll. Noch vor seiner Abreise nach Neu Delhi hatte Putin dem indischen Fernsehsender India Today ein eineinhalbstündiges Interview gegeben. Darin wiederholte er seine Kernerzählungen zum Krieg in der Ukraine, an dem „der Westen“ Schuld trage, während ihn Russland beenden wolle. Befragt, welche „Teile“ der Ukraine die Verteidiger verlassen sollten, damit Russland die Waffen niederlege, erklärte Putin, der zum Überfall von 2022 noch gesagt hatte, man plane nicht, „ukrainische Gebiete zu besetzen“, dass der Schwerpunkt in den Verhandlungen mit den Amerikanern jetzt auf Territorialfragen liegt: „Wir werden dann aufhören, wenn wir die Ziele erreichen, die zu Beginn der speziellen Militäroperation aufgestellt worden sind – wenn wir diese Territorien befreien werden.“ In diesem Zusammenhang bezog er sich auf den Donbass, damit praktisch auf die unter ukrainischer Kontrolle verbleibenden Teile des Donezker Gebiets. „Entweder wir werden diese Territorien auf bewaffnetem Wege befreien, oder die ­ukrainischen Truppen werden schlussendlich diese Gebiete verlassen“, wiederholte Putin kurz darauf seine Hauptaussage der vergangenen Tage, die Siegesgewissheit vermitteln soll. Putin könnte noch mehr Gebiete verlangen Welche Territorien er genau meinte, ließ Putin offen. Womöglich, weil er zuvor die Scheinreferenden erwähnt hatte, die er vor den Annexionen von 2022 in den von seinen Truppen kontrollierten Teilen nicht allein der Donbass-Gebiete von Luhansk und Donezk, sondern auch der südukrainischen Gebiete Cherson und Saporischschja abhalten ließ, machte die russische Staatsnachrichtenagentur TASS aus dieser Aussage die Schlagzeile, „Russland wird in jedem Fall den Donbass und Noworossija befreien“. Zu dem 2014 begonnenen, dann beiseitegelegten und 2022 wieder aufgenommenen „Neurussland“-Expansionsprojekt zählten Putin und seine Funktionäre mal mehr, mal weniger ukrainische Regionen. Jetzt könnte der Begriff signalisieren, dass Putin in den Verhandlungen mit den Amerikanern die Übergabe von noch mehr Gebieten fordert. In der Ausgangsversion des amerikanischen Plans ist für die Gebiete Cherson und Saporischschja eine Trennung entlang der Front vorgesehen, nicht entlang der Verwaltungsgrenzen wie für die Gebiete Luhansk und Donezk. Putins Sprecher war nach den Verhandlungen im Kreml mit den amerikanischen Emissären am Dienstagabend gefragt worden, ob Putin, wenn er den Abzug ukrainischer Truppen fordere, „nur“ vom Donbass oder auch von den beiden südukrainischen Gebieten spreche. Man wolle da jetzt nicht ins Detail gehen, sagte Dmitrij Peskow.