FAZ 30.12.2025
13:35 Uhr

In der Champagne: Man wird ja wohl noch schäumen dürfen


Ein Getränk, erfunden von den Engländern, perfektioniert von französischen Familien, die deutsche Namen tragen. Was hat es mit der prickelnden Provinzialität in Reims auf sich?

In der Champagne: Man wird ja wohl noch schäumen dürfen

Da ist die Sache mit dem Namen. Wie spricht man es bloß aus? Räms? Räim? „Rons“, sagt Jean-Pierre Redont, überquert das Kopfsteinpflaster vor dem Hôtel de Ville, dem Rathaus der Stadt, exakt über dem Zebrastreifen. Er deutet einem Touristen, der überfordert falsch in eine Einbahnstraße einbiegt, dass er umdrehen soll. Er lacht und fährt eilig fort. Räms? Räim? Rons? Das sei überhaupt nicht wichtig, das sage sowieso jeder falsch. Sogar die Franzosen. Na gut, aber trotzdem: Rons also! Mit kurzen o, das in der Kehle stecken bleibt. Mit einem m das sehr nach n klingt. Und mit s, das im Französischen sonst doch stumm bleibt. So wie „France“, nur ohne f. „Ach, Frankreich“, jauchzt der 55-jäh­rige Historiker, Experte für städtischen Gartenbau, der vor zehn Jahren als rechte Hand des Regionalpräsidenten mitgeholfen hatte, Landschaft, Keller und Champagnerkultur in und um Reims zum UNESCO-Welterbe zu machen – zehn Jahre ist da nun her. „Unser Reims“, sagt Redont, „ist viel mehr als Frankreich. Ein europäischer Ort des Neubeginns.“ Im Herzen der Champagne Morgenspaziergang. Vorbei an der Boulingrin, der Markthalle mit ihren futuristisch schwebenden Art-déco-Bögen. Unter dem römischen Ehrenbogen, dem Kriegsgott Mars gewidmet, hindurch. Hinein in die neue Grünanlage „Les Promenades“, wo sich Hängematten zwischen Platanenstämmen spannen. Redont zählt die beeindruckenden Aufbrüche der Stadt mit knapp zweihundert­tausend Einwohnern, 144 Kilometer nordöstlich von Paris, nicht weit von Belgien, im Herzen der Champagne, auf: Am 7. Mai 1945 kapituliert der deutsche Generaloberst Alfred Jodl im Reimser Hauptquartier des Oberbefehlshabers der alliierten Streitkräfte Dwight D. Ei­senhower bedingungslos – der Krieg ist tags darauf zu Ende. In den 1950er-Jahren prägt der Club „Stade de Reims“ die erste große fran­zö­sische Fußballära, den landesweit bis heute verehrten „Champagner“-Fußball: elegant, offensiv! 1909 findet vor den Toren der Stadt die erste Flugshow statt, 1950 das erste Formel-1-Rennen des Landes. 1969 erhält Marc Chagall erstmals einen Auftrag, auf Glas zu malen, sechs Jahre später sind drei Fenster in der Kathedrale von Notre-Dame fertig. Im selben Gotteshaus wurden außerdem die meisten Könige Frankreichs gekrönt. Rund um Reims kultivierten bereits die Römer Rebengewächse. In einer Abtei im Örtchen Hautvillers, rund 25 Kilometer außerhalb der Stadt, liegt unter einer Steinplatte jener Benediktinermönch begraben, der, so will es die Legende, den Champagner erfunden hat. Dabei habe Pierre Dom Pérignon gar nichts erfunden, vielmehr sei es ihm und seinen Gefährten im 17. Jahrhundert darum gegangen, ungewollte zweite Gärungen zu verhindern. „Sie experimentierten wie ver­rückt, um diese vermaledeiten Bläschen bloß wieder loszuwerden“, klärt der Historiker auf. Es seien vielmehr die Briten gewesen, die den Schaumwein als solchen zu genießen beschlossen. Bei der Krönung von Louis XV, anno 1722, wird erstmals auch Champagner getrunken – und mit den eingeladenen Herrschern in alle Welt hinausgetragen. Die Champagne wurde zum teuersten Boden der Welt. Heute kostet ein Hektar Weinland rund 1,5 Millionen Euro. Champagner? Wird zum Synonym für rauschende Feste. Reims? Bleibt ein verschlafenes Nest. Im Ersten Weltkrieg kaputtgebombt. In seinem Pamphlet „Rückkehr nach Reims“, in dem Didier Eribon die Provinzialität seiner Heimat geißelt, beschreibt er doch auch mit Entsetzen die Geröllfelder und Mauerfetzen von 1918: „Als habe ein rasender Gott dieses Schmuckstück der Geschichte ausradieren wollen.“ Notre-Dame brannte. Blutiges Land, schwerer Neubeginn. Doch die Schönheit kehrt zurück. Rund 2.300 in Stein gemeißelte Heilige, Engel, Könige, Propheten umranken bald wieder die 1275 in bunten Farben erbaute Fassade. John D. Rockefeller Jr. schickt Geld für den Wiederaufbau. Andrew Carnegie stiftet eine Bibliothek, wie aus den wildesten Szenen des großen Gatsby entsprungen. Mehr Art déco geht nicht: schmiedeeiserne Tür, Natursteinmarmor aus Tinos, heller Onyx aus Algerien, Mahagonivertäfelung, ein goldener Kronleuchter, Glaskuppel. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg kam auch die Champagnerwirtschaft wieder in Fahrt. „40 Kellereien gab es nach 1945“, erklärt Redont, „heute sind es 4.000.“ Die Stadt floriert, bereits vor 35 Jahren ernannte die UNESCO die Kathedrale zum Weltkulturerbe, nach dem umfangreichen Champagner-Ritterschlag 2015 hatte Reims beschlossen, sich herauszuputzen. Weil plötzlich aus aller Welt Touristen neugierig auf Stadt und Region blickten, auf der Suche nach dem Erbe und der Kultur, die da ausgezeichnet worden waren. Dreißig Prozent mehr Übernachtungen, 2024 kamen rund 2,5 Millionen Besucher. Und der weltweite Champagnerabsatz? Kämpft. Der Weingenuss ist, nach einem Peak gegen Ende des 20. Jahrhunderts, neuerdings arg außer Mode gekommen war. Die Leute trinken immer weniger. Selbst die Franzosen. Selbst Champagner. Im Durchschnitt nur noch zwei Flaschen im Jahr. Zur Jahrhundertwende waren es noch drei gewesen. Das Sagen haben in Reims die Champagnergranden. Für einen davon arbeitet mittlerweile auch Jean-Pierre Redont. Taittinger! Das letzte der Häuser in Familienbesitz. Mit der 46-jährigen Vitalie Taittinger als neue Präsidentin und Geschäftsführerin. Reims ist klein, Redont war ihr Trauzeuge. Die Chefin betritt das neue Restaurant „Polychrome“ der jüngst renovierten Kellerei. Im Süden der Stadt, am Hügel Saint-Nicaise, wo schon in der Antike Löcher in die Kreideerde gegraben wurden. Wo die Römer Steinbrüche errichteten. Wo jeder durch musste, der nach Paris wollte. Provinz? Pah! Immer mehr Hauptstädter ziehen in das vermeintliche Nest. Pendeln. Die Mieten? Günstiger. Dort 10.000 Euro pro Quadratmeter, hier 3.000 Das Leben? Stressfreier. Studentisches Flair. Die Alteingesessenen? Etwas unterkühlt – zunächst. Aber nach ein paar Gläschen geht’s. Nur die Straßen, eine Katastrophe. Weil unter den Häusern sich nach wie vor 100 Kilometer Kellergänge befinden, die ab und an in sich zusammenbrechen. Egal! Selbst darauf sind die Reimser stolz. Mittagessen mit Champagnerbegleitung. Tartelette mit Thunfisch und Avocado, Terrine mit Karotte und Miso. Zwischen den Tischen: gegossene Glasformen in Weiß, Pastellgrün, Erdfarben – den Wellen der Champagnerhügel ähnelnd, brechen sie das Licht. Sie stammen von der Künstlerin Sarah Walbaum die das Atelier Simon-Marq leitet. Eine 1635 gegründete Glasmalerei, die in Notre-Dame mit Chagall, aber auch mit Jacques Simon und Imi Knoebel kooperierte und auch die Carnegie-Bibliothek mitgestal­tete. Die vor vier Jahren in die Église du Sacré Cœur im Nordwesten der Stadt einzog. Grauer Verputz, abgerundete Ecken, gerade Linien. Keine Ornamente. Bru­talismus. Im Keller: Werkbänke. Hobel. Meisel, Zangen darauf. Ne­benan fein sortiert in Holzregalen, Glas­proben aus acht Jahrhunderten darin. 10.000 Stück in 1200 verschiedene Farben. „Äh, Tättonsche, richtig?“ Vitalie Taittinger erhebt das Glas zum Anstoßen, lächelt und beruhigt: „Sie dürfen unseren Familiennamen gern auch auf Deutsch aussprechen, schließlich stammen wir aus Österreich. Meine Großmutter war Salzburgerin.“ Ente mit Pak Choi und Koriander. Hahn mit Krabbe und Holunder. Pierre, der Urgroßvater der heutigen Präsidentin, erstand 1932 das von Weinland umgebene Château de la Marquetterie, ihr Großonkel Jean war Bürgermeister von Reims und Justizminister. Vitalie? Wollte weder in die Politik noch in die Weinbranche. Sie wollte Künstlerin werden, studierte Illustration und Grafik in Lyon. Als die großen Champagnermarken an große Konzerne übergehen, verkaufen auch die Taittingers – doch nach nur sechs Monaten holt Vitalies Vater Pierre-Emmanuel die Kellerei zurück. „Mache ich etwas Verrücktes?“, fragte er sie. Die Tochter bejahte, ermutigte ihn zur Verrücktheit, zog erneut nach Reims, stieg mit ein. „Ich spürte, das ist größer als ich. Es fühlt sich richtig an“, sagt sie. Vor fünf Jahren stellte sie sich an die Spitze – ihr Beschluss: „Wir müssen die Welt des Champagners schützen, indem wir sie verändern. Es herrscht Pionierstimmung.“ Wieder einmal. Jeder der großen Champagnerhäuser erfindet sich in diesen Jahren auf seine ganz eigene Weise neu: Gleich um die Ecke bei Veuve Clicquot chillt die Gen Z auf Meeressand und weiß-gelb gestreiften Liegestühlen. Hamburger brutzeln auf dem Grill, Technobeats erschallen. Bei Ruinart, ein paar Straßen weiter, windet sich eine von Marmormauern gesäumte Schneise zum neuen Empfangspavillon hin – einem geschwungener Glasbau vom japanischen Architekten Tadao Andō. Und bei Taittinger? Der historische Sitz wurde vor knapp zwei Jahren aufgepeppt – ganz in Weiß. Sanftes Art déco, römischer Säulengang. Auf Sockeln wie Statuen posieren von Künstlern gestaltete Flaschen im Atrium. Die eine von dem Naturfotografen Sebastião Salgado entworfen, eine zweite von der Pop-Art-Ikone Roy Lichtenstein erdacht. Ein schlichter Lastenaufzug führt in den Crayère, den Kreidekeller, hinab. Vier Kilometer Gänge, die lagernden Flaschen werden an den Rüttelpulten nach wie vor von Hand gedreht. Oben im „Polychrome“ wird indes das Dessert gereicht. Île flottante, Eiweißschaum mit Vanillesauce. Wohin geht’s mit dem Champagner? „Hin zum Kulturgenuss“, sagt Taittinger. Und was passiert mit Reims? „Reims erstrahlt wieder und verbindet das alles: den Champagner, die Kultur und den Genuss.“ Rüms. Sie sagt Rüms! Nicht Rans. Es ist, als machten sich die Reimser einen kleinen Scherz daraus. Ein paar Stunden später. Die Dämmerung setzt ein in Rans oder Rüms oder wie auch immer. In den Bistros rund um die Notre-Dame gehen buttergelbe Lampen an. Die bereits mit Champagnergläsern gedeckten Tische füllen sich. L’heure de l’apéritif. Historiker Redont steuert das Café du Palais an. Der Maître streift über die Krawatte und empfiehlt einen Rosé-Champagner von einem kleinen Winzer aus dem Örtchen Coulommes-la-Montagne. An einer der Wände hängt eine Chagall-Zeichnung, der Künstler pflegte seinerzeit damit seine überbordende Rechnung zu bezahlen. Am Nachbartisch wird angestoßen. Cheers! Britisches Englisch. „Unser Champagner, erfunden von den Engländern, perfektioniert von französischen Familien, die deutsche Namen tragen“, sagt Redont, noch einmal die europäische Seele seiner Heimat zum Ausdruck bringend. Er blättert in einem Bildband, den er aus der Bibliothek entliehen hat. Stiche und Malereien. Champagnervöllerei. Eine vergangene Zeit. Ein neue Zeit wartet. Die Passanten strömen rüber zur Kathedrale. Zu den Schusslöchern im Stein. Den Zeugen des Kriegs. Zu den Figuren, die herabschauen. Manche böse, manche lächelnd. In erdrückender, beinahe nicht auszuhaltender Intimität. Gleich beginnt die Lichtshow, die Notre-Dame neuerdings wieder in bunten Farben erstrahlen lässt.