In der Orgelstube der Martin-Luther-Kirche in Ulm hatten Mitglieder der „Weißen Rose“ im Jahr 1943 etwa 2000 Flugblätter deponiert und für die Verteilung vorbereitet. Hans Hirzel, der als Hilfsorganist an der Lutherkirche einen Schlüssel zu der Kammer innerhalb der Orgel hatte, und seine Schwester Susanne steckten die Flugblätter dann nachts in Briefkästen. Die Geschichte der Stadt Ulm ist mit der Geschichte der Widerstandsgruppe vielfach verbunden. Die Eltern von Sophie und Hans Scholl lebten in Ulm, und die Nationalsozialisten inhaftierten die Familie Scholl dort. Der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Martin Rivoir (SPD) setzt sich seit Jahren dafür ein, in der Nähe der Kirche einen Gedenkort zu schaffen. In der Orgelstube erinnerte bislang eine in die Jahre gekommene Ausstellung an den Widerstandskampf der „Weißen Rose“. Weil die Kammer sehr klein ist, will die Stadt Ulm, motiviert durch Rivoirs Engagement, nun einen neuen Erinnerungsort außerhalb der Kirche schaffen. Authentische Orte, an denen an die „Weiße Rose“ erinnert wird, gibt es ansonsten nur im Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität München und am Münchner Ostbahnhof. 1,5 Millionen Euro stehen zur Verfügung Zur Förderung des Projekts gründete Rivoir den Verein „Lernort Weiße Rose Ulm“. Der neue Lernort soll durch ein auffälliges Gebäude die Aufmerksamkeit für das historische Geschehen wecken. In dieser Woche bewilligte der Bauausschuss der Stadt Ulm den Vorschlag der Wettbewerbskommission, an der Nordostseite der Kirche den Entwurf des Münchner Büros Brunner/Ritz zu bauen: Die Außenfassade sollen symbolische Orgelpfeifen bilden, an die Flugblätter geheftet werden. Im Innenraum des Rundbaus soll Platz sein für eine Schulklasse oder etwa 30 Besucher. Die neue multimediale Ausstellung sollen Fachhistoriker der Ludwig-Maximilians-Universität erarbeiten. Der Haushaltsausschuss des Bundestags hatte auf Betreiben des Bundestagsabgeordneten Martin Gerster (SPD) für den Bau des neuen Lernorts 1,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. 2027 soll der Bau fertig sein, spätestens aber zur Gartenschau in Ulm im Jahr 2030. „Die Aufforderung in dem Flugblatt, den Mantel der Gleichgültigkeit zu zerreißen, und der Satz, dass Deutschland nur in einem föderalen Europa eine Zukunft hat, beeindrucken mich bis heute“, sagt Rivoir.
