Manche großen Veränderungen passieren ganz plötzlich: Eine politische Entscheidung stellt alles vom Kopf auf die Füße, eine Energiekrise lässt den Einkauf und das Tanken schlagartig teurer werden. Eine Pandemie lässt Straßen und Plätze verweisen, ein Krieg bringt auf einmal Millionen Flüchtlinge ins Land. Dabei gerät bisweilen in Vergessenheit, dass auch viele große Veränderungen schleichend geschehen. Man merkt davon gar nichts von Tag zu Tag, vom einen gibt es ein bisschen mehr, vom anderen ein bisschen weniger. Und blickt man dann 25 Jahre später zurück, wundert man sich, was eigentlich aus dem Land von damals geworden ist. Nicht jede Veränderung ist eindeutig gut oder schlecht. Aber in Summe bedeuten all diese graduellen Verschiebungen: Deutschland ist auf vielerlei Weise im ersten Viertel dieses Jahrhunderts ein anderes Land geworden. Da ist zum einen: Deutschland ist ein vielfältigeres, multikulturelles Land geworden. Menschen ausländischer Abstammung gab es auch schon in den Neunzigerjahren in Deutschland, aber sie prägten viel weniger das Bild seiner Bevölkerung. Es ist bezeichnend dafür, wie wenig sich die Bundesrepublik als Einwanderungsland begriff, dass überhaupt erst im Jahr 2005 erstmals die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund erfasst wurde. Das war damals eine neue Kategorie, und sie stand sinnbildlich für die Debatten um Integration und Multikulti, um die Frage, wer eigentlich dazugehört. Inzwischen haben mehr als 25 Millionen Menschen in Deutschland im weiteren Sinne einen Migrationshintergrund, fast jeder Dritte. Auch die Zahl der Menschen ohne deutschen Pass ist in den 25 Jahren stark gestiegen. Gut vier Millionen Ausländer lebten zu Beginn des Jahrtausends in Deutschland, heute sind es 7,4 Millionen, also fast doppelt so viele. Viele von ihnen kommen inzwischen nicht mehr aus den Ländern der Europäischen Union, sondern von weiter weg, etwa aus Indien. Man sieht ihnen öfter an, dass sie nicht von hier sind – und doch inzwischen dazugehören. Die kulturelle Vielfalt Deutschlands wächst von Jahr zu Jahr. Deutschland ist zugleich in diesem Vierteljahrhundert ein heißeres Land geworden. 25 Jahre sind genug Zeit, um die Auswirkungen des Klimawandels, dessen Existenz schon damals gut belegt war, eindeutig zu erkennen. Von den fünf wärmsten Jahren seit Beginn der Aufzeichnung lagen vier in den Zwanzigerjahren. Heiße Tage über 30 Grad sind in vielen Regionen im Sommer normal geworden. Das war 2001 noch anders. Allein seitdem ist die durchschnittliche Temperatur in Deutschland um 0,6 Grad gestiegen. Aber es gibt aus der Umwelt auch gute Nachrichten. Wie viel sauberer die Luft in deutschen Städten heute ist, das sieht man erst im Rückblick. 2001 lag die Feinstaubbelastung noch 250 Prozent über dem empfohlenen Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation, die Stickstoffbelastung mehr als 150 Prozent, die Ozonbelastung bei über 50. Alle drei Werte sind in den vergangenen 25 Jahren stark gefallen – auch wenn sie immer noch oberhalb der Grenzwerte liegen. Neun Prozent mehr Geld Und ein bisschen wohlhabender sind die Menschen auch in dieser Zeit geworden, auch wenn es hier einiges Auf und Ab gab. Die Löhne sind zwar ordentlich angestiegen, doch die Inflation hat einen erheblichen Teil davon wieder vertilgt. Rechnet man diesen Effekt heraus, stellt man fest: Die Menschen in Deutschland haben im Mittel heute ein um knapp neun Prozent höheres Einkommen als vor 25 Jahren. Dass es nicht mehr ist, liegt an zwei Phasen fallender Reallöhne in der jüngsten Geschichte. Zuletzt fielen die Reallöhne wegen der Inflation nach Beginn des Ukrainekriegs. Aber auch in den Nullerjahren waren Arbeitnehmer über mehrere Jahre immer schlechter dran. Es dauerte bis 2014, bis die Menschen in Deutschland im Durchschnitt erstmals mehr verdienten als 2001. Der Arbeitsmarkt ist heute ein ganz anderer. 2001 arbeiteten noch 75.000 Menschen in Kohlebergbau, Torf-, Öl- und Gasförderung, heute sind es fast 90 Prozent weniger. 300.000 Arbeitsplätze im Papier- und Druckgewerbe sind verschwunden, 400.000 Jobs im Hoch- und Tiefbau, was womöglich damit zusammenhängt, dass früher mehr gebaut wurde: 2001 wurden noch über 300.000 Wohnungen im Jahr fertiggestellt, in den Neunzigerjahren sogar deutlich mehr. Gewachsen sind andere Berufszweige: 1,6 Millionen mehr Jobs im Sozialwesen, 1,4 Millionen in der „Nachrichtenübermittlung, Information und Kommunikation“, wozu im weiteren Sinne IT-Jobs gehören. Fast eine Million Menschen mehr arbeiten heute im Gesundheitswesen. Weniger Banken und Bäcker, mehr Fitnessstudios Der Strukturwandel zeigt sich auch in den Innenstädten. 41.000 Bankfilialen gab es in Deutschland vor 25 Jahren noch, heute sind es 18.000. Die Zahl der Bäckereien hat sich halbiert, die der Buchhandlungen und Metzgereien fast. Während der Einzelhandel sich ins Internet verlagert hat, ist die Nachfrage nach Dienstleistungen gestiegen. Stark gewachsen ist die Zahl der Fitnessstudios, Kindertagesstätten und ambulanter Pflegedienste. Letzteres hängt mit einer weiteren fundamentalen Verschiebung in Deutschland zusammen: der Alterung der Gesellschaft. Im Jahr 2001 gab es noch viel mehr Minderjährige in Deutschland als Menschen über 65. Dieses Verhältnis kippte im Jahr 2005. Und auch wenn die unter 18-Jährigen seit den Zehnerjahren dank zeitweise steigender Geburtenraten wieder zugelegt haben: Heute liegen die Alten mit großem Abstand vorn. Fast 18 Millionen Menschen über 65 stehen nur 14 Millionen Kindern und Jugendlichen gegenüber. Jenseits der Städte hat sich ein alter Bekannter breitgemacht. Es war im Jahr 2000, als in Sachsen die ersten Wolfswelpen geboren wurden. Zuvor war der Wolf ein Jahrhundert lang ausgestorben. Weil Wölfe unter strengem Schutz standen, konnten sie sich seitdem im ganzen Land verbreiten, insbesondere in den norddeutschen Flächenländern. Heute gibt es deutschlandweit 219 Rudel. Sie sind so gut etabliert in Deutschland, dass der Bundestag im März den Wolf ins Jagdgesetz aufnahm. In Zukunft kann er leichter bejagt werden. Niemand, sagte Landwirtschaftsminister Alois Rainer zu der Entscheidung, wolle den Wolf ausrotten. Er gehört, wie so vieles, längst dazu zum Deutschland im Jahr 2026.
