Goethe wäre zufrieden. Der Grundstein seines Elternhauses, von dem er als Kind hoffte, er würde bis an das Ende der Welt an seinem Platze bleiben, hat sich nicht vom Fleck bewegt. Dabei sollte er für kurze Zeit aus der Kellerwand des Frankfurter Goethehauses entfernt werden, um in einem Entsalzungsbad zu liegen, das er dringend nötig hat. Das Mauerwerk des alten Kellers ist hinter dem Stein nicht trocken. Das Wasser hat Mineralien aus dem roten Mainsandsteinblock hervorgetrieben, die die Oberfläche des Steins zerstört und eine Kruste gebildet haben. „Die Salze lösen die Korn-an-Korn-Bindung des Sandsteins“, sagt Katrin Elsner von Steyer Restaurierung aus Eppstein. Die Inschrift auf der Vorderseite ist deshalb nur noch zum Teil zu lesen. „L. F.“ steht dort eingemeißelt, für „Lapis fundamentalis“, also Grundstein, darunter die Ziffern der Jahreszahl 1755. Es ist das Jahr, in dem die Eltern des sechs Jahre alten Johann Wolfgang aus zwei Häusern am Großen Hirschgraben ein neues, großzügiges, schön gestaltetes machen. Im Zweiten Weltkrieg ausgebrannt und eingestürzt Goethe schildert das Leben der Familie im neuen Gebäude in seiner Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ und erwähnt in einer Latein-Hausaufgabe den Stein, der die Zerstörung Frankfurts im Zweiten Weltkrieg überstand, als das Haus ausbrannte und bis auf Brandmauern und Kellergewölbe einstürzte. In dieser Textpassage denkt er als etwas älteres Kind an die Grundsteinlegung zurück. „Ich sehe mich nehmlich in der Tiefe als einen Maurer gekleidet mit der Kelle in der Hand unter vielen Maurer-Gesellen stehen, und hatte den Steinmetzen-Meister zur Seiten“, heißt es im deutschen Teil der lateinischen Übersetzungsübung. Die handschriftlichen Originale dieser „Labores iuveniles“ liegen in der Frankfurter Universitätsbibliothek. Jetzt wird der Grundstein des Hauses, das Goethes verwitwete Mutter 1808 verkaufte, um sich eine bequeme Wohnung am Roßmarkt zu nehmen, aus konservatorischen Gründen untersucht. Spezialisten entfernen mit viel Zeitaufwand den außergewöhnlich harten Mörtel rund um den Stein. Beim Versuch der Entnahme stellt sich heraus, dass der Brocken, der leicht über den Rest der Wand hinaus vorsteht und aussieht wie eine aufgesetzte Platte, hinten und rechts tief in die Wand hineinreicht. „Wir können ihn nicht ausbauen, ohne dass das Mauerwerk Risse bekommt“, sagt Elsner. Also wird beschlossen, den Stein an seinem Platz zu belassen. Das Ende der Welt ist damit vorerst abgewendet, es geht ganz nach den Wünschen des kleinen Johann Wolfgang: „Ich gedencke und wünsche daß er nicht eher als mit dem Ende der Welt verrucket werden möge.“ Und zur Entsalzung bekommt der Stein demnächst Kompressen aufgelegt. Hoher einstelliger Millionenbetrag Aber nicht nur der Grundstein braucht Hilfe. In den vergangenen Jahren ist den Mitarbeitern klar geworden, dass das Goethehaus 75 Jahre nach seinem Wiederaufbau saniert werden muss. Es geht ihm besser als dem Lapis fundamentalis in seinem Kellerwinkel. „Das Haus trägt“, sagt Mareike Hennig, innerhalb des Hochstifts Leiterin des Goethehauses, der Goethe-Galerie und der Kunstsammlungen. Aber es gibt Risse in Putz und Stuck, zu denen die intensive Bautätigkeit in der Frankfurter Innenstadt in den Jahrzehnten seit 1951 das Ihre beigetragen hat. Bodenplatten haben sich verschoben, Tapeten und Stoffe von Vorhängen und Möbeln sind in die Jahre gekommen. Die Elektrik wurde zum letzten Mal vor knapp 40 Jahren erneuert, das Haus muss energetisch ertüchtigt werden, und an den Wänden hat es seit den Fünfzigerjahren bis zu sieben Farbfassungen gegeben, von denen des 19. Jahrhunderts ganz zu schweigen. Von ihnen weiß man durch die Arbeit der Kommission, die das Hochstift 1884 berief, um Einrichtung und Ausstattung des Hauses dem anzugleichen, was die Goethes kannten. Architekten, Künstler und Handwerker tagten, studierten Quellen und untersuchten das Haus Zentimeter für Zentimeter. Sie schauten überall nach Farbresten, unter Fußleisten und Beschlägen und sorgten so dafür, dass die späteren Hüter des Hauses über alle historischen Brüche hinweg mit einem bemerkenswerten Wissensstand über die Vergangenheit ausgestattet waren. Sanierung zwischen 2026 und 2032 Beim Wiederaufbau griff man auf die handwerklichen Methoden des 18. Jahrhunderts zurück. Haus und Wiederaufbau stehen deswegen gleich doppelt unter Denkmalschutz. Trotzdem gab es immer wieder notwendige Eingriffe und Veränderungen. Unter Hochstiftsdirektor Ernst Beutler, der das Überleben des Hauses durch genaue Pläne und Skizzen sowie die Auslagerung vieler Bestände sicherte, wurde in den Dreißigerjahren in Putz und Tapeten viel verändert, weil eine statische Ertüchtigung des Hauses mit Stahlträgern nötig wurde, die in manchen Bildern der Kriegsruine noch zu sehen sind. Die Atmosphäre des wiedererrichteten Hauses, dessen Bodendielen so angenehm knarzen, als stammten sie von 1755 und nicht aus dem Jahr 1951, soll trotz Sanierung erhalten bleiben. „Wir wollen auf keinen Fall den Eindruck erzeugen, dass alles blitzblank und neu ist“, sagt Hennig. Geplant ist eine Sanierung im laufenden Betrieb. Ein 230 Seiten langes Konzept des auf Baudenkmalpflege spezialisierten Architekturbüros Dreier aus Niederbrechen bei Limburg liegt vor. Das Goethehaus bleibt offen, anders als Goethes Wohnhaus am Frauenplan in Weimar, das ebenfalls saniert werden muss und vom November 2026 an für drei Jahre geschlossen wird. In Frankfurt soll die Sanierung in vier Bauabschnitten vollzogen werden; vermutlich kommt zunächst das Dach an die Reihe, dann werden die drei Geschosse darunter renoviert. Nach Möglichkeit sollen alle Arbeiten 2032 beendet sein. „Das wäre unser Wunsch“, sagt Hennig. Spendenkampagne beginnt Bis dahin wird es sechs Jahre lang dazu kommen, dass die Zimmer eines Stockwerks in Teilen oder in Gänze gesperrt werden. Das großzügige Treppenhaus, auf dem Goethes Vater beharrte, wird dafür sorgen, dass man an einer Etage mit Bautätigkeit vorbei weiter in die nächste gelangt. Geplant ist außerdem, aus der Baustellennot eine Besichtigungstugend zu machen, mit Einsichtsmöglichkeit in die jeweils gerade unzugänglichen Zimmer und Baustellenführungen. „Wir wollen die Baustelle mit in unser Programm aufnehmen“, sagt Hennig. Gänzlich geschlossen werden soll das Haus, das stolz darauf ist, sieben Tage die Woche geöffnet zu haben, höchstens für ein paar Tage, wenn die Arbeit an Fußböden oder ähnliche Arbeiten den Zutritt unmöglich machen. Öffentliche Hand und private Mittel All das wird etwas kosten. „Eine hohe einstellige Millionenzahl“, sagt Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts. Die Finanzierung ist noch nicht gesichert. Das Hochstift hofft auf die Unterstützung seiner Träger. Der Bund, das Land Hessen und die Stadt Frankfurt finanzieren seine Tätigkeit traditionell zu gleichen Teilen. Sie beteiligten sich auch an den Baukosten für das Deutsche Romantikmuseum, das neben dem Goethehaus errichtet und vor wenigen Jahren eröffnet wurde. Trotzdem ist klar: Eine Spendenkampagne wird notwendig sein. Sie wird im Lauf des Jahres offiziell beginnen. Schon jetzt aber kann man sich mit einer Spende auf das Konto des Freien Deutschen Hochstifts unter der IBAN DE34 5007 0010 0092 7368 05 und der BIC DEUTDEFFXXX sowie der Angabe des Verwendungszwecks „Sanierung Frankfurter Goethe-Haus“ am Hausputz bei Goethes beteiligen. Dabei baut das Hochstift auf die Zuneigung, die Goethe und seinem Elternhaus in Frankfurt und anderswo entgegengebracht wird. „Das Haus ist im Bewusstsein der Frankfurter fest verankert“, sagt Hennig. Es bedeute ihnen etwas. Sie ist sich sicher, dass sich auch Goethe-Fans aus ganz Deutschland und dem Rest der Welt an der Spendenkampagne beteiligen wollen: „Es ist ihnen ein Herzensanliegen.“ Baubeginn Ende des Jahres Schon der Kauf des Hauses, das damals schon längst nicht mehr den Goethes gehörte, wurde vom gerade erst gegründeten Freien Deutschen Hochstift im Jahr 1863 mithilfe von Anteilscheinen finanziert. Frankfurter und Goethe-Freunde aus aller Welt sammelten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs für den Wiederaufbau des Hauses ebenso Geld und spendeten für den Ankauf wichtiger Teile der Kunstsammlungen und des Handschriftenschatzes in den Jahrzehnten vor und nach dem Krieg. Für den Bau und die Innenausstattung des Romantikmuseums kamen Spenden in Höhe von 6,5 Millionen Euro zusammen. Eine vergleichbare Anstrengung wird jetzt vonnöten sein. Die Ausschreibung der ersten Gewerke soll in diesem Jahr abgeschlossen sein. Das Hochstift hofft, Ende 2026 mit den Sanierungsarbeiten beginnen zu können. Zunächst aber wird im Mai an das Ende des Wiederaufbaus vor 75 Jahren erinnert. Am 10. Mai 1951 war aus diesem Anlass Bundespräsident Theodor Heuss zu Besuch gekommen. Den Beginn des Wiederaufbaus hatte der französische Nobelpreisträger André Gide gewürdigt, und mittendrin hatte 1949 Thomas Mann auf der Baustelle vorbeigeschaut. Er befand sich damals auf seiner ersten Reise durch die Besatzungszonen nach der Vertreibung seiner Familie aus Deutschland. Zum Jahrestag bittet das Hochstift alle Frankfurter und Goethe-Freunde, Fotos des Goethehauses aus den vergangenen 75 Jahren aus Alben und Dateiordnern hervorzusuchen. Von April an soll man sie auf der Internetseite freies-deutsches-hochstift.de hochladen können, das dafür nötige Upload-Portal wird derzeit vorbereitet. Am 7. Mai führt Nina Sonntag von 18.15 Uhr an durch das Goethehaus und gibt einen ersten Einblick in das Sanierungsvorhaben. Bis dahin ist die virtuelle Ausstellung „Von der Zerstörung zum Wiederaufbau des Frankfurter Goethe-Hauses 1944 bis 1951“ auf der Internetseite des Hochstifts noch immer einen Blick wert.
