Kaum jemand wird sich der Faszination der frisch sanierten Hohenzollerngruft unter dem Berliner Dom entziehen können. Sechs Jahre lang hat die Renovierung der 1400 Quadratmeter mit 91 Sarkophagen gedauert. Nun befinden sie sich unter einem weiß getünchten Deckengewölbe direkt unter der Predigtkirche. Gesichert sind sie von einem Lichtschrankensystem, das rot aufleuchtet, wenn sich ein Besucher unbedacht einem Sarkophag nähert. Auf der Lichtleiste erscheinen Name und Lebensdaten der Toten. Am Wochenende wurde sie mit einem Tag der offenen Tür und einem Festgottesdienst wieder eröffnet. Mehr als 12.000 Besucher besichtigten an den beiden Tagen die sanierte Gruft, wie der Dom mitteilte. Unter den Hohenzollern war Berlin von der Residenz der Kurfürsten zum Zentrum Preußens und später des Deutschen Reiches geworden. Die Hohenzollerngruft als Legitimation der Herrscherfamilie geht auf das Jahr 1536 zurück und ist eine der größten dynastischen Grablegen Europas, vergleichbar der Kapuzinergruft in Wien und dem Escorial in Madrid. Sie befand sich zunächst unter einem ehemaligen Dominikanerkloster neben dem Berliner Schloss, dann im 1905 fertiggestellten Dom und in der 1975 abgerissenen Denkmalskirche und ist erst seit 1999 öffentlich zugänglich. Während des Zweiten Weltkriegs, als die brennende Kuppel des Doms in die Gruft stürzte, wurden fünf Särge vollständig zerstört. Auch am Marmorsarg des Großen Kurfürsten platzten die Ecken ab. Die Kosten stiegen auf 29 Millionen Euro Die feuchte Luft in unmittelbarer Nähe der Spree und die Atemluft der Besucher (2019 waren es 765.000 in Dom und Gruft) beschädigten die Särge. Es bildete sich Schimmel, und der Zinkfraß ließ die Wände einiger Särge korrodieren. Nun sorgt eine moderne Klimaanlage, die völlig lautlos ist und in den Hohlraum zwischen Predigtkirche und Gewölbe der Gruft eingezogen wurde, für das richtige Raumklima. Die enorme Technik ist für die Betrachter nicht sichtbar, hat aber die Kosten in die Höhe getrieben, die zunächst auf 17,3 Millionen Euro beziffert wurden. Der Corona-Lockdown und die Ukrainekrise haben die Kosten zusätzlich auf insgesamt 29 Millionen Euro steigen lassen. Der Dom muss 9,3 Millionen Euro selbst aufbringen, die übrigen Kosten teilen sich der Bund und das Land Berlin. Kindersterblichkeit auch im Hochadel 33 der 91 Sarkophage sind klein, in manchen kann nur ein wenige Monate alter Säugling liegen. Die Kindersterblichkeit war auch im Hochadel extrem ausgeprägt. Oft wurden die Kinder von Ammen gestillt und bekamen zu früh feste Nahrung, aber auch Infektionskrankheiten setzten ihnen zu. Wer von der Predigtkirche des Doms die schmale Treppe in die Gruft nimmt, gelangt an der Kopie eines historischen Trauerzugs vorbei in einen Vermittlungsraum. Hier sollen die Besucher sich sammeln, erfahren in einfachen Worten etwas über die Bestattungskultur, die Beschaffenheit der Särge aus Zink, Zinn, Holz und Marmor. In einem gläsernen Schaukasten ist das barocke goldfarbene Totenkleid aus Damast der Prinzessin Charlotte Albertine zu sehen, die in einem schlichten Eichensarg beigesetzt wurde. Die Tochter von König Friedrich Wilhelm I. und Sophie Dorothea von Hannover war nur etwas mehr als ein Jahr alt geworden. Auch der vor ihr geborene Bruder, Prinz Friedrich Ludwig, starb nach sechs Monaten an einer fieberhaften Kinderkrankheit, dem sogenannten Scheuerchen. Den 1708 entstandenen Prunksarg aus Zink hatte Andreas Schlüter entworfen. Vier ihrer früh verstorbenen Kinder ließ Sophie Dorothea als lebensgroße Wachsfiguren nachbilden. Bewusst wurden die Schäden an den Figuren nur ausgebessert, blieben aber sichtbar. Acht Tonnen schwere Marmorsärge Besonders anrührend ist ein mit weißen, aus Stein gehauenen Rosenblüten verzierter Kindersarg in einem Nebenraum, dessen Deckel ein M aus Blätterwerk ziert. „Hier liegt die preußische Prinzessin Viktoria Marina, die am Tag ihrer Geburt (am 4. September 1915) starb und als letzte in der Gruft beigesetzt wurde“, sagt Dombaumeisterin Sonja Tubbesing, die seit dem Jahr 2020 für die Sanierung und sämtliche Bauvorhaben am wilhelminischen Dom zuständig ist. Die riesigen Marmorsärge aus ganzen Marmorblöcken wiegen acht Tonnen und waren schwer zu transportieren, sie konnten schließlich nicht gekippt werden. Tubbesing ist anzumerken, dass der Respekt vor den Verstorbenen auch den Umgang mit ihren sterblichen Überresten während der Sanierungsphase leitete. Die Angst vor dem Sterben, die Frage, was danach sein wird und ob überhaupt etwas sein wird, ist für sie die Brücke in die Gegenwart. Die Besucher können ihren Besuch als Memento mori – als Erinnerung an das Sterben – lesen und dabei je nach Zeitbudget die Lebensgeschichte der dort Bestatteten erfahren. Die teilweise prunkvoll verzierten Sarkophage und Särge stehen im sanierten Gewölbe wieder wie bei der Einweihung des Doms im Jahr 1905 chronologisch angeordnet. Einer der riesigen Marmorsärge birgt Friedrich Wilhelm von Brandenburg, den Großen Kurfürsten, der die Hugenotten ansiedelte und das Land nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges stabilisierte. Dahinter liegen der erste König in Preußen, Friedrich I., und seine zweite Ehefrau Königin Sophie Charlotte von Hannover, die Wissenschaft und Kunst in Berlin in besonderem Maße förderte.
