FAZ 02.03.2026
15:17 Uhr

Im Auto mit Özdemir: Krieg in Iran, Brezeln in Schwetzingen


Cem Özdemir tourt durch Baden-Württemberg, spricht über Demokratie, schüttelt Hände – und führt einen ganz auf seine Person zugeschnittenen Wahlkampf. Wird es bei der Landtagswahl für ihn reichen?

Im Auto mit Özdemir: Krieg in Iran, Brezeln in Schwetzingen

Während die USA Iran angreifen, steht Cem Özdemir im Welde Brauhaus in Schwetzingen auf der Bühne und sagt: „Wir leben in verrückten Zeiten.“ Morgens, beim Rasieren höre er Deutschlandfunk und müsse aufpassen, sich nicht zu schneiden. Er könne kaum glauben, was dieser Trump wieder einmal gesagt oder getan habe. Manchmal wünsche er sich sogar Ronald Reagan oder George W. Bush zurück. Einige Zuhörer schmunzeln, obwohl es nichts zu schmunzeln gibt. Den amerikanischen Angriff auf Iran erwähnt Özdemir nicht. Wahlkämpfe im Land folgen einer eigenen Dramaturgie. Außenpolitik taucht meist erst dann auf, wenn sie sich in Industrie-, Energie- oder Standortpolitik übersetzen lässt. Özdemir, Spitzen­kandidat der baden-württembergischen Grünen, hat an diesem Samstag ein besonders eng getaktetes Programm. Er spricht in drei „Townhalls“, nach Schwetzingen tritt er in Weinheim auf, am Abend in Mannheim und dazwischen muss er beim SV Sandhofen Elfmeter schießen. Cem Özdemir und sein Team strahlen freudige Professionalität aus. Laut der neusten Umfrage liegt Özdemir fast gleichauf mit dem Spitzenkandidaten der CDU Manuel Hagel. Fragt man die Leute in Schwetzingen nach Hagel, sagen sie: „zu jung, zu blass, zu glatt.“ Die Sache mit der rehäugigen Schülerin namens Eva, von der Hagel 2018 nach einen Schulbesuch schwärmte, interessiert hier hingegen niemanden. Hagels Aussage sei sexistisch gewesen, sagt ein älterer Herr, aber die Medien hätten die Sache kräftig aufgebauscht. Und Özdemir? „Der wäre ein guter Landesvater.“ Dass Boris Palmer ihn getraut habe, sei doch eine tolle Idee gewesen. Eine kluge Strategie, um sich ein konservatives Image zu ver­leihen, könnte man auch sagen. Viel Özdemir, wenig Partei „Özdemir – Der kann es“ lautet der Wahlslogan. Sehr viel Özdemir, möglichst wenig Partei war von Anfang an die Devise. Özdemirs Gesicht kennt man seit Jahrzehnten. Es ist ein offenes, waches Gesicht. Redet oder diskutiert Özdemir, zieht er häufig die Augenbrauen zusammen und wirkt sehr ernst. Doch er vergisst nie, hin und wieder zu lächeln, auch in Schwetzingen nicht. Besonders, wenn er Spitzen gegen Berlin oder den „Food-Blogger“ Söder verteilt, hat dieses Lächeln etwas Spitzbübisches. Özdemir ist lange genug im politischen Geschäft, um seine Miene unter Kontrolle zu halten. Selbst bei Selfies entgleist ihm nichts. In Schwetzingen betont Özdemir, wo die Feinde sitzen: In Washington, weil Trump die EU zerstören wolle, in Peking, das unfair spiele und den europäischen Markt mit billigen Autos überschwemme, sowie in Ankara. Für Baden-Württemberg schwebt ihm ein eigenes Palantir vor. Dass die baden-württembergische Polizei die Software „Gotham“ des Antidemokraten Peter Thiel künftig nutzen wird, ist Özdemir ein Dorn im Auge. Überhaupt die Techkonzerne: „Hier gilt europäisches Recht.“ Die Menschen im Saal jubeln. Auch das Auto der Zukunft soll natürlich aus Baden-Württemberg kommen. Trotzdem ist Özdemir kein Schönwetterredner. Rechtsradikalismus, Linksradikalismus, Islamismus – er benennt die Gefahren durch antidemokra­tische Kräfte. Andere Länder, sagt er, beneideten uns um unsere Demokratie. Noch. Man könne ja den Versuch wagen, so Özdemir sinngemäß, einer politischen Kraft die Stimme zu geben, die sich nicht mehr an die Spielregeln der liberalen Demokratie gebunden fühlt – in der Annahme, Institutionen würden das aushalten. Es könnte sich dann allerdings um die letzte freie Wahl gehandelt haben. Zwei Stunden später empfängt die grüne Direktkandidatin Fadime Tuncer Özdemir im Modernen Theater in Weinheim. Es gibt Popcorn, der Saal ist voll, viele müssen stehen. Als Özdemir eintrifft, hält er sofort nach freien Plätzen Ausschau. „Dort hinten ist doch noch was frei“, sagt er. Die Sätze, die in Schwetzingen gut funktioniert haben, funktionieren auch in Weinheim, obwohl Özdemir einen pathetischeren Ton anschlägt. Es geht um Bildungspolitik, um die vielen Talente aus unterprivilegierten Familien die un­terwegs verloren gehen – „die kleinen Einsteins, die kleinen Marie Curies.“ Zustimmendes Murmeln, Kopfnicken. Özdemir, der in Bad Urach geboren wurde, stammt aus einer Arbeiterfamilie. Bis zur vierten Klasse, erzählt er, habe er eine Fünf in Deutsch gehabt. Die Prognose sei schlecht gewesen: „Der wird nie Deutsch lernen.“ Und da Özdemir weiß, dass das Späßchen ankommt, fügt er hinzu: Stimme ja auch irgendwie. Gelächter. Je­denfalls habe seine Deutschlehrerin irgendwann die fehlerhaften Wörter nicht länger rot angestrichen, sondern die richtigen grün. Für Selfies steht Özdemir auch in Weinheim bereit. Eine ältere Dame schenkt ihm eine Flasche Wein, und er bedankt sich überschwänglich. Auffallend versöhnliche Töne Das Auto, in dem Özdemir von Termin zu Termin gefahren wird, sieht aus, als sei eine Familie unterwegs in den Urlaub, der Kofferraum ist voll, im Fußraum stehen Turnschuhe. Eine halbe Stunde dauert die Fahrt von Weinheim nach Mannheim zum SV Sandhofen. Die ersten zehn Minuten, sagt seine Mitarbeiterin, müsse Herr Özdemir in Ruhe seine Mails checken und kurz durchatmen, also keine Fragen bitte. Özdemir ist derart in sein Handy vertieft, dass er gar nicht reagiert, als ihm ein Müsliriegel angeboten wird. Nachdem er das Wichtigste erledigt hat, ist er ganz da, zugewandt, entspannte Gesichtszüge. Gewinnt er die Wahl am 8. März? Er lächelt. „Es gab zu Beginn meiner Kandidatur viele Stimmen, die gesagt haben: Herr Özdemir, Sie werden nicht Ministerpräsident, und Sie wissen das selbst. Ich habe immer gesagt, dass das Rennen offen ist.“ Und warum schlägt er, der von vielen Seiten angefeindet wird, auffallend versöhnliche Töne an? „Der politische Hauptgegner ist nicht die SPD oder die CDU, sondern die AfD. Und das muss sich auch in meiner Sprache und meiner Rhetorik zeigen. Wenn wir anfangen, uns sprachlich auf das Niveau der AfD zu begeben, verwischen die Unterschiede – genau darauf setzt ihre Strategie der Normalisierung. Dagegen stelle ich mich bewusst.“ Als Özdemir am Vormittag in Schwetzingen sagte, der Feind säße auch in Ankara, meinte er Erdoğans Versuche der Einflussnahme. Erdoğan griff Özdemir mehrfach verbal an und hetzt türkische Nationalisten auf ihn, die Özdemir und seine Familie immer wieder bedrohen. „Erdoğan-Anhänger mobilisieren massiv gegen mich in türkischen Vereinen und setzen die Menschen unter Druck. Das geht so weit, dass Leute, die sich offen zu den Werten dieses Landes bekennen, Angst bekommen. Aber so etwas motiviert mich auch. Schließlich ist es nicht akzeptabel, dass der lange Arm Erdogans auch bei uns in Baden-Württemberg Angst machen soll.“ Eine seiner Mitarbeiterinnen dreht sich zu uns um: „Wir sind in fünf Minuten da.“ Beim sozial engagierten SV Sandhofen, der Kindern aus sozial schwächeren Vierteln ein Sportangebot machen möchte, wird Özdemir mit Applaus empfangen. Händeschütteln, die üblichen Fotos. Vom Kunstrasen des Fußballplatzes hebt Özdemir einen winzigen Fetzten Papier auf. „Ein Tick von mir“, sagt er. Das Elfmeterschießen verliert Özdemir zwar, aber er ist ja auch Handballer. Oder, wie er in Weinheim sagte: „Es schadet nicht, wenn der nächste Ministerpräsident von Baden-Württemberg Handballerfähigkeiten hat.“ Am Morgen hat Cem Özdemir vom amerikanischen Angriff auf Iran gehört. Am Nachmittag geht es um Integration, unterfinanzierte Kommunen und Sportgeist. Verrückte Zeiten.