FAZ 16.12.2025
06:22 Uhr

Ikone der Literatur: Jane Austen und ihre bösesten Figuren


Man verbindet Jane Austen gern mit arrangierten Ehen und englischer Landhaus-Betulichkeit. Doch die Schriftstellerin entlarvte erbarmungslos die Dummheit ihrer Zeit: Eine Galerie ihrer bösesten Figuren zum 250. Geburtstag.

Ikone der Literatur: Jane Austen und ihre bösesten Figuren

Vielen gilt Jane Austen, die heute vor 250 Jahren im englischen Steventon (Hamp­shire) geboren wurde, als ei­ne freundliche Schriftstellerin. Dieser Ansicht zufolge hat sie die englische gute Landgesellschaft des niederen Adels geschildert, ihr Leben in schön hergerichteten Häusern, die meist erfolgreich ausgehende Anbahnung ihrer Ehen und die Liebe auf den zweiten Blick. Streit, Gewalt und Tod waren nicht ihre Sache. Da ihre Romane sich oft über jene gesellschaftlichen Konventionen lustig machen, die eine Heirat zunächst verhindern, könnten sie der Gattung der Komödie zugerechnet werden. Wir wollen das gar nicht bestreiten und hier doch einer anderen Jane Austen ehrend gedenken. Der boshaften, die wenig Federlesen macht mit der Dummheit, die sie umgab. Der Beobachterin von Eigendünkel und Niedertracht, Angeberei und leeren Herzen. Sie konnte, wie es Elsa Maletzke einmal formuliert hat, „sehr präzise mit der Stickschere zustechen“. Und sie konnte Verzweiflung schildern wie wenige Autoren ihrer Zeit. Die folgenden Miniaturen versuchen, das zu belegen. Das schamlose Selbstlob des John Thorpe John Thorpe ist der komische Schurke in „Die Abtei von Northanger“. Ein Schurke nicht seiner Taten halber, sondern wegen seiner Redensarten. Er kommt sich sehr großartig vor, weiß alles besser, lobt vorzugsweise sich selbst und sagt in jedem dritten Satz „verdammt“. Schätzt jemand eine Wegstrecke auf 23 Meilen, meint er „Es sind mindestens 25“. Meint jemand kurz danach, die Pferde müssten ausruhen, weiß er, seines habe doch nur 23 Meilen zurückgelegt, und „nichts ruiniert Pferde so sehr wie Ruhe“. Das Urteil über ihn ist gesprochen, als er mitteilt, für Romane habe er keine Zeit, schon gar nicht für „Udolpho“, er lese allenfalls die von Frau Radcliffe. „Udolpho wurde von Frau Radcliffe geschrieben“, sagt die Heldin des Romans, „mit einigem Zögern, aus Angst, ihn zu beschämen“. Da lenkt Thorpe, dem jede Scham fremd ist, ab, er habe einen anderes dummes Buch gemeint, so, als könne er ein Buch, das er gelesen hat, mit einem Buch, das er nicht gelesen hat, verwechselt haben. Ein urteilsfreudiger Schwätzer also, ein Abgrund von Geschwätz, das nur dazu dient, ihm stets das letzte Wort zu geben. Damit glaubt er, bei Catherine Morland Eindruck zu machen. Ja, macht er auch, aber nur den allerschlechtesten. „Thorpes Gedanken wandten sich dann wieder den Vorzügen der eigenen Kutsche zu“ – Flaubert hätte einen von Selbstlob Aufgeblasenen nicht schärfer zeichnen können. Von der Heldin des Romans lässt er erst ab, als er merkt, dass bei ihr nichts zu holen ist. Die Abtei von Northanger, Kapitel 7 Mr. Collins macht einen Heiratsantrag Elisabeth Bennet fürchtet sich in „Stolz und Vorurteil“ davor, aber es gelingt ihr nicht, sich der Situation zu entziehen, in der Mr. Collins allein mit ihr sprechen möchte. Sein langatmiger Heiratsantrag geht so: Er verstehe, dass sie sich ihm entziehen wolle, das spreche für ihre Tugendhaftigkeit, ihre natürliche Scheu gebiete es ihr, sich überrascht und unvorbereitet zu geben. Aber es sei doch alles klar. Unter den Gründen, die er anführt, sie heiraten zu wollen, findet sich seine Überzeugung, dadurch sein irdisches Glück zu mehren, aber kein einziger Satz über sie. Mr. Collins spricht nicht von Liebe. Selbst wenn er es täte, liefe es auf dasselbe hinaus. Man kennt das: Ich liebe dich, weil du dies oder das für mich getan hast, weil du wichtig für mich warst, mir hier und da geholfen hast. Ich liebe dich für deine Leistungen. Dass Liebe der Existenz des anderen gilt, davon kein Wort. „Bleibt noch zu berichten, warum ich meine Blicke gerade auf ihr Haus wandte, obgleich doch in meiner Nachbarschaft mehr als ein junges Mädchen meiner Werbung würdig ist.“ Warum also? Weil er nach dem Tod ihres Vaters dessen Besitz erben werde und es sein Gewissen beruhige, eine seiner Töchter zu ehelichen, damit sie es nicht so schmerzhaft empfinde, beim Erbe übergangen worden zu sein. Kurz: Ich möchte dich heiraten, damit du mir dankbar bist. Es ist der schlimmste Heiratsantrag, der in der Literatur jemals gemacht wurde. Stolz und Vorurteil, Kapitel 19 Die neidische Mrs. Norris Der englische Bildungsroman folgt, von Jane Austen über Charlotte Brontë bis Charles Dickens, einem leicht fasslichen und anrührenden Schema: Das Kind ist gut, es gibt böse Erwachsene, und die jungen Leute, die oft Waisen sind, Adoptivkinder oder arme Verwandte, müssen durch die Bösartigkeiten ihrer Erziehungsberechtigten irgendwie hindurchfinden. Am Ende obsiegt die Unschuld. In „Mansfield Park“, dem schönsten Roman von Jane Austen, vertritt Tante Norris den niederträchtigen Blick der bösen Älteren. Sie schaut auf Fanny Price herab, weil das Kind einer armen Familie bei seiner reichen Tante im Kreis ihrer Cousinen und Cousins aufwächst, ohne in deren Familie ganz willkommen zu sein. Auf diesem Un­terschied hackt Tante Norris ständig herum. Wir würden heute sagen, sie „mobbt“ Fanny. Sie kann „nie auch nur den hundertsten Teil der Zuneigung“ für sie empfinden wie für die Kinder der reichen Schwester. Weshalb? Sie sagt es nicht, aber Jane Austen lässt keinen Zweifel daran, dass es die Eigeninteressen der Tante sind, die sie Partei nehmen lässt gegen das „fremde“ Kind. Mansfield Park, Kapitel 1 Die intrigante Boshaftigkeit der Lucy Steele Die kaum erträgliche Gesellschaft von Sir John Middleton und seiner Familie auf Barton Park, derer Elinor und Marianne Dashwood sich in „Verstand und Gefühl“ selten erwehren können, bekommt eines Tages Zuwachs in Gestalt der Schwestern Steele. Lucy Steele ist zwar mit so etwas Ähnlichem wie Bauernschläue gesegnet, allerdings hat sie jede Mühe gescheut, ihre Fähigkeiten durch Bildung zu regulieren. Das macht sie zur wohl boshaftesten Figur, die Austen erdacht hat. Keiner sind die Gefühle anderer so vollkommen egal wie Lucy Steele, wenn sie ihr nicht dienlich sind. Die Speichelleckerin erster Güte ar­beitet beharrlich daran, sich in Barton Parks lächerlicher Rangordnung einen möglichst günstigen Platz zu verschaffen. Weil Lucy von Feingefühl allenfalls gehört hat und „Unaufrichtigkeit mit Unwissenheit“ konsequent verbindet, möchte selbst die geduldige Elinor sie meiden, ihre impulsive Schwester Marianne hat schon längst das Weite gesucht. Ohnedies ist es Elinor, der Lucy übel mitspielen möchte, denn sie ist schon seit Jahren heimlich mit Edward Ferrars verlobt, der sich inzwischen für Elinor interessiert. Das weiß die perfide Lucy, und so offenbart sie sich ihrer Kontrahentin, nur um ihr umgehend das Versprechen abzuringen, niemanden je von ihrer heimlichen Verlobung zu erzählen. Schlimmer noch, sie bittet die so Verletzte auch noch um Beistand und wedelt mit allerlei Belegen wie Briefen und einer Miniatur des Liebesobjekts, um jegliche Zweifel Elinors auszuräumen. Während die intrigante Lucy ei­ne Doppelstrategie der Selbstentlastung und Machtausübung praktiziert, bleibt Elinor verzweifelt wie nie zuvor und vollkommen allein mit ihrem Schmerz zurück, die sie fast zu Boden reißt. Wegen ihres Versprechens kann die redliche Elinor sich nicht einmal ihrer Schwester Marianne anvertrauen, fast bis zum Ende des Romans bleibt sie mit Lucys Geheimnis vollkommen allein und erst kurz vor knapp klärt sich, wem Edward Ferrars denn nun zugeneigt ist. Lucy aber endet immerhin in der voraussichtlichen Hölle einer Ehe mit Edwards dumpfen Bruder. Verstand und Gefühl, Kapitel 27 Augen zu bei der Partnerinnenwahl? Die Ehe der Bennets ist ein hoffnungsloser Fall: Die Gattin eine „Frau von geringem Verstand“, die stets strapazierte Laune auf ihr gereiztes Nervenkostüm schiebt, wenig von der Welt weiß, der Ehemann betreibt Welt- und Eheflucht in seiner Bibliothek. Weder für seine Töchter noch für deren finanzielle Absicherung trägt er in „Stolz und Vorurteil“ Sorge. Auch deshalb macht Mrs. Bennet sich die Verheiratung ihrer Töchter zum Lebensinhalt, nur halbherzig unterstützt von deren Vater. Der setzt den riskanten Verheiratungsstrategien seiner Frau zudem so gut wie nichts entgegen. Weder schützt er Jane vor einer um 1800 nicht ungefährlichen Grippeerkrankung noch Lydia davor, sich in Brighton unbeaufsichtigt Mr. Wickham an den Hals zu werfen und dann mit ihm durchzubrennen, obwohl seine Tochter Elizabeth ihn vor den Konsequenzen seines Tuns eindringlich gewarnt hat. Er will eben seine Ruhe haben und setzt dafür leichtfertig die Zukunft all seiner Töchter aufs Spiel, denn von Lydias drohender gesellschaftlicher Ächtung wären sie alle mitbetroffen. Sogar die Verheiratung seiner durchgebrannten Tochter müssen andere für ihn regeln, namentlich sein Schwager Mr. Gardiner und sein Schwiegersohn in spe Fitz­william Darcy. Mrs. Bennet hat sich derweil aufs Krankenlager geworfen, von dem sie sich nach Lydias Hochzeit flugs erhebt, um mit der neuen Mrs. Wickham in der Nachbarschaft anzugeben. Mr. Bennet hat­te das frisch getraute Ehepaar eigentlich des Hauses verwiesen, sich aber seiner Frau wieder einmal nicht erwehren können. Die könnte doch, so schlägt Austen hinterlistig vor, jetzt wo sie ihre beiden verdienstvollsten Töchter Jane und Elizabeth losgeworden ist, künftig als vernünftige und liebenswerte Frau durchs Leben gehen. Ob Mr. Bennet solch häusliche Glückseligkeit überhaupt verkraftet hätte, sei jedoch fraglich. Und so ist vor allem zu seinem Wohl, dass seine Angetraute ge­legentlich nervös und ausdauernd töricht bleibt. Seine Partnerwahl hat Mr. Bennet wohl doch nicht so blind getroffen, wie man beim Lesen gern glauben möchte. Stolz und Vorurteil, Kapitel 1 und 61 Der Eitelkeit wird nie Genüge getan Sir Walter Eliot ist ein eitler Fatzke, da­ran lässt Jane Austen schon zu Beginn ihres letzten Romans „Überredung“ keinen Zwei­fel. Privat liest er nur den Debrett und da am liebsten die Seiten über die eigene Familie. „Vanity was the beginning and the end of Sir Walter Elliot’s character; vanity in person and of situation.“ Seine inzwischen verstorbene Frau hatte bis zu ihrem Tod regulierend eingegriffen und ihm geholfen, auch finanziell Maß zu halten. Doch nach ihrem Tod waren alle Dämme gebrochen. Sir Walter ist so hoch verschuldet, dass er seinen Familiensitz vermieten und nach Bath übersiedeln muss. Ein alternder Beau, der so viel Wert auf seine Erscheinung legt, dass kaum eine Frau mithalten kann, mag ja noch erträglich sein. Was Sir Walter ihn zu einem wahren Unsympathen macht, ist seine Fixierung nicht nur auf das eigene, sondern auf das Aussehen aller anderen. Sein Haus an einen Offizier der Royal Navy zu vermieten, kommt wegen dessen möglicherweise wettergegerbten Gesichtshaut nicht infrage. Sir Walters Adelstitel ist zwar von unterstem Rang, aber die Vorstellung, er sei aufgrund seines Standes etwas Bes­seres, quillt aus jeder Pore, auf die er gern das Anti-Aging-Produkt Gowland’s Lotion schmiert. Schlimmer noch: Das Gute vermag er nicht zu schätzen, nicht einmal in Form seiner mittleren Tochter Anne. „She was only Anne“, ist wohl einer der grausamsten Sätze der Literaturgeschichte, denn er gilt der sympathischsten und zugleich verletzlichsten Figur des Romans. Als Anne Elliot den Teufelskreis aus vä­terlicher Vernachlässigung, Standesdünkel und Abwertung verlässt, macht sie sich den Weg frei für ihr Glück mit einem wettergegerbten Kapitän. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Überredung, Kapitel 1 Mr. Elton hat ein ganz eigenes Niveau Emma Woodhouse möchte im gleichnamigen Roman den örtlichen Pfarrer Mr. Elton gern mit ihrer Freundin Harriet Smith verkuppeln. Die junge Frau ist allerdings von ungeklärter Herkunft, die Emma als eine noble romantisiert. Dass der Pfarrer für sich eine weitaus bessere Partie wittert, nämlich mit Emma, kommt der erst in den Sinn, als Mr. Elton sich ihr bei einer Kutschfahrt zu Füßen wirft. Harriet Smith war nie das Objekt seiner Begierde, schließlich habe er bessere Aussichten auf eine standesgemäße Verbindung. Den Namen der jungen Miss Smith spuckt er nahezu aus, als er erklärt „no doubt, there are men who might not object to – Everybody has their level, I am not, I think, quite so much at a loss“: Ich wünsche ihr das Beste, denn es gibt zweifellos Männer, die nichts dagegen hätten. Jedermann hat indessen sein Niveau, und was mich betrifft, weiß ich genau, was ich will. Ich brauche doch wegen einer ebenbürtigen Verbindung nicht derart ohne Hoffnung zu sein, um mich einer Miss Smith zuzuwenden.“ Emma, Kapitel 15 Diese Miniaturen ließen sich fortsetzen: die tyrannischen wie vernachlässigende Mütter der Oberschicht wie Lady Bertram, die ihren Mops mehr liebt als ihre Kinder und die ihre Tochter ins Unglück rennen lässt, während sie beide Augen davor verschließt, worauf ihr Wohlstand beruht, nämlich auf Sklavenarbeit einer karibischen Zuckerplantage. Eigentlich ist ihr alles egal. Oder Mrs. Ferrars, die mit Drohungen ihren Sohn Edward zur Räson bringen will, und als der nicht spurt, ge­gen jede Vernunft den Taugenichts Robert favorisiert, nur um dann doch mit Lucy Steele als Schwiegertochter zu enden. Mütter sind bei Austen vor allem dann gut, wenn sie bereits tot sind. Auch die Väter sind nicht eben Leuchten: Mr. Dashwood lässt seine zweite Frau und drei Töchter an der Armutsschwelle zurück, Mr. Woodhouse ist derart mit seinen Krankheiten beschäftigt, dass die Welt seiner Tochter Emma, deren Fürsorge er ständig beansprucht, klein ist. Nicht einmal das zwanzig Meilen entfernte Meer hat sie je gesehen. Da nützt es auch nichts, „schön, gescheit und reich“ zu sein. Was die Kinder der Eltons dereinst erdulden müssen, stellen wir uns lieber nicht vor. Die Leser von Jane Austen müssen sich mithin auf mehr gefasst machen, als es die schönen Bilder von englischen Parklandschaften, hübschen Kleidern und Flirts unter Landedelleuten ahnen lassen. Das durfte aus Anlass ihres Jubiläums einmal gezeigt werden.