FAZ 01.02.2026
11:20 Uhr

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Der Siebenmeilenanzug mit Elektro-Antrieb


Im Test: Das Hypershell-Exoskelett für Wanderer und Skitourengeher. Damit soll jeder jeden Gipfel erreichen können.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Der Siebenmeilenanzug mit Elektro-Antrieb

Braucht man das? Muss das mit? Diese Frage zermürbt Reisende immer wieder. In dieser Rubrik testet die Redaktion in loser Folge Erfindungen, die das Reisen schöner oder leichter machen sollen. Nie mehr außer Atem am Berg! Wäre das nicht wundervoll? Mühelos aufsteigen, kein Japsen, die Beine laufen fast wie von allein. Das zumindest verspricht das Werbevideo von Hypershell: „Warum sollen schmerzende Knie oder müde Lungen entscheiden, was du erkunden kannst? Was, wenn der nächste Gipfel keine Frage, sondern ein Plan wäre?“ Das Ding, ein Exoskelett, muss her, leihen kann man es nun beim Skiverleih am Kärntner Dreiländereck. Man zieht es wie einen Klettergurt an. Ein breites Band um die Hüfte, dazu zwei Beinschlaufen mit Metallgelenken und -verstärkung. Das Ganze wiegt knapp zwei Kilo. Am Rückenteil steckt der Akku, links und rechts sind zwei runde, flache Knöpfe angebracht, so groß wie ein Eishockey-Puck. Das sind jetzt meine beiden zusätzlichen Hüften, keine Implantate, sondern außen montiert, eben ein Exoskelett. Solche Außenskelette sind bei Spinnen und Krebsen ein Teil ihres Körpers; die künstlichen sind zum Umschnallen. Handwerker, die in Kopfhöhe arbeiten müssen, tragen Schulter-Exoskelette. Auch die Berliner Feuerwehr testet Modelle zum Treppen-Hinaufrennen. Es hilft tatsächlich auf die Sprünge Vergangenen Dezember spendete der Hersteller Hypershell nach dem verheerenden Brand im Wang Fuk Court in Hongkong den Einsatzkräften dort 200 Exoskelette. Laut Pressesprecher Leo Lei mussten diese über 30 Stockwerke zu Fuß hinauf. Anschließend hätten die Einsatzkräfte gelobt, dass die Ausrüstung ihren Beinen einen „Lifting-Effekt“ verliehen habe. In der Medizin werden Exoskelette ebenfalls eingesetzt, seien es Orthesen am Knie oder umfangreiche Apparaturen, mit denen Querschnittgelähmte laufen (lernen) können. Nun sollen sie also auch Freizeitsportlern auf die Sprünge helfen. Wanderführer Jörg Schmöe macht den Test mit mir zusammen, er soll künftige Exo-Gruppen begleiten. Die Gestelle werden per App personalisiert, ich gebe Größe und Gewicht ein. Sensoren sollen meine Bewegungen und meine Position im Raum checken. Die KI-gestützte sogenannte Motion Engine verarbeite Echtzeitdaten, so der Hersteller, „und passt intelligent die Leistungsabgabe der beiden Motoren an. Das System (…) verstärkt das Anheben der Beine und den Vortrieb genau dann, wenn du es benötigst.“ Dann schauen wir uns das mal an: Wir nehmen uns den steilen Skihang vor, stapfen am Rand hinauf, senkrecht, wie mit Tourenski. Ich schalte auf „Eco“, Stufe zwei. Anders als befürchtet laufen die Beine nicht von allein los, Sturzgefahr wie beim E-Bike droht also nicht. Aber die Beine bewegen sich mühelos, als hätte ich Siebenmeilenstiefel an. Das geht erstaunlich flott, ich schalte noch zwei Gänge hoch, während wir uns locker unterhalten. Immer schön das Gleichgewicht halten! Hilft dabei nun das E-Gestell, oder ginge es auch ohne? Also mal ausschalten. Oha, ich quäle mich einige Schritte mit so schweren Beinen wie nie, während Schmöe davonzieht. Nun schaltet er auch noch auf Rot, Turbo Stufe vier. Und stakst davon, als arbeite er in Monty Pythons „Ministry of Silly Walks“. Ich hinterher wie der Storch im Salat. Da zeigt sich: Trittsicher sollte man sein. Ungeübte sollten mit dem Exoskelett keinen Bergpfad entlanghasten. Immerhin weist der Hongkonger Hersteller darauf im Kleingedruckten hin: Eine sichere Nutzung erfordere die Fähigkeit, die Beine ohne Hilfe anzuheben und das Gleichgewicht zu halten. Ich schalte wieder runter, leicht geht’s aufwärts. Schon nicht blöd. Allerdings sieht es wenig sportlich aus, eher medizinisch. Würde ich so wandern wollen? Und das Geld dafür ausgeben? Die einfachen Modelle bis 400 Watt Leistung kosten ab 900 Euro, wer mehr Power und Reichweite möchte, zahlt schnell das Doppelte. Wird sich die Gehhilfe trotzdem durchsetzen? Werden bald viele damit wandern, gar den Großglockner besteigen, ganz ohne Training? E-Bike-Fahrer wurden anfangs ausgelacht oder gar beschimpft. Dann kauften sich Paare eines für den schwächeren Partner, um wieder gemeinsam zu radeln. Heute fahren in der Stadt und am Berg mehr E-Bikes als Bio-Bikes, was zu mehr Reichweite für Untrainierte, aber auch zu mehr Unfällen führt. Wird also das Wandern zum E-Hiking? Werden Skitourengeher unter weiten Hosen das Ding verstecken und atemnotlos davonziehen? Schwer zu sagen. So, umkehren. Wird mich das E-Gestell den Berg runterschubsen? Oder erkennt die KI, dass sie mich bergab gefälligst nicht antreiben soll? Vorsichtshalber schalte ich alles aus. Als das Gelände flacher wird, noch ein Versuch: Tatsächlich funktioniert es auch bergab gut. Und nun? „Was, wenn der nächste Gipfel keine Frage, sondern ein Plan wäre?“ Warum eigentlich nur der Großglockner? Think big! Passenderweise war vergangenes Jahr schon zu lesen, Luke Furtenfluss, Chef des Expeditionsanbieters Furtenfluss Adventures, habe einen Daunenanzug mit integriertem Exoskelett entwickelt, damit komme man in drei Tagen auf den Mount Everest. Zu lesen war das am 1. April, und der echte Expeditions-Anbieter heißt nicht Luke Furtenfluss, sondern Lukas Furtenbach. Aber wer weiß, vielleicht ist alles nur eine Frage der Zeit.