Wie sich die sich verändernde globale politische Lage in der Welt des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) niederschlägt? In einem Glas Brause vom amerikanischen Sponsor, mit Zitrone, ohne Eis. Schamil Tarpischtschew gab sich ganz entspannt am Dienstag in Mailand. Viel entspannter als in Paris (bei den Sommerspielen 2024; d. Red.) sei es hier, sagte der Mann, der einst als „Jelzins Tennislehrer“ bekannt geworden war. Schamil Tarpischtschew ist ein herausragendes Beispiel für die langlebige Karriere russischer Sportfunktionäre. Einst, in der Sowjetunion herrschte Leonid Breschnew, war er selbst Tennisspieler, bei ZSKA, dem Klub der Roten Armee. In den Neunzigern gab er der Nummer eins im Staat, Jelzin, nicht nur Tipps für Vor- und Rückhand, sondern profitierte als Chef des Nationalen Sport-Fonds am vom Kreml ermöglichten, überaus einträglichen zollfreien Wodka- und Zigarettenimport. Schamil Tarpischtschew neben Gianni Infantino Nachdem die maßgebliche Moskauer Mafiagröße Otari Kwantrischwili im Anschluss an einen Saunagang erschossen wurde, gehörte Tarpischtschew zu den Trauergästen. Im Frühjahr 1994 war das, im Herbst desselben Jahres wurde er ins IOC aufgenommen. Im Staat von Wladimir Putin, der ihn am 1. Juli 2022 mit dem Orden für Verdienste um Vaterland ausgezeichnet hatte, ist er bis heute Präsident des russischen Tennis-Verbandes. Als die 145. Session am Montagabend in der Mailänder Scala vom italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella eröffnet wurde, saß Schamil Tarpischtschew, heute 78 Jahre alt, neben Gianni Infantino, dem Präsidenten des Internationalen Fußball-Verbands (FIFA). Es hätte kaum besser kommen können. „Er war sehr positiv, was unsere Anstrengungen in Sachen Teilnahme (an der WM im Sommer/d. Red.) angeht“, erzählte Tarpischtschew am Tag danach, die Cola in der Hand. Ob er den FIFA-Boss drängen müsse? „Nein, wir kommunizieren die ganze Zeit.“ So müsse es sein, um das Ziel zu erreichen: Die Rückkehr der Russen in den Sport auf breiter Front, während Kiew weiter bombardiert wird, Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine tobt und die Sportstrukturen in drei ukrainischen Provinzen vom russischen Sport annektiert bleiben. Diese Einverleibung war, und das ist elementar in der olympischen Welt, der Grund für die Suspendierung des nationalen olympischen Komitees durch die IOC-Exekutive vor der 141. Session in Mumbai im Oktober 2023. Deshalb sind bei den Winterspielen von Mailand und Cortina ganze dreizehn russische Sportlerinnen und Sportler am Start, als angebliche „individuelle neutrale Athleten“. Kirsty Coventry: „Der Kern unseres Auftrags ist Sport“ Es deutet nichts darauf hin, dass der Bruch des Rechts in Saporischschja, Donezk oder Luhansk demnächst geheilt wird, dass der Sport wieder vom nationalen olympischen Komitee der Ukraine organisiert wird. Aber aus Mailand schickt nicht nur Gianni Infantino Botschaften nach Moskau. Kirsty Coventry klingt am Dienstagmorgen bei ihrer ersten Rede als IOC-Präsidentin zu Beginn einer Vollversammlung nur wenig verklausulierter: „Der Kern unseres Auftrags ist Sport. Ich habe von so vielen von Euch dieselbe Botschaft gehört: Konzentrieren wir uns auf unseren Kern. Wir sind eine Sportorganisation. Wir verstehen Politik und wir wissen, dass wir nicht in einem Vakuum handeln. Und unser Spiel ist Sport. Das heißt, der Sport muss neutral bleiben. Ein Ort, an dem jeder Sportler frei teilnehmen darf, ohne dass er von der Politik seiner Regierung gehindert wird. In einer immer zerstritteneren Welt ist dieses Prinzip wichtiger denn je.“ Wer wird gehindert? Nach wie vor hält die Politik der russischen Regierung zu allererst ukrainische Sportler davon ab, frei an Olympischen Spielen teilzunehmen, zum Beispiel, weil sie tot sind, weil sie Opfer von Putins Angriffskrieg geworden sind. Knapp vier Jahre nach dessen Entfesselung unmittelbar nach den als Friedensfest verkauften Winterspielen von Peking 2022 aber, siehe den Colatrinker Tarpischtschew, siehe Gianni Infantino, der im Ausschluss der Russen einen Grund für „mehr Hass“ sieht, und siehe Kirsty Coventry bei ihrem programmatischen Auftritt in Mailand, wird in der olympischen Welt aktive Resozialisierung der Russen betrieben. Begründung: Nur so könnten die Spiele inspirieren Es deutet nichts darauf hin, dass dies nicht die aktive Resozialisierung eines staatlichen Sportsystems bedeuten soll, in dem die Armee des Krieg führenden Staats die maßgebliche Rolle spielt; dessen Präsident in seinem Krieg gegen die Ukraine die Zivilbevölkerung töten, ausbomben, frieren lässt. In dessen Krieg nach jüngsten Rechnungen des „Centers for International and Strategic Studies“ 1,2 Millionen russische Soldaten und 500.000 bis 600.000 ukrainische Soldaten Opfer geworden sind. Die Begründung für die Teilnahme aller Sportlerinnen und Sportler an Olympischen Spielen, ganz gleich welcher Gewaltherrschaft sie entstammen, lautet bei Kirsty Coventry: Nur so könnten die Olympischen Spiele weiterhin inspirieren. Die als Sportministerin Zimbabwes, einer Regierung, deren Politik durchaus als Gewaltherrschaft zu charakterisieren ist, ins Präsidentinnenamt beim IOC gewählte 42 Jahre alte frühere Schwimmerin schickte am Dienstag aber nicht nur Botschaften nach Moskau, sondern auch ins Plenum. Unter dem Rubrum „Fit for future“, „fit für die Zukunft“, kündigen sich Veränderungen im Programm der Spiele an. Schon bei ihrer Pressekonferenz am Sonntag hatte Kirsty Coventry durchblicken lassen, das grundsätzlich alles auf dem Tisch liege. Am Dienstag sagte sie, das IOC müsse die „richtige Balance“ zwischen Tradition und Innovation finden. Mit „frischem Blick“ müssten Sportarten, Disziplinen und Veranstaltungen begutachtet werden, um mit der Zeit zu gehen: „Weiterentwicklungen werden uns alle betreffen: Athleten, Verbände, Nationale Olympische Komitees, Organisatoren, Fans und andere.“ Schon jetzt gibt es, um ein Beispiel aus der Winterwelt zu nennen, erhebliche Zweifel, ob die Nordische Kombination eine Zukunft im Programm der Winterspiele hat. Sie werde sich jede Stimme anhören, sagte die IOC-Präsidentin. Dann würden Entscheidungen getroffen, die den „langfristigen Interessen der Spiele dienen“. Das würden wohl unbequeme Diskussionen, kündigte Kirsty Coventry an. Mancher Präsident eines internationalen Sportverbands fühlt sich durchaus von Unsicherheit durchdrungen. Und schon jetzt ist mancher Funktionär einer nur im olympischen Kontext breiter wahrgenommenen Sportart unterwegs, um Verbündete zu suchen. Auch unter diesem Aspekt könnten demnächst wieder manche Wege nach Moskau führen. Skrupel wegen eines mörderischen Angriffskriegs würden dabei nur stören. Die Cola im Glas sprudelte noch, da kündigte Schamil Tarpischtschew an, er werde sich am Mittwoch in Mailand im Plenum zu Wort melden.
