In der kommenden Woche ist Kirsty Coventry in aller Welt zu sehen. Zum ersten Mal spielt eine Frau bei der bedeutendsten Sportveranstaltung der Welt die Hauptrolle: Kirsty Coventry, 42 Jahre alt, aus Harare in Simbabwe, wird als Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bei den Winterspielen in Italien sein. Das olympische Drehbuch sieht einen historischen Moment vor. In der vergangenen zwei Wochen hat die F.A.Z. versucht, in Erfahrung zu bringen, wie sich die Frau aus Simbabwe, erfolgreichste afrikanische Sportlerin der Olympia-Historie, zum Massaker der Islamischen Republik Iran an der eigenen Bevölkerung äußert, konkret zu den Sportlerinnen und Sportlern, die von den Schergen der Machthaber auf offener Straße erschossen wurden, weil sie für Freiheit demonstrierten. „Sie weiß nicht einmal, was mit Menschenrechten gemeint ist“ Ermordet von der eigenen Regierung wurde so die junge Schwimmerin Arnika Dabbagh, eine Teenagerin, die unter der Führung ihres Landes niemals zu Olympischen Spielen hätte reisen dürfen, weil die Führung in Teheran Schwimmerinnen sie nicht dorthin schickt. Sollte diese brutale Verletzung der Werte des IOC, sollte der gewaltsame Tod einer jungen Schwimmerin nicht eine IOC-Präsidentin rühren, die einst als Jugendliche von Olympia träumte, Goldmedaillen gewann und darauf eine phänomenale Karriere aufbaute? Die WDR-Journalisten Robert Kempe und Jochen Leufgens liefern mit ihrer Dokumentation „Die Präsidentin“ eine konzise Antwort: Kirsty Coventry ist zutiefst kompromittiert. „Sie ist die letzte Person, die über Menschenrechte sprechen sollte“, sagt die von der Regierung Simbabwes inhaftierte, von der Polizei misshandelte Anwältin Beatrice Mtetwa: „Ich glaube, sie weiß nicht einmal, was mit Menschenrechten gemeint ist.“ Früh im Film zeigen Kempe und Leufgens den Moment, als Kirsty Coventry 2013 ins IOC aufgenommen wird. Sie schwört, sich „freizuhalten von politischem oder wirtschaftlichem Einfluss“. Diese Eidesformel ist seit je nicht ernst zu nehmen, schließlich ist der olympische Zirkel seit seiner Gründung ein Hort jener, die politischen und wirtschaftlichen Einfluss möglichst gewinnbringend einbringen wollen, erst mal zur Förderung olympischer Werte. Der wichtigste Beitrag des ÖRR zu den Winterspielen Kirsty Coventry war schon nach ihren Olympiasiegen 2004 und 2008 reich beschenkt worden von Simbabwes Langzeitdiktator Robert Mugabe: 50.000 Dollar 2004, 100.000 Dollar 2008 aus einem Staatshaushalt, der für besondere Menschen besondere Zuwendungen bereithielt – mochten viele Simbabwer auch in großer Armut darben. Als Mugabe hochbetagt das Feld räumen musste und sich Emmerson Mnangagwa (in Simbabwe „Das Krokodil“ genannt) an die Macht putschte, lief es für Kirsty Coventry noch besser. Sie wurde 2018 Sportministerin. Mnangagwa, einst Guerillakommandeur für Mugabe, herrscht in dem Stil, den sein Spitzname vermuten lässt. „Sehr autokratisch, mit hegemonialer Machtsicherung, es herrscht eine Kleptomanie, Ressourcen werden allerorts gestohlen“, sagt der Oppositionspolitiker Tendai Biti. Und es gibt Menschen in Simbabwe, die sagen, Coventry sei nicht nur Macht geschenkt worden, sondern auch Land. Eine Farm, auf der einst Tabak angebaut wurde – und womöglich noch wird, diese wie sehr viele andere Fragen Kempes und Leufgens haben Coventry und das IOC nicht beantwortet –, ist Kirsty Coventry und ihrem Mann 2020 überschrieben worden. Wer die Geschichte der einstigen Apartheidskolonie Rhodesien und die anschließende Vertreibung weißer Farmer unter Mugabe nur im Ansatz kennt, wundert sich, dass ausgerechnet eine weiße Frau derart bedacht wird. Er kenne keine andere weiße Person im Land, der eine Farm vermacht worden sei, sagt David Coltart, früherer Sportminister, heute Bürgermeister der zweitgrößten Stadt im Land, Überlebender von, wie er sagt, fünf Mordanschlägen. Sein Kontakt zu Kirsty Coventry sei abgebrochen, sagt Coltart, seit er sie 2019 darauf hingewiesen habe, dass sie als Mitglied der Regierung eine „kollektive Verantwortung“ für die Gewalt im Land hat. Die ARD zeigt „Die Präsidentin“ kurz vor Mitternacht. Dabei weist die Doku nicht nur die Qualität sportpolitischer Recherchen im WDR nach, sie ist der wohl wichtigste Beitrag der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung zu den Winterspielen in Italien. Schon weil sie eindrucksvoll zeigt, wieso die Frau an der Spitze des IOC nicht glaubwürdig für eine Welt eintreten kann, in der Menschenrechte geachtet werden. Die Präsidentin läuft am 30. Januar, ab fünf Uhr in der ARD-Mediathek, und um 23.30 Uhr im Ersten.
