FAZ 04.02.2026
10:29 Uhr

IHK-Ausbildungsberater: „Betriebe finden es nicht so lustig, wenn sich Azubis an mich wenden“


Dennis Noll vermittelt als IHK-Ausbildungsberater zwischen Betrieben und Lehrlingen. Nicht jeder Geschäftsführer freut sich über seinen Besuch. Er sieht Mängel auf beiden Seiten – und rät den Ausbildern zu klaren Ansagen.

IHK-Ausbildungsberater: „Betriebe finden es nicht so lustig, wenn sich Azubis an mich wenden“

Dennis Noll scheint nichts so leicht aus der Fassung zu bringen. Wie die Ruhe selbst sitzt der 38 Jahre alte Mann im Besprechungsraum eines in seinem Markt führenden Mittelständlers im Kreis Gießen. Das mag mit seinem Alltag zu tun haben. Zumindest ist sein Gemütszustand hilfreich für seine Arbeit. Noll, dunkles kariertes Hemd und dunkle Jeans, arbeitet als Ausbildungsberater der Industrie- und Handelskammer Gießen-Friedberg und hat gut zu tun. An ruhigen Tagen führt er 30 bis 40 Telefonate. Hinzu kommen Betriebsbesuche wie an diesem Tag bei der FSM Frankenberger GmbH, einem Zulieferer für Kläranlagen. Der kaufmännische Leiter Andreas Daniel und Personalerin Julia Rühl haben Noll eingeladen. Sie möchten von seiner Erfahrung lernen und prüfen, was sie noch besser machen könnten im Umgang mit ihren fünf Lehrlingen in der Fertigung. Doch nicht jedes Unternehmen rollt Noll den Teppich aus – schließlich kommt es auch vor, dass ihn ein Lehrling um Hilfe bittet.  „Betriebe finden es nicht so lustig, wenn Azubis sich an einen IHK-Ausbildungsberater wenden“, weiß der Berater. Die IHK betrachte sich aber als neutraler Schlichter: Sie wolle Betrieben helfen, nach dem Berufsbildungsgesetz sei sie aber auch dafür zuständig, die Lehre zu überwachen. Noll arbeitet seit vier Jahren als Ausbildungsberater. Er sagt: „Das ist kein Beruf, von dem jemand in der neunten Klasse sagt: Das will ich werden.“ Überhaupt sei das gar kein Lehrberuf. Er selbst zehre vielmehr von der im Laufe seines Berufslebens gesammelten Erfahrung. Nach einer Lehre als Kraftfahrzeug-Mechatroniker habe er elf Jahre lang eine industrielle Wäscherei der Lebenshilfe geleitet. Danach machte Noll seinen Meister und bildete sich in Betriebswirtschaft weiter. Anschließend stieg er bei der Kammer ein. „Viele Basics sind heute nicht mehr vorauszusetzen“ Was er aus seinem Berufsalltag berichtet, deckt sich mit den Berichten vieler Ausbilder. Es gebe viele gute Lehrlinge. Ein guter Auszubildender werde von der IHK zu den Akten genommen, mache seinen Abschluss und falle zwischendurch nicht weiter unangenehm auf. Ebenso gebe es viele Betriebe mit gewissenhaft arbeitenden Ausbildern, die weit mehr täten, als sie müssten: „Sie holen schulische Inhalte nach.“ Und bringen dem Nachwuchs sogenannte Basics bei. Pünktlich und vernünftig angezogen zur Arbeit zu erscheinen, Guten Morgen zu sagen, sich im Krankheitsfall ordentlich und rechtzeitig abzumelden, ehrlich zu sein, solche Sachen. „Viele Basics sind heute nicht mehr vorauszusetzen, weil es im Elternhaus klemmt“, sagt Noll. Niemand am Tisch widerspricht. Umgekehrt gebe es auch Unternehmen, die gar nicht ausbildeten, sondern die Lehrlinge als billige Arbeitskräfte einsetzten. Bei einem Besuch habe er keinen Betriebsleiter angetroffen, es sei ihm kein Ausbildungsplan vorgelegt worden und einen Betreuer der Lehrlinge habe es auch nicht gegeben. Da habe er diesem Treiben einen Riegel vorgeschoben und gesagt: „Ihr bildet nicht mehr aus.“ Dabei gibt er zu bedenken, die IHK könne erst eingreifen, wenn sie von Missständen erfahre – sei es von einem Lehrling oder auch von Dritten. Manchmal verweist Noll Auszubildende mit Problemen auch an Sozialarbeiter an den beruflichen Schulen weiter, die sich dann an den jeweiligen Betrieb wendeten. Schon das sei „ein scharfes Schwert“. Die Zahl der in der Ausbildung unsauber arbeitenden Unternehmen beziffert der Berater auf zwei bis drei Prozent. FSM Frankenberger schaut nicht nur aufs Schulzeugnis Die in Pohlheim nahe der A5 sitzende FSM Frankenberger GmbH gehört zu den 97 Prozent anderen. Nach Angaben des kaufmännischen Leiters und der Personalerin des 75-Mann-Unternehmens kümmern sich in der Werkstatt zwei Betreuer um die Handvoll Lehrlinge. Beide seien schon mehr als 20 Jahre im Unternehmen. Zudem stehe den Auszubildenden ein Alt-Meister als Mentor zur Seite. Der Mann sei schon Ausbilder bei der Bundeswehr gewesen – aber ohne Kasernenhofton im täglichen Umgang. Jan Scherer vom Qualitätsmanagement berichtet, FSM schalte vor den Abschluss eines Lehrvertrags einen Praxistag und schaue nicht nur auf das Zeugnis. „Auf diese Weise ist manch guter Praktiker zu uns gekommen“, hebt er hervor. Noll nickt dazu, und auch zu der Klage über die fehlenden Basics, mit denen auch FSM kämpft. Wann muss ich mich im Fall des Falles krankmelden? Bei wem und bis wann? Dies sei längst nicht jedem Lehrling klar, sagt Personalerin Rühl. Dabei gebe es ein zentrales Diensthandy mit einer weithin bekannten Nummer. Ob sich jemand darauf mit einem Anruf melde, einer SMS oder lieber eine E-Mail schreibe, sei ihr egal. „Ich möchte einfach nur eine Information“ – und das gerne pünktlich. Doch das klappe nicht immer. Auch sprachliche Hürden sind ein Problem Aber nicht nur das. Rühl berichtet von einem Auszubildenden, der anders als erwartet um 7 Uhr nicht in der Werkstatt erschien, sich dafür aber um 9.20 Uhr mit der beiläufigen Botschaft meldete: „Komme später.“ Es gebe auch Lehrlinge, die trotz ihres mehrjährigen Schulbesuchs hierzulande einfache Arbeitsanweisungen nicht verstünden. Angesichts dessen schließt FSM Frankenberger mit jedem Lehrling eine Verhaltensvereinbarung, wie Rühl sagt. „Wir wollen ihnen nichts Böses, sondern nur Leitplanken setzen nach Rücksprache mit Lehrern in der Berufsschule.“ Es gehe um Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und die Vorgabe, auch ja zur Berufsschule zu gehen. Umgekehrt frage sie auch Lehrlinge, was sie von dem Betrieb erwarteten. Noll findet das gut. Verhaltensvereinbarung würde er generell schließen – selbst bei Zwanzigjährigen, sagt er. Der kaufmännische Leiter denkt derweil laut darüber nach, wie viel Energie ein Betrieb in einen Auszubildenden stecken solle. Die Ausbildung sei auch ohne Erziehungsarbeit schon teuer genug. Ausbildungsberater Noll rät zu einem Zwischenbilanzgespräch mitten in der Probezeit. Der Ausbilder solle mit der Nachwuchskraft dann Klartext reden, Baustellen benennen und eine Zielvereinbarung schließen. Das mache FSM alles schon, sagt Qualitätsmanager Scherer. Im Zweifel verlängere der Betrieb auch die Probezeit. Und er habe auch schon Kandidaten in die Lehre übernommen aus anderen Betrieben, in denen die jungen Leute nicht klargekommen seien. Bisweilen erlebt Scherer aber auch positive Überraschungen: So habe sich neulich ein Lehrling beim Geschäftsführer für eine schlechte Note entschuldigt. Für ganz hartnäckige Fälle, in denen eine Nachwuchskraft nicht in die Spur findet, hat der Ausbildungsberater einen grundsätzlichen Tipp parat. Dann solle der Ausbilder klipp und klar sagen: „Stand jetzt wird es zur Zulassung zur Abschlussprüfung nicht kommen.“