FAZ 24.01.2026
16:13 Uhr

ICE-Einsatz in Minneapolis: Eine Stadt wehrt sich


Beamte der US-Einwanderungsbehörde ICE verhaften Menschen, die fremd aussehen. Dann erschießen sie eine weiße Frau. Szenen aus einer Stadt, in der die einen zuhause bleiben und die anderen auf die Straße gehen.

ICE-Einsatz in Minneapolis: Eine Stadt wehrt sich

Robert ist in den vergangenen Wochen so oft um die Grundschule seiner Tochter gelaufen, dass er weiß, welche Autos hierhergehören und welche normalerweise nicht da sind. Eigentlich sitzt der Anwalt morgens am Schreibtisch. Doch seit Renee Good vor zwei Wochen ein paar Straßen weiter von einem Beamten der Einwanderungsbehörde ICE erschossen wurde, steht Robert morgens um Viertel nach sieben an der Schule und läuft seine Runden. Auch bei minus zwanzig Grad. Er und die anderen Helfer sind nicht hier, um sich einzumischen. Sie beobachten, sagt er. Die Beamten von ICE und dem Grenzschutz sind in Minneapolis immer wieder in der Nähe von Schulen zu sehen. Sie halten dort Ausschau nach Eltern, Kindern und Mitarbeitern, die keine Aufenthaltserlaubnis haben und die sie mitnehmen können. Als Robert von den tödlichen Schüssen auf Good hörte und zur Schule seiner sechs Jahre alten Tochter fuhr, sah er die Direktorin mit ICE-Beamten streiten, die auf dem Schulparkplatz geparkt hatten. Seither hängen orangefarbene Zettel auf dem Gelände: Bundesbeamte auf dem Grundstück nicht erlaubt. Nicht zum Parken und nicht für Operationen der Einwanderungspolizei. Mit Funkgerät und vor die Brust geschnalltem Handy Robert, der nur mit seinem Zweitnamen zitiert werden möchte, ist Teil einer losen Gruppe von Eltern, die die Pa­trouillengänge organisieren. Jeder muss sich selbst ausstatten. Der 45 Jahre alte Mann trägt sein Wintersportoutfit, Helm, Skihose und Spikes gegen das Glatteis. Die orangefarbene Warnweste, das Funkgerät und das zum Filmen vor die Brust geschnallte Handy sind neu. Der Anwalt ist gleich zweimal Zeuge von ICE-Einsätzen geworden, die weit über die Stadtgrenzen hinaus Wellen schlugen. Am Tag der tödlichen Schüsse auf die dreifache Mutter Renee Good folgte er den Sirenen und kam am Tatort an, als Beamte die Straße mit Flatterband absperrten. Ein Augenzeuge erzählte ihm, was gerade passiert war. Es war der Arzt, der auf mehreren Videos zu hören war, die sich später im Netz verbreiteten. Er hatte die ICE-Beamten gebeten, nach der Frau schauen zu dürfen. Aber die verwiesen auf ihre eigenen Sanitäter. Als Nächstes beobachtete Robert die Festnahme einer Frau, zwei Blocks von Goods Todesort entfernt. Acht Beamte umringten das Fahrzeug, einer schlug die Beifahrerscheibe ein, ein anderer zerrte die Fahrerin aus dem Auto. Drei Männer fixierten sie, um ihre Hände hinter dem Rücken mit Kabelbinder zu fesseln. Vier Männer trugen die Frau schließlich in Bauchlage zu einem ihrer Autos. Auf einer Aufnahme ist zu hören, wie sie ruft, dass sie behindert sei. Eine Anwältin sagte später, ihre Mandantin sei angesichts der widersprüchlichen Anweisungen überfordert gewesen. Vom Heimatschutzministerium hieß es, eine „Unruhestifterin“ sei wegen der Behinderung von Beamten festgenommen worden. „Das ist Terror“ Robert kann immer noch nicht fassen, dass es so weit gekommen ist. „Amerika ist nicht mehr das Land, in dem ich aufgewachsen bin“, sagt er. Plötzlich würden Leute terrorisiert, andere Meinungen unterdrückt, plötzlich tanze das Justizministerium nach der Pfeife der Regierung. Robert findet das widerlich, dystopisch. Und einen guten Zeitpunkt, als mittelalter weißer Mann auf der Straße zu sein, wie er sagt. Er hat keine Angst, er ist so wütend wie noch nie in seinem Leben. Was hier passiert, ist in seinen Augen auch menschlich eine Katastrophe. Schon vor den Schüssen auf Good hat der Anwalt Lebensmittel bei Familien vorbeigebracht, die seit Tagen nichts mehr Richtiges zu essen hatten, weil sie sich nicht aus dem Haus trauten. „Das ist Terror“, sagt Robert, „der von der Regierung in Washington kommt.“ In seiner dritten Woche der Patrouillen teilt einer der Schulbezirke von Minneapolis mit, ICE habe in den vergangenen zwei Wochen vier Schüler festgenommen. In einem Fall soll ein Fünfjähriger als „Köder“ benutzt worden sein, um weitere Personen aus dem Haus zu locken. Fotos in sozialen Medien zeigen einen kleinen Jungen in kariertem Anorak und blauer Mütze mit Schlappohren an der Seite eines schwarz vermummten Mannes. Nach Angaben des Anwalts läuft der Asylantrag der Familie, es gibt keine Anordnung zur Ausreise. Trotzdem wurden Vater und Sohn in eine Haftanstalt in Texas ausgeflogen. Laut Sprachregelung des amerikanischen Heimatschutzministeriums werden hier in Minneapolis mit der „Operation Metro Surge“ dieser Tage die „Schlimmsten der Schlimmen“ verfolgt, Mörder, Vergewaltiger, Betrüger, Bandenmitglieder ohne Aufenthaltsgenehmigung in den USA. Bereits 3000 Festnahmen Am Mittwoch waren es nach Angaben des Ministeriums 3000 Festnahmen. Auf der offiziellen Website mit einer Liste der „Schlimmsten der Schlimmsten“ stehen derzeit jedoch nur 493 Personen – für den ganzen Bundesstaat Minnesota. Das entspräche 16 Prozent aller Festgenommenen. Die meisten in Minneapolis fürchten sich nicht vor den angeblichen Verbrechern in ihrer Nachbarschaft, sondern vor den Männern, die bis zur Unkenntlichkeit vermummt, bewaffnet und ohne Kennzeichnungspflicht auf ihren Straßen unterwegs sind. Wenige Stunden nach den tödlichen Schüssen auf Renee Good, eine weiße Frau, geboren in den Vereinigten Staaten, schrieb Präsident Donald Trump, sie habe den ICE-Beamten „vorsätzlich“ und böswillig überfahren. Es sei angesichts der Videoaufnahme kaum zu glauben, dass er noch am Leben sei. Tatsächlich zeigen andere Videos, dass er nur gestreift wurde und nach dem Vorfall über die Straße läuft, offenbar unverletzt. Die Reifen des Fahrzeugs sind von den Beamten weggedreht; es scheint, als habe Good versucht, die Szene zu verlassen. Auf der Handyaufnahme des Schützen ist nach den drei Schüssen eine männliche Stimme zu hören: „fucking Bitch“, verdammte Schlampe. Laut Autopsie wurde Good in den linken Unterarm, die rechte Brust und den Kopf getroffen. In Central, dem Viertel, in dem die Amerikanerin erschossen wurde, sind die Bürger wütend, bestürzt und misstrauisch. In vielen Fenstern der Einfamilienhäuser hängen Plakate: „ICE raus aus der Stadt“ oder „Mörder auf Patrouille“. „Pam, Pam, Pam“ Vor Haus Nummer 3341 in der Portland Avenue liegen Berge von Blumen, Kuscheltieren und Plakaten. Hier ist Renee Goods Auto an einen Laternenpfahl gekracht und zum Stehen gekommen, die Fahrerin schon leblos. Ein junger Mann, der in dem Haus wohnt, war gerade in der Küche, als er das „Pam, Pam, Pam“ hörte. Dann lief er nach vorn, sah die Beamten, die schreienden Menschen und die blutüberströmte Frau im Auto. Er hat auf Video, wie Polizisten und Rettungssanitäter Good aus dem Auto holen und um die Ecke tragen. Ihre Ehefrau Becca hatte alles mit angesehen und saß nach den Schüssen unter Schock in seinem verschneiten Vorgarten. Den jungen Mann, der alles beobachtet hat, hat danach nie wieder jemand gefragt, ob alles in Ordnung ist. Es gibt dieser Tage zwei Realitäten in Minneapolis. Es gibt die, die zu Hause bleiben. Vor allem Einwanderer, ob mit oder ohne Papiere. Und es gibt die, die jetzt erst recht raus- und helfen wollen. Seit Goods Tod sei die Gemeinschaft enger zusammengerückt, sagen viele. Wer aufmerksam schaut, sieht, wie Einkaufstüten verstohlen durch Haustüren gereicht werden, verbunden mit der Frage, ob sonst noch etwas gebraucht werde. Anwohner patrouillieren mit Trillerpfeifen und Walkie-Talkies, sobald ICE in der Gegend gemeldet wird. Gemeinden und Migrantenorganisationen haben Notfallhilfe, 24-Stunden-Telefondienste und Spendenkonten eingerichtet. Am Freitag nahmen aus Protest gegen ICE Tausende Menschen in Minnesota an Streiks und mehreren Demonstrationen teil. Beschäftigte blieben der Arbeit fern, Studierende und Schüler dem Unterricht. Hunderte Geschäfte blieben geschlossen. Cameron Henson sitzt seit den Schüssen auf Good zwölf Stunden am Tag vor ihrem Computer. Eigentlich wäre sie gern unter den Demonstranten am Henry-Whipple-Gebäude in der Nähe des Flughafens, in dem verschiedene Bundesbehörden sitzen und das jetzt zur Schaltzentrale und vorübergehenden Haftanstalt für ICE geworden ist. Aber die 30 Jahre alte Veteranin hat Asthma und sagt, die Reizgase, die ICE einsetze, können für sie gefährlich sein. Im echten Leben ist Henson, die nur unter ihrem Alias sprechen will, Betrugsermittlerin in einer örtlichen Bank. Dieser Tage organisiert sie über die Plattform Reddit nebenher noch Unterstützung für die Protestierenden am „Whipple“, wie es im Volksmund genannt wird. Augenspülung gegen mögliche Reizgaseinsätze, Handwärmer für doppelte Minusgrade, Wasser, Müsliriegel. Misstrauen gegenüber der Regierung in Washington Es ist Hensons Form, sich dem entgegenzustellen, was in ihrer Stadt gerade passiert. Sie hat Angst, trägt zu diesem Gespräch Kapuzenpulli und eine schwarze Maske. Einmal hat sie nach der Arbeit beim Anblick von ICE-Beamten an der Kreuzung aus dem Auto heraus die Augen gerollt und den Kopf geschüttelt. Daraufhin seien ihr mehrere Fahrzeuge kilometerweit durch die Stadt gefolgt, sagt sie. Als Henson ihre Eltern in einem Vorort von Minneapolis bat, sich bei ihr zu melden, falls sie länger nichts von ihr hörten, sagte ihr Vater: „Machen wir daraus keine politische Sache.“ Er glaubt, was die Regierung sagt: dass die Demonstranten das Problem sind und die Beamten der Einwanderungsbehörde nur ihren Job machen. Als Henson noch zu Hause wohnte, verhängte ihre Mutter Politikverbot nach sieben Uhr abends, für den Familienfrieden. Heute sagt die junge Frau, sie fühle sich von ihrer Familie verstoßen. Hensons Misstrauen gegenüber der Regierung in Washington geht weit über die Frage nach der Rechtmäßigkeit der ICE-Einsätze hinaus. Sie ist sich sicher, dass Gegenwehr bestraft wird, dass „Widerständler“ überwacht werden. Sie hat ihr Handy zu Hause gelassen und dafür ein Blatt Papier dabei, auf dem alles steht, was sie auf keinen Fall vergessen will. Ihr und den paar Dutzend Helfern, die sie koordiniert, geht es darum, dass die Community in Sicherheit ist. Dass die Menschen nachts wieder ruhig schlafen können, sie selbst eingeschlossen. Und wenn der Spuk irgendwann vorbei ist, wollen sie Rechenschaftspflicht für die Beamten, die hier durch ihre Stadt ziehen. Nach den tödlichen Schüssen auf Renee Good behauptete Vizepräsident J. D. Vance, ICE-Beamte hätten vollständige Immunität. Das Heimatschutzministerium sprach in einem Social-Media-Beitrag vom „Zerfall der Gesellschaft“, weil die politische Führung Minnesotas sich entschieden habe, einen „gewaltbereiten Mob“ zum „Aufruhr“ anzustiften. Dabei hatten sowohl Gouverneur Tim Walz – 2024 Kamala Harris’ Vizepräsidentenkandidat gegen Trump – sowie der Bürgermeister von Minneapolis zur Besonnenheit aufgerufen. „Sucht euch einen richtigen Job, ihr Scheiß-Nazis“ Vor dem Whipple-Gebäude ist es zwei Wochen nach dem Tod Renee Goods ruhiger geworden. Es gab hier einige Zusammenstöße zwischen Beamten und Demonstranten, gut ein Dutzend Festnahmen, ein paar Pfeffersprayeinsätze, vor allem nachts. An diesem Abend stehen etwa vierzig Leute auf dem Bürgersteig gegenüber dem Betonbau, der mit Zäunen umstellt ist. Sie sind warm eingepackt gegen die Kälte, aber nur wenige haben ihre Gesichter vermummt. Wenn ein Auto mit maskierten ICE-Beamten und ortsfremden Kennzeichen wie Florida und Texas in die Einfahrt einbiegt, wird es laut. „Sucht euch einen richtigen Job, ihr Scheiß-Nazis“, ruft einer. „Verpisst euch aus unserem Staat.“ Es spielt laute Musik, „American Idiot“ von Green Day zum Beispiel und „Fuck Donald Trump“ von den Rappern YG und Nipsey Hussle. Nicole Davis ist seit Renee Goods Tod jeden Tag hier gewesen. Zu Ehren ihres Großvaters, sagt sie, der dreißig Jahre im Militär war und auf dem nahe gelegenen Fort-Snelling-Militärfriedhof begraben liegt. Geht es nach Davis, tritt die Regierung das Vermächtnis ihres Opas und die amerikanische Verfassung mit Füßen. Irgendwelche Männer kriegten irgendwelche Abzeichen und Waffen und würden dann auf die Leute losgelassen. Das will sie sich nicht gefallen lassen. „Wir sind wütend, und wir wehren uns“, sagt sie. Die Grenzschutzbehörde hat am vergangenen Wochenende ein Foto von ihr auf Facebook veröffentlicht. Darauf reckt Davis vor dem Whipple-Gebäude die traditionell zum Dreieck gefaltete Amerika-Flagge von der Beerdigung ihres Großvaters in die Höhe. Sie trägt eine Sonnenbrille, das Gesicht ist verzerrt, der Mund geöffnet. Neben ihr trägt jemand eine Gasmaske. Das sei nach einem Pfeffersprayangriff gewesen, sagt die Einunddreißigjährige. In dem Beitrag zum Foto heißt es, die Beamten ließen sich „weder aus dieser noch aus einer anderen Stadt vertreiben“. Man habe einen Eid darauf geschworen, die Rechtsstaatlichkeit zu schützen. Darüber kann Davis nur lachen. Sie hat wegen des Pfeffersprayangriffs Beschwerde beim Büro des Generalstaatsanwalts von Minnesota eingereicht. Sie sei ohnehin auf dem Radar der Behörden, sagt sie. Eines Nachmittags stand vor ihrem Haus ein schwarzer Jeep ohne Kennzeichen, und ein Mann machte Fotos. Aber die Frau will sich nicht kampflos geschlagen geben. Davis lebt in einem Vorort von Minneapolis und kommt in den Pausen von ihrem Job als Betreuerin zweier behinderter Kinder demonstrieren. Sie glaubt, die Leute würden die Beamten irgendwann schon vertreiben. „Du lebst nicht hier, wenn du es hier nicht liebst“, sagt sie. Nicht weit von hier starb George Floyd Die Stadt ist widerstandsfähig, nicht nur wegen ihrer langen, kalten Winter. Davis arbeitete auf der East 38 Street, als sich 2020 die Proteste nach dem Tod des Schwarzen George Floyd durch einen weißen Polizisten Bahn brachen. Sie sagt: „Ich habe die Stadt in Flammen aufgehen sehen.“ Der Ort, an dem Floyd unter dem Knie eines Polizisten erstickte, ist nur fünfzehn Minuten zu Fuß von dem Ort entfernt, an dem der ICE-Beamte Good erschoss. Plünderungen und Brandstiftungen im Zuge der Proteste verursachten damals allein in Minneapolis einen Schaden von mehr als 100 Millionen Dollar. Es dauerte Jahre, das Vertrauen der Bevölkerung in die Polizei wiederherzustellen. Gouverneur Walz dürfte die Einwohner der Stadt auch deswegen dazu aufgefordert haben, angesichts der „Operation Metro Surge“ nicht auf die Provokationen der Regierung hereinzufallen. Der Kampf ist diesmal kein interner, sondern einer gegen „die in Washington“. Es ist bemerkenswert, dass gerade Minnesota mit knapp sechs Millionen Einwohnern als Bundesstaat für die angeblich größte ICE-Operation jemals auserkoren wurde. Der Anteil der Einwohner ohne Papiere liegt laut dem Pew Research Center mit etwa 2,2 Prozent knapp unter der Hälfte des nationalen Durchschnitts, weitaus niedriger als in Staaten wie Texas, New York und Florida. Von den dort lebenden Somaliern, die Trump wegen angeblich massenhaften Sozialbetrugs vielfach beschimpft hat, haben laut Zahlen des Zensusbüros mehr als neunzig Prozent einen gültigen Aufenthaltsstatus. Minneapolis ist eine der Trump verhassten demokratisch regierten „Zufluchtsstädte“, in denen die Polizei die Einwanderungsbehörde nicht bei Einsätzen gegen Migranten unterstützt. Im Gegenteil: Polizeichef Brian O’Hara hat das Vorgehen von ICE und der Grenzschutzbehörde in den vergangenen Wochen mehrfach kritisiert. Bovino: Meine Beamten werden „gestalked“ Über die Schüsse auf Renee Good sagte er, er verstehe nicht, warum der Beamte sich überhaupt vor das Auto gestellt habe. Es sei in solchen Situationen grundsätzlich üblich, das zu vermeiden – zum Schutz des Beamten und auch zur Deeskalation der Lage. Das Video der Festnahme der behinderten Frau kommentierte der Polizeichef mit den Worten, der Vorgang „kotzt mich an“. Hätten diese Beamten für ihn gearbeitet, hätten sie jetzt ein Problem. Vizepräsident J. D. Vance wiederum schob die Schuld am angeblichen Chaos während eines Besuchs am Donnerstag den Behörden in Minneapolis zu. Ein Versagen in der Zusammenarbeit sei der Grund, warum die Dinge so „außer Kontrolle“ geraten seien. Mit dem Kontrollverlust dürfte Vance auch gemeint haben, dass ICE-Beamte in Minneapolis keinen Schritt mehr ungestört machen können. Sobald die Autos gesichtet werden, versammeln sich Menschen, es wird gefilmt, geschrien. Greg Bovino, leitender Beamter der Grenzschutzbehörde und Trumps Gesicht der Razzien gegen Einwanderer, beklagte in einer Pressekonferenz in Minneapolis in dieser Woche das „Stalking“ seiner Beamten. Sie könnten nicht einmal ungestört auf die Toilette gehen. Dabei sei man „begeistert“, in Minneapolis und St. Paul zu sein und eine „ethische und moralische Strafverfolgung“ zu betreiben. Aufnahmen vom Mittwoch zeigen, wie Bovino in einem Stadtteil von Minneapolis „Gas, Gas, Gas“ ruft und dann eine Kartusche mit grünem Rauch wirft, um eine Menge um einen Konvoi aus ICE-Fahrzeugen zu zerstreuen. Eine Person wird zu Boden geworfen und festgenommen. Man habe „Maßnahmen zur Kon­trolle einer Menschenmenge“ anwenden müssen, hieß es später vom Heimatschutzministerium. Eine Woche vorher war Bovino in Begleitung von Beamten in einem langen, dunkelgrünen Mantel mit zweireihigen Goldknöpfen durch Minneapolis patrouilliert. Einschüchterung gehört zur Taktik. Javier Humberto Oliva sah vergangene Woche, wie ICE jemanden vor seinem Laden mitgenommen hat, der den Kaffee noch in der Hand hatte. Wegen der Lage in der Stadt ist er einer der wenigen auf der hispanisch geprägten Lake Street, der morgens überhaupt noch aufschließt. Er kauft Gold an, repariert Uhren, verkauft Schmuck. Bald muss der Mann seine Wohnung aufgeben Eigentlich ein gutes Geschäft, aber die meisten seiner Kunden sind Latinos, und das heißt, es kommt niemand mehr. In den ersten fünf Stunden hat er heute fünf Dollar verdient. Eine Frau wollte ein paar silberne Ohrringe, die eigentlich zehn Dollar gekostet hätten. Aber sie hatte nur den einen Schein, und Humberto Oliva ist ein Mann, der so etwas durchgehen lässt. Die Ladenmiete kostet 1030 Dollar, seine Wohnung zwei Blocks weiter 1900 Dollar. Das ist normalerweise kein Pro­blem, das Einkommen reicht auch für den Heimatbesuch in Honduras einmal im Jahr. Aber wenn es so bleibt, sagt der 61 Jahre alte Mann, dann muss er die Wohnung aufgeben und in den Laden ziehen. Auch wenn der kein fließendes Wasser und kein Bad hat. Humberto Oliva hatte nie so große Probleme, nicht in 32 Jahren in den Vereinigten Staaten. Eigentlich habe das Land ihn immer gut behandelt, sagt er. 1994 brachte ihn ein Mann für 100 Dollar aus Tijuana im Auto über die Berge nach San Diego. Humberto Oliva hatte damals keine gültige Aufenthaltserlaubnis, aber ein Flugticket nach New York, und alles andere interessierte niemanden. Über seine erste Frau bekam der Honduraner eine Green Card, fünf Jahre später legte er den Einbürgerungstest ab. Heute trägt Humberto Oliva seinen amerikanischen Pass immer in der Hosentasche. Und weil er den hat, bleibt seine Ladentür offen. Er glaubt trotz allem an die Macht des Papiers. Über seiner Theke hängt die gerahmte „Lizenz für den Handel mit Edelmetallen“. Unter der Theke zieht er ein Blatt Papier hervor, das ihn schützen soll, wenn es hart auf hart kommt. Ein polizeiliches Führungszeugnis, das er sich Mitte Dezember für zehn Dollar geholt hat, lupenrein. Sie können ja die schlechten Leute mitnehmen, sagt Humberto Oliva, dem immer mal wieder ein spanisches Wort rausrutscht. Aber er verstehe nicht, warum sie auch die mitnehmen, die hart arbeiten und ihr Geld im amerikanischen System lassen. Kein Amerikaner mache die Jobs, die diese Leute machten, sagt er. Zum Dank müssten sie jetzt in Angst leben. Vor ein paar Tagen hat er drei Freunde zum Einkaufen gefahren, extra dicht an den Laden ran. Gestern hat er eine Frau von der Arbeit abgeholt und nach Hause gefahren, die sich nicht mal mehr traut, ein Taxi zu nehmen. Das ist die neue Normalität. Humberto Oliva selbst schafft es noch einen Monat, wenn weiter kein Geld reinkommt, sonst muss er sein Nachtlager zwischen Uhren, Ohrringen und Halsketten aufschlagen. Da hilft auch der amerikanische Pass in der Hosentasche nicht.