FAZ 26.01.2026
15:29 Uhr

ICE-Einsatz in Minneapolis: Die Momente vor den Schüssen auf Alex Pretti


US-Bundesbeamte haben am Samstag einen Mann erschossen. Videos des Vorfalls zeigen, wie die Situation offenbar binnen Sekunden eskalierte. Eine Rekonstruktion.

ICE-Einsatz in Minneapolis: Die Momente vor den Schüssen auf Alex Pretti

Am 24. Januar ist Alex Pretti, ein 37 Jahre alter Intensivpfleger in einem Krankenhaus für Veteranen, in der Innenstadt von Minneapolis von Bundesbeamten erschossen worden. Vonseiten der Beamten, des US-Heimatschutzministeriums und der Grenzschutzbehörde ist die Rede von einem Mann, der bedrohlich und bewaffnet gewesen sei und Beamte angreifen wollte. Diese hätten sich durch die abgegebenen Schüsse verteidigen müssen. Zahlreiche in den sozialen Medien verbreitete und durch einige US-Medien verifizierte Videos legen einen anderen Ablauf nahe. Sie zeigen, wie die Situation vor Ort offenbar innerhalb einer Minute völlig eskalierte, und werfen die Frage auf, ob Pretti zum Zeitpunkt der Schüsse noch bewaffnet war. Beamte schossen wohl zehnmal innerhalb von fünf Sekunden auf ihn. Die folgende Rekonstruktion der Sekunden vor den tödlichen Schüssen basiert auf Videos in sozialen Netzwerken. Gespräche und Gerangel mit Bundesbeamten Um kurz vor 9 Uhr am Samstagmorgen ist Pretti auf Aufnahmen von jenem Ort in Minneapolis zu sehen, an dem er später erschossen wird. Er steht Bundesbeamten gegenüber, die ihre Gesichter mit Mützen und schwarzen Schals verstecken und schusssichere Westen tragen. Pretti trägt eine schwarze Kappe, Sonnenbrille, braune Jacke und Hose und hält mit der rechten Hand ein Mobiltelefon vor seine Brust. Es wirkt so, als würde er die Beamten filmen. US-Medien berichten, dass zu diesem Zeitpunkt Bundesbeamte im Zuge der ICE-Razzien gegen illegale Migranten in unmittelbarer Nähe eine Person festnehmen. Wenige Minuten später ist auf einem Video zu sehen, wie zwei Personen vor einem Auto einen Bundesbeamten ansprechen, die Stimmung scheint aufgeheizt zu sein: Auf den Videos sind ständig Pfiffe und Rufe von beistehenden Personen zu hören. 49 Sekunden vor dem ersten Schuss. Pretti läuft direkt vor der Kamera auf die andere Straßenseite in die Nähe der Szene. Dabei signalisiert er einem heranfahrenden Auto mit seiner linken Hand offenbar, dass es an der Dreiergruppe aus den zwei Personen und dem Beamten vorbeifahren kann. Pretti hält einige Meter Abstand zu der Gruppe. Wenige Sekunden später kommt es einigen Videoaufnahmen zufolge zu der ersten Eskalation der Situation. Der Bundesbeamte schubst die beiden Personen, die mit ihm gesprochen haben, auf die andere Straßenseite. Man hört Pretti rufen: „Hey, schubse sie nicht in den Straßenverkehr rein!“ Dann nähert er sich ihnen. 31 Sekunden vor dem ersten Schuss. Der Bundesbeamte schubst eine der beiden Personen noch einmal stärker in die Richtung Prettis, sie rutscht sichtlich weg und hält sich an Pretti fest. Der Bundesbeamte folgt ihnen zum Straßenrand vor einen geparkten weißen SUV. Auch die andere Person folgt ihnen. Daraufhin wird sie noch mal heftiger von den Bundesbeamten gestoßen und fällt zu Boden. Videoaufnahmen zeigen, wie Pretti sich vor die Person stellt, die zwischen dem Auto auf einem Schneehaufen am Rand des Bürgersteigs liegt. Der Bundesbeamte zückt eine Spraydose und sprüht Pretti eine Substanz ins Gesicht. Dieser dreht sein Gesicht weg und hält die linke Hand ausgestreckt und flach vor die Spraydose. Weitere Beamte kommen hinzu In diesem Moment sieht man auf den Videos, wie sich weitere Bundesbeamte nähern. Erst drei, dann fünf. Pretti versucht, der Person auf dem Boden aufzuhelfen, und dreht den Beamten den Rücken zu. Diese packen ihn von hinten, die immer noch auf dem Boden liegende Person wird mitgezogen. 14 Sekunden vor dem ersten Schuss. Die Videobilder der folgenden Sekunden legen nahe, dass die Situation spätestens von diesem Zeitpunkt an unübersichtlich wurde. Die Personen, denen Pretti offenbar helfen wollte, ducken sich und haben mutmaßlich mit Irritationen im Gesicht zu kämpfen. Mehrere Beamte stürzen sich auf Pretti und drücken ihn zu Boden. Sieben Beamte stehen um ihn herum und über ihm, einige von ihnen knien neben Pretti, andere trennen ihn von den beiden anderen Personen, indem sie sich vor sie stellen. Ein Bundesbeamter schlägt mit einem Gegenstand auf Prettis Kopf ein. Ein weiterer in einer hellgrauen Jacke hält zuerst Abstand zu der Szene, nähert sich dann aber mit leeren Händen gezielt dem Gerangel am Boden. Pretti bleibt die ganze Zeit auf dem Boden; er liegt auf seinen Knien, mit dem Oberkörper nach vorn gebeugt. Drei Sekunden vor dem ersten Schuss. Dann ruft ein Beamter laut: „Waffe, Waffe, Waffe!“ Der Mann in der hellgrauen Jacke zieht eine Schusswaffe aus der Menge und entfernt sich direkt von der Gruppe. Unscharfe und vergrößerte Aufnahmen zeigen, dass er diese offenbar aus dem Hosenbund von Pretti herausgezogen hat. US-Medien zufolge passt diese Waffe zu der Beschreibung und den Bildern, die die Bundesbehörde danach als Beweisbild veröffentlicht hat. Pretti war legal im Besitz einer Schusswaffe, wie der Polizeichef von Minneapolis später in einer Pressekonferenz sagt; er durfte eine Waffe in der Öffentlichkeit mit sich führen. Offenbar fielen zehn Schüsse Dann fällt der erste Schuss. Es ist bisher unklar, wer den ersten Schuss auf Pretti abgab. Mindestens zwei hatten ihre Waffen auf ihn gerichtet. Pretti, immer noch kniend, richtet seinen Oberkörper kurz etwas auf. Erst nach den Folgeschüssen fällt er flach auf den Boden. Videos zeigen, dass sich alle Beamten kurz darauf von dem reglosen Körper Prettis entfernen. Weitere Schüsse fallen aus der Distanz. Insgesamt sollen es zehn gewesen sein. Die Ermittlungen in dem Fall werden bisher vom Heimatschutzministerium geführt. Der Staat fordert jedoch eine Untersuchung durch lokale Behörden und hat zunächst eine einstweilige Verfügung erwirkt, die den Bundesbehörden die Vernichtung oder Veränderung von Beweisen untersagt.