FAZ 12.01.2026
11:26 Uhr

Hüttenromantik in Südtirol: Auf einem Zauberberg


Fern der Welt verbringt Josef Grüner den Winter in der 125 Jahre alten Schutzhütte „Schöne Aussicht“. Der Wirt und sein junges Team lassen am Schnalser Gletscher alles hinter sich – für ein Leben in Eis und Schnee.

Hüttenromantik in Südtirol: Auf einem Zauberberg

Er hatte bereits im Sommer an alles gedacht, für diesen Winter in der Kälte, im Schnee, im Eis, im Fels – nur mit der Liebe hatte Josef Grüner nicht gerechnet. Wann er sie wohl am besten fragen sollte? Ob sie, seine neue Freundin, tatsächlich mitkommen würde? Es ist Mitte Juni, der Dreiundzwanzigjährige spaziert den Kreuzgang von Karthaus entlang, einem Südtiroler Dörfchen, das so heißt, weil es einst ein Kartäuserkloster war, dessen Kräutergarten die rund 250 Bewohner nach wie vor pflegen. Hier ist Grüner geboren und aufgewachsen, aber jede freie Minute verbrachte er lieber weiter drin im Tal, weiter oben, auf dem Gletscher, 2845 Meter über dem Meer, auf der „Schönen Aussicht“, deren Hüttenwirt er nun ist. An jenem Juninachmittag, zwischen Kreuzgang und Kräutergarten, grübelt er, was alles noch zu tun ist bis dahin. Gleich muss er weiter zum Talschluss, wohin die Schafbauern der umliegenden Dörfer die Herden bringen. Mit der Materialseilbahn soll er ein paar der Lämmer hochtransportieren, die den schweren Anstieg zur Gletscherüberquerung zu den Weiden im Ötztal nicht schaffen. Im Herbst gilt es in Luzern das Diplomstudium zum Hotelier-Gastronom abzuschließen, dann wird eine große Party steigen und zwei Tage später die Skisaison losgehen. Freies Geleit bis zur Schlucht Am Schnalstaler Gletscher, der schmelzende 185 Hektar misst, ist die Welt weit weg. Wo sich vor 5300 Jahren ein Mann über die steilen Hänge der Schlucht hinweg hereingekämpft hat, zum ewigen Eis, das sich dann als doch nicht so ewig erwies, und schließlich rücklings ermordet wurde. Nach Jahrtausenden im Eis wurde Ötzi entdeckt und in sein Museum nach Bozen geschafft. Es rausschaffen! Raus aus dem Tal. Davon träumt so mancher junger Schnalser, Grüner jedoch nie. Unten hat er Sehnsucht nach oben. Nun hat er alles von seinem Vater übernommen. Paul Grüner. Eine Legende im Tal. Statur groß. Hände groß. Großer Kopf. Arme lang. Das Lachen: umarmend kehlig. Wenn der Grüner Paul Gäste im Familienhotel „Goldene Rose“ in Karthaus zur Heimfahrt verabschiedet, sagt er Sätze wie: „Kommt’s gut raus aus unserem Tal. Bis zur Schlucht habt’s ihr freies Geleit. Danach kann ich für nichts garantieren.“ Es gab nur geschmolzenen Schnee Der Sohn hat schon als Kind in der Schutzhütte mitgeholfen. In der dampfenden Küche, in der schnapsdunstigen Stube. Seit 125 Jahren gibt es die „Schöne Aussicht“ am Hochjoch. Scheinbar der Natur trotzend, thront sie auf einem Felsvorsprung. Nur ein paar Schritte entfernt von der Gebirgsgrenze zwischen Italien und Österreich, wo Mensch samt Tier seit jeher den Übergang von einem Tal, Schnals, ins andere, das Ötztal, suchte. Schmuggler. Jochträger. Bis zu 50 Kilogramm Lebensmittel schufteten sie hoch. Vor 1953, als noch keine Materialbahn hochführte, als es noch kein fließend Wasser gab. Nur mühsam geschmolzenen Schnee. 23 Jahre alt war Paul Grüner, genauso alt wie sein Sohn jetzt, da sagte er sich: „Ich versuch’s“ – und übernahm. Das war Anfang der Neunzigerjahre. Seit über zehn Jahren wird das Tal immer wieder zur Filmkulisse. Da musste der Gletscher für Hollywood als Mount Everest herhalten. Dann schmeckte dem Tobias Moretti einmal das Essen am Set nicht, er wollte stattdessen Paul Grüners Knödel haben. Die „Goldene Rose“ und die Hütte. Pah! Da geht noch was, dachte der sich und gründete sogleich ein Filmcateringunternehmen. Die Sonne ist über die Finailspitze emporgekraxelt. Sie bringt die Lagaunspitze und die Schwemser Spitze zum Leuchten. Auch Olafur Eliassons Kunstinstallation, eine Stahl- und Glaskugel, deren konzentrische Ringe am Grat der 3251 Meter hohen Grawand die Sonnwenden markieren. Den Lauf der Zeit. Blauer Himmel. Vom Tal steigt Nebel auf, ein leuchtender Regenbogenring weitet sich aus, wie das Tor zu einem Paralleluniversum. Der  Duft von Zirbe Das alles könnte für eine Science-Fiction-Filmsequenz gehalten werden, wären da nicht die paar wenigen Skifahrer, die bereits erste Schwünge in die plattgewalzte Piste setzen. Josef Grüner, rote Wollzipfelmütze, knallblaue Skijacke, schaufelt die Tür frei. Wenn man sich einen Schutzhüttenwirt vorstellt, dann stellt man sich keinen wie ihn vor. Er stapft nicht durch den hohen Schnee, er tänzelt. Er wirkt wie einem Lifestyle-Magazin entsprungen. „Eines hat mich immer gestört“, sagt Grüner und bittet ins Innere, in der Stube duftet es nach Zirbe, „dass Papas Mitarbeiter, so oft wie nur möglich, runter ins Tal wollten. Dass sie eine, höchstens zwei Saisonen durchhielten. Ich habe mich stets gefragt: Was vermissen sie?“ Sie vermissten Privatsphäre. Sechs Monate, im Zimmer mindestens zu dritt, nur zwei Bäder für alle, das ist zäh. Da kann das Winterwunderland irgendwann zum Shining-Albtraum mutieren. Was tun? Zuletzt haben Josef und Paul Grüner die „Schöne Aussicht“ gemeinsam betrieben und nebenher umgebaut. Nach dem Geschmack des Sohnes. „Einmal habe ich selbst während eines Gewitters den Baukran gesteuert“, sagt dieser und grinst so bübisch, wie es sonst nur der Vater kann. Josef Grüner hatte sich Gedanken gemacht, darüber, wie er heute so eine Schutzhütte führen möchte, vor allem im Winter, wenn die allermeisten Hütten dieser Art, auf dieser Höhe, so weit weg von Straßen, Häusern, Geschäften, Infrastruktur, geschlossen sind. Heute, da ganz allgemein mit Personalmangel zu kämpfen ist. An diesem Dezembernachmittag führt er die ersten Gäste der Saison durch die alte Stube und die neue Stube, durch das alte Matratzenlager, zu dem eine waghalsige Treppe unters Dach hochführt. Zu den alten Bädern. Dann hinab zu den neuen Gästezimmern und den ebenso neuen Einzel- und Doppelzimmern der Mitarbeiter – allesamt mit eigenem Bad ausgestattet. Aus den Boxen erklingt leiser, grooviger Techno. „Willst du coole Mitarbeiter haben“, sagt der junge Wirt, „kannst du die nicht den ganzen Tag mit Ziehorgelgedudel penetrieren.“ Ende August war Grüners Team komplett. Über Freunde und Freunde von Freunden hat sie sich zusammengefunden, seine Hütten-WG, die so tickt wie er. Die das alles nicht nur als Arbeitsplatz sieht, vielmehr als Lebensort. Insgesamt sechs Frauen und sechs Männer. June, Anna, Alena, Celine, Catherine, Mihaela, Jonas, Bilel, Lahcen, Rehau. Erst einmal will keiner runter. Auch nicht am freien Tag. Alle sind sie unter dreißig. Außer Chen, dem chinesischen Chefkoch, der bereits zu Papas Team gehörte. Der, so haben sie gemeinsam beschlossen, nicht mehr nur tirolerisch und italienisch, sondern auch fernöstlich kochen soll. Einmal am Tag, so der Plan, setzt das Team sich zusammen. Da kann sich jeder alles von der Leber reden, da werden Events geplant. Terrassenpartys, Yogastunden in der neu errichteten, minimalistischen Holzkapelle. In der freien Zeit wird gemeinsam gewandert – oder Ski gefahren. Rezepte gegen Lagerkoller. Und, ach ja – die neue Freundin? Ist sie …? Grüner lächelt und schüttelt den Kopf. Luzern. Die vielen Partys. Sprunghafte, junge Herzen. Wofür er sich denn entschieden hätte, wenn …? „Niemals gegen die Hütte“, sagt er. Die „Schöne Aussicht“ ist bereits gut gebucht in der aktuellen Saison. Nach den Zimmern mit eigenem Bad wird als Erstes gefragt, nach Betten im Matratzenlager als Letztes. „Die Gäste sind völlig andere als noch vor fünf, sechs Jahren“, sagt Grüner. Internationaler. Sie bleiben länger. Früher eine Nacht, jetzt vier im Durchschnitt. Anspruchsvoller. „Sie suchen die Natur und wollen oft, sobald sie da sind, doch als Erstes das WLAN-Passwort.“ Das Internet funktioniert durchaus gut – und doch wird es abends ausgemacht. Damit sich Hüttenzauber entfacht. Bei etwas schnelleren Beats. Und mit Espresso Martini statt Bombardino, den er nicht mehr riechen kann. Viel war noch zu tun in den vergangenen Tagen: In einem der alten Zimmer waren ein paar Holzlatten morsch, man sah durch ein Loch in die Küche hinab. In andere waren die neuen Matratzen hochzubringen. Die Heizöltanks waren zu füllen, die Schneekatze zu reparieren, auch ein paar der Leitungsrohre. Sie hatten vergessen, über den Herbst das Wasser aus den Leitungen zu lassen. Alles gefroren. Die Leitungen geplatzt. Anfängerfehler. Draußen hat die Dämmerung eingesetzt, schnell ist es finster. Die Lifte stehen still. Die Sessel schaukeln im Wind. Der Vollmond leuchtet die eisigen Hänge aus, der Wind pfeift. Die Gäste stehen da, nackt, barfuß, nur ein Handtuch um die Hüften. Grüner öffnet die Tür. Zeigt hinaus in die Wildnis. „Wohin?“, fragt einer mit Zweifel in der Stimme. „Zum Licht.“ Ja, da stehen zwei überdimensionale Holzfässer. Eiszapfen hängen an ihnen herab. Gletschersaunen. Die Gäste treten ins Freie, laufen jauchzend durch den Schnee. Aus der Küche dringt der Umami-Dampf in die kalte Winterluft. Gleich soll es eine Ramen mit Rindfleisch geben, Kitzbraten mit Knödel, Kaiserschmarrn. „Ich will die Welt zu mir holen“, sagt der Wirt. Er will kosmopolitisch sein. Am Rande des Gletschers. Am Rande der Zivilisation. „Wenn das hier geht, dann geht es überall.“