FAZ 30.12.2025
19:03 Uhr

House of Jazz Berlin: Ein neues Zuhause für den Jazz in Berlin


Die Gründung eines deutschen House of Jazz steht womöglich unmittelbar bevor. Gelder von Bund und Land sind bewilligt, und ein Haus für das House ist gefunden.

House of Jazz Berlin: Ein neues Zuhause für den Jazz in Berlin

Wer das schlechte Ende einer Entwicklung sieht, muss kein Schwarzmaler sein. Er kann als gut informierter Pessimist zugleich ein realistischer Optimist sein – und etwas Neues ins Auge fassen. Till Brönner, der Jazztrompeter von Weltruf mit Wohnsitz in Potsdam und Los Angeles, hat seinem vor fünfzehn Jahren erschienenen Buch „Talking Jazz“ eine düstere Vision angehängt. Sie beginnt mit einem Schreckensszenario vom Ende des Jazz – wenn die Entwicklung so weitergehe, die letzte Rundfunk-Bigband in diesem Land aufgelöst sein werde, neben dem jazzabstinenten Fernsehen auch das öffentlich-rechtliche Radio seine letzten Sendeplätze für die allerkleinsten Minderheiten aufgegeben habe und es nichts mehr gebe, wohin die jungen, begabten Jazzmusiker auf ihrer Suche nach Orientierung streben könnten. Brönner schließt seine Prognose dann aber mit einem zuversichtlichen „Was tun“, ganz ohne Fragezeichen. Er schlägt die Gründung einer Jazz-Akademie vor, „nicht genau wie das Lincoln Center in New York, aber doch so ähnlich“. Und sie müsse in Berlin etabliert werden, „weil die Hauptstadt, wenn sie keine Kulturmetropole ist, überhaupt keine Metropole ist“. Seit dieser Buchveröffentlichung des Jahres 2010 ist von einem House of Jazz die Rede, wobei dem Gedanken allmählich Vorstufen zur Tat folgten. Dem umtriebigen Musiker mit ausgeprägtem sozialen Engagement gelang es mithilfe der Deutschen Jazzunion und der IG Jazz Berlin, Land und Bund zur ideellen und finanziellen Unterstützung eines solchen Leuchtturmprojekts zu gewinnen. Auch ein geeignetes Objekt hatte man schließlich mit der Alten Münze gefunden, für die schon 12,5 Millionen Euro Investivmittel für die Realisierung in den Bundeshaushalt des Jahres 2016 eingestellt und unterschiedliche Nutzungskonzepte entwickelt wurden. Teil des ehemaligen Luftwaffen-Kasernengeländes Aber die Zeit verging, ein Wind von Änderung nach dem anderen wehte durch die politische Landschaft, ökonomische Engpässe taten ihr Übriges, und statt ein von der öffentlichen Hand finanziertes Jazz-Zentrum in dem historischen Gebäudekomplex in Berlin-Mitte zu etablieren, hat man dann doch lieber wesentliche Teile der Alten Münze für zwei Jahrzehnte und eine Option auf weitere zehn Jahre an das privatwirtschaftliche Event- und Clubunternehmen „Spreewerkstätten“ vermietet. Damit wurde das Areal am Molkenmarkt zumindest als Kulturstandort erhalten. Immerhin ist in all den Jahren auch das Projekt House of Jazz selbst nicht ad acta gelegt worden. Seit 2020 wird das mittlerweile als „Zentrum für Jazz und Improvisierte Musik“ bezeichnete Projekt vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien mit 250.000 Euro jährlich gefördert, seit 2022 vom Land Berlin mit einer Summe von 300.000 Euro zusätzlich unterstützt, die im Haushaltsbeschluss des Landes für 2026/2027 auch schon ungekürzt vorgesehen sind. Was die Jazzszene jetzt freilich noch hoffnungsfroher stimmen dürfte, ist die als neuer Standort gehandelte Kino- und Theateranlage L’Aiglon am Kurt-Schumacher-Damm 121, die mittlerweile auch das konzertierte politische Plazet findet, wie man aus Till Brönners sozialmedialen Mitteilungen über seine Treffen mit Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson und Kulturstaatsminister Wolfram Weimer heraushören kann. Das Aiglon gehörte zum ehemaligen Luftwaffen-Kasernengelände, das nach 1945 als „Quartier Napoléon“ zum Hauptquartier der französischen Streitkräfte und Sitz des französischen Stadtkommandanten in Berlin umgebaut wurde. Der Architekt Hans Wolff-Grohmann entwarf es Anfang der Fünfzigerjahre als Kulturhaus in einem Ensemble, das aus dem Kino L’Aiglon selbst, einem niedrigen Querbau mit ehemaligem Restaurant und einem viergeschossigen Hotel besteht. Vor allem das großflächig verglaste Foyer des Kinos mit seiner wellenförmig geschwungenen Fassade und Neon-Leuchtschrift, der großzügige Zuschauerraum, die ausschwingende Treppe zur Empore sind markante Beispiele für die bauliche und innenarchitektonische Gestaltung jener Zeit. Seit 1994 liegt das unter Denkmalschutz stehende Kino brach, seit 2023 ist die Liegenschaft Kurt-Schumacher-Damm 121 im Besitz des Landes. Das Hotel mit ehemaligem Restaurant nebenan gehört dem Bund und ist als Gästehaus des Sozialwerks der Bundesfinanzverwaltung e.V. in Betrieb. Marginalisierung des Jazz in den Medien Für ein House of Jazz, wie es dem Initiator Brönner und dem Projektbüro Zentrum für Jazz und Improvisierte Musik der Deutschen Jazzunion sowie der IG Jazz Berlin vorschweben mag, scheinen der mit Orchestergraben ausgestattete Theatersaal für 350 Besucher, die übrigen Räumlichkeiten, das Hotel und auch die anliegende, ebenfalls ungenutzte ehemalige Kommandanten-Villa wie gemacht zu sein. Im Grunde würde es in allen Teilbereichen mit attraktivem Foyer, großzügig bemessener Bühne, offenem Verwaltungstrakt, ehemaligem Vorführraum für Licht-, Video- und Tonregie, Kellerräumen, Gästeunterkunft und interdisziplinärem Residenzhaus in der Villa, mit Anbaumöglichkeiten für Proberäume und Gastronomie und viel offenem Platz auf einem Areal von etwa 3000 Quadratmetern den Bedürfnissen einer Kulturinstitution unserer Zeit entsprechen. Und es wäre wohl einfacher, kostengünstiger und früher zu realisieren, als die komplexe Alte Münze es hätte sein können. Nach so vielen Jahren der Entwicklung des Projekts, den schon getätigten Investitionen und Vorarbeiten, nicht zuletzt aber mit Blick auf den aktuell spürbaren politischen Willen scheint der Zeitpunkt günstig für verbindliche Entscheidungen zwischen Bund und Land für dieses Jazz-Zentrum am Standort Berlin. Er sollte genutzt werden, denn die Situation für das Kulturgut Jazz in Deutschland entspricht zwar noch nicht dem düsteren Szenario, dem Till Brönner vor fünfzehn Jahren seine Jazz-Akademie entgegensetzen wollte. Aber wenn man etwa den Bericht zur Situation des Jazz in Deutschland zur Hand nimmt, den die Bundeskonferenz Jazz im vorigen Jahr herausgab, oder auch die Daten und Fakten heranzieht, die das Musikinformationszen­trum in Bonn in seinem Almanach zum „Musikleben in Deutschland“ ganz allgemein zur Verfügung stellt, dann sind die alarmierenden Anzeichen, etwa zur Marginalisierung des Jazz in den Medien und die ökonomischen Probleme von Jazzmusikerinnen und Jazzmusikern, in den Jahren seither sicher nicht kleiner geworden. Die Jazz-Szene hierzulande mag oberflächlichen Blicken und entsprechenden Höreindrücken noch immer als ausgesprochen vital erscheinen und das Bild bestätigen, das Deutschland als Musikland auch für andere Länder generell verkörpert. Aus dem Bericht der Bundeskonferenz Jazz wird jedoch ersichtlich, wie viel deutlicher andere europäische Länder in ihrer Kulturförderung den Schwerpunkt auf aktuelle Künste und damit auch auf Jazz und Improvisation legen. In Frankreich wird die Jazzszene durch die Musikergewerkschaft und die Association Jazzé Croisé, unterstützt vom Kulturministerium, gefördert. Norwegen verfügt über fünf regionale Jazz-Zentren und mit der „Victoria-Nasjional Jazzscene Oslo“ über eine überregionale Spielstätte. Einrichtungen mit Exzellenzcharakter haben stimulierende Wirkung Auch Dänemark widmet sich der Förderung des Jazz in der nationalen Organisation „JazzDanmark“. Das Budapest Music Center ist ein ähnlich staatlich gefördertes Zentrum, gleichberechtigt für klassische Musik und Jazz, mit eigenem Jazzclub, Bibliothek, Archiv und Räumlichkeiten zur Nutzung als internationale Begegnungsstätte für Musiker. Früher war in Deutschland das Goethe-Institut für eine Präsenz des deutschen Jazz im Ausland verantwortlich – und fühlte sich auch zuständig. Auch hier könnte ein Jazz-Zentrum mit langfristiger Förderung die Lücke schließen, indem Netzwerke mit internationalen Organisationen gespannt werden. Vom 8. bis 10. Januar findet im Konzerthaus Berlin unter dem Titel „Stop Over 4“ eine Reihe mit Konzerten statt, die Julia Hülsmann, Christian Lillinger und Ingrid Laubrock (New York) kuratieren. Sie werden vom „Zentrum under construction“ der Deutschen Jazzunion veranstaltet, um eine Vorstellung von dem zu geben, was man vom House of Jazz sollte erwarten können. Immer wieder einmal ist auch die Frage gestellt worden, ob ein solches Zentrum nicht dem föderalen System widerspreche, ein Leuchtturm die regionalen Institutionen nicht ins Abseits schiebe. Das Gegenteil dürfte der Fall sein, Einrichtungen mit Exzellenzcharakter haben eher stimulierende Wirkung, wie man auch am Jazz at Lincoln Center in New York, dem Berklee College of Music in Boston oder – um ein regionales Beispiel aus der Klassik zu nehmen – der Kronberg Academy erkennen mag. Noch ist die Infrastruktur des Jazz in Deutschland intakt, gibt es mit dem Stadtgarten in Köln ein weit über die Region hinausgehendes Veranstaltungskonzept für „Jazz und aktuelle Musik“, besitzt Frankfurt nach wie vor historisch gewachsene Institutionen mit internationaler Strahlkraft wie den Jazzkeller, das Jazzensemble und die Bigband des Hessischen Rundfunks, hat sich München mit ACT Music und vor allem ECM einen Ruf als Stadt ausgezeichneter Jazz-Labels erworben, wird der Produzent Manfred Eicher von der gesamten amerikanischen Jazz-Szene hochgeschätzt, ist das Jazz-Institut in Darmstadt zu einem der bedeutendsten Jazz-Archive und Diskussionsforen weltweit aufgestiegen, hat sich ein nahezu lückenloses Netz von Jazz-Festivals, Clubs und Ausbildungsstätten für Jazz über das ganze Land gespannt. Ein House of Jazz in festem Haus entspricht der Bedeutung des Jazz, der keine Nische der populären Musik darstellt, vielmehr die Basis dieser Musik, seit mehr als hundert Jahren. Ein House of Jazz in Berlin, die Tradition pflegend, die aktuelle Entwicklung befördernd, könnte diese Funktion des Jazz bewusst machen. Das House of Jazz wird gebraucht.