FAZ 12.02.2026
14:25 Uhr

Honeckers „Kronprinz“: „Natürlich gab es auch in der DDR Faschisten“


Egon Krenz macht auf seiner Autobiographie-Tour bei der DKP in Gießen Station. Der ehemalige führende DDR-Politiker lässt am Westen kein gutes Haar, überrascht aber mit einem Geständnis.

Honeckers „Kronprinz“: „Natürlich gab es auch in der DDR Faschisten“

Gut eine Stunde lang hat Egon Krenz seine Sicht auf die Zeit seit 1945, auf die deutsche Teilung, die Wende von 1989 und die Jahre danach geschildert. Der ehemalige Kurzzeit-Staatschef der Deutschen Demokratischen Republik hat am Westen kein gutes Haar gelassen, die Ost-Erweiterung der NATO als wesentliche Ursache der neuen Kriegsgefahr bezeichnet und die DDR unter gemurmelter Zustimmung aus dem Publikum als Friedensprojekt gepriesen. Doch dann ereilt den 88 Jahre alten Publizisten unvermittelt eine kritische Frage in einem Nebenraum der Gießener Kongresshalle, in den er auf Einladung der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) gekommen ist. Wie sich in der DDR in den Achtzigerjahren denn unbehelligt rechtsextreme Skinheads entwickeln konnten, möchte ein Mann von ihm wissen. Seinerzeit galt Krenz als „Kronprinz“ des damaligen Chefs der Staatspartei SED, Erich Honecker, und in der überalterten DDR-Staatsführung geradezu als Jungspund. Zudem will der Gast noch erfahren, warum die Berliner Mauer im ostdeutschen Staat „antifaschistischer Schutzwall“ und nicht  „antiimperialistischer Schutzwall“ genannt worden sei. Krenz verweist in einer längeren Antwort auf die Riege an Mitstreitern, die in der Nazizeit „im Knast“ gesessen und sich als Antifaschisten verstanden hätten. Behauptungen bleiben unwidersprochen Die Frage nach den Skinheads übergeht er, doch der Moderator von der DKP erinnert ihn umgehend daran. Dann sagt Krenz: „Natürlich gab es auch in der DDR Hakenkreuzschmierereien, Rassisten und Faschisten.“ Nach einer Atempause fügt er hinzu, aber die Staatsmacht sei dagegen eingeschritten – „anders als im Westen“. Die Behauptung bleibt unwidersprochen. Ob Krenz mit kritischen Fragen gerechnet hat? Er sitzt vor einem DKP-Banner. Darauf steht untereinander „Abrüsten statt aufrüsten!“, „Raus aus der Nato!“ und „Frieden mit Russland und China!“. Links von den Parolen  eine Friedenstaube vor einem kommunistischen Fünfzackstern, rechts ein Kreis mit einer durchgestrichenen Bombe. Vor Krenz und dem Moderator hängt etwas gebeugt ein Kuba-Fähnchen. Ein Karton geht rund: Der Moderator bittet um großzügige Spenden für ein Solarprojekt auf der Not leidenden kommunistisch regierten Insel. Bevor Krenz seine Rede begonnen hat, fragte er, „wie wir uns anreden wollen“. Er wartete keine Antwort ab, sagte dann „Liebe Anwesende“ und schob rasch nach: „Aber wenn ich mich so umsehe, kann ich auch sagen, liebe Genossinnen und Genossen.“ Die Lacher hatte er auf seiner Seite. „Unbehagen“ wegen Reisefreiheit Gefühlt sympathisieren 40 der rund 50 Besucher mit ihm. Auf Nicken stößt etwa seine Aussage, seit 1990 gebe es eine politische Kampagne gegen die DDR. Immer wieder werde das „Märchen vom Schreckgespenst der DDR-Diktatur“ bemüht, für ihn ein Beleg der Denunziation durch Antikommunisten. Kein Wort zu Selbstschussanlagen an der DDR-Grenze, Drangsalierungen von Abweichlern durch die Staatssicherheit oder Bespitzelungen durch Quartiersaufpasser („Abschnittsbevollmächtigte“). Dafür hebt er hervor: „Die DDR war zu keiner Zeit pleite.“ Allerdings gibt Krenz zu, die im Herbst 1989 erwogene Reisefreiheit für DDR-Bürger habe Unbehagen in ihm ausgelöst. Begründung: Die Bundesrepublik habe eine bestimmte Summe für jeden gefahrenen Bahn-Kilometer verlangt. Und dafür habe das Devisenvermögen der DDR nicht gereicht. Überhaupt das Geld. Für Krenz ist es die Wurzel so manchen Übels, wie er mit einem Karl-Marx-Zitat erläutert. Andererseits muss den Kapitalismus kennen, wer über ihn schimpfen will. Krenz kennt ihn und weiß ihn zu nutzen. Aufkleber weisen die Bände seiner dreiteiligen Autobiographie auf dem Verkaufstisch im Raum als Bestseller aus.