Er war der schüchterne Schüler in „Der Club der toten Dichter“, ließ sich in „Before Sunrise“ mit einer Zufallsbekanntschaft auf eine Liebesgeschichte ein, spielte Hamlet und Kinderentführer mit der gleichen Intensität. Ethan Hawke wurde mit kleinen, feinen Filmen wie „Reality Bites“, „Gattaca“ oder „Training Day“ erst zum Teenieidol, dann zum Frauenschwarm und Helden der Generation X. Hawke spielt nicht nur vor der Kamera und auf der Bühne, sondern führt auch Regie und schreibt Romane. Er gilt sogar als Oscar-Kandidat, seine Leistung in „Blue Moon“, der auf der Berlinale zu sehen war, gilt als eine der herausragendsten seiner Karriere. Auch mit bald 55 Jahren hat Hawke etwas Jungenhaftes an sich, auch Glitz und Glam à la Hollywood sind ihm egal, er ist eher einer der kreativen Querköpfe der Filmindustrie. Die meisten kennen Sie „nur“ als Schauspieler. Dabei schreiben Sie auch Romane und führen Regie . . . Ich habe die Künste immer als ein Gebäude betrachtet. Für mich ist die Vorstellung, Theater zu spielen, Regie zu führen und zu schreiben eine Einheit. Ich habe nie groß zwischen ihnen unterschieden. Der Prozess des Romanschreibens ist dem des Filmemachens auch sehr ähnlich. Wo fühlen Sie sich am lebendigsten: auf der Bühne, hinter der Kamera, am Schreibtisch? Wahrscheinlich, wenn ich spiele. Aber das Ziel unseres Lebens scheint zu sein, uns so oft wie möglich am lebendigsten zu fühlen, oder? Sie werden für Independent-Filme geliebt, ob „Club der toten Dichter“ oder die „Before“-Trilogie mit Julie Delpy. Was liegt Ihnen an solchen Filmen? Die meisten von uns gehen durchs Leben, ohne in eine Schießerei, ein Hubschrauberrennen oder in Spionage verwickelt zu sein. Dennoch fühlt sich unser Leben ziemlich dramatisch an. Es liegt auch genug Drama darin, wenn man sich mit anderen emotional verbindet, sich mit ihnen streitet oder entzweit. Ich fühle mich zu dieser Art von Geschichten hingezogen, Storys, die vom wirklichen Leben handeln, nicht von der Hyperbolisierung des Lebens. Sie sind vierfacher Vater. Ihre Älteste, Maya Hawke, ist Sängerin, Model und Schauspielerin, die für Regisseure wie Wes Anderson oder Quentin Tarantino dreht und eine Stammrolle in der Netflix-Erfolgsserie „Stranger Things“ spielt. Sie beide haben auch einmal miteinander gearbeitet. Wie kam es dazu? Sie hat mich angeheuert, als Regisseur! Es war ihre Idee. Durch ihren Erfolg in „Stranger Things“ begann sie, sich auch mehr für die Rollenangebote zu interessieren, die über die süßen, netten Mädchen hinausgingen – sie wollte komplexere Rollen spielen. Und so kam sie eines Tages mit dieser Idee zu meiner Frau und mir: Sie hatte jemanden gefunden, der die Rechte am Nachlass der amerikanischen Dichterin Flannery O’Connor besaß, und fragte uns, ob wir einen Film über Flannery machen wollten. Ich sah es als großes Privileg, wenn dein Kind genau dann zurückkommt, wenn es wegfliegen darf, und dich bittet, mit dir zu arbeiten. Haben Sie sich anfangs dagegen gesträubt, sie für die Hauptrolle zu besetzen? Und hat die Arbeitssituation ihre Vater-Tochter-Beziehung verändert? Oh nein. Wenn sie zu Besuch zu unserem Thanksgiving-Essen kommt, streiten wir uns vielleicht viel. Aber bei einer Zusammenarbeit? Wir haben unser Leben zusammen verbracht, sind gemeinsam ins Kino gegangen, haben Theaterstücke gesehen, Rockkonzerte gehört, Gemälde und Museen besucht. So wurde das Reden über Kunst eigentlich unser Safe Space. Haben Sie nie befürchtet, dass Konflikte am Set den Film kaputt machen könnten oder ihre Beziehung? Ich wusste einfach, dass das nicht passieren würde. Als wir uns darauf vorbereiteten, fragten die Leute immer wieder: „Na, wie wird es sein, Regie zu führen?“ Wir hatten nie darüber nachgedacht, dass es schwierig werden könnte. Je näher wir dem Projekt kamen und je öfter Leute das sagten, desto häufiger fragte ich Maya: „Sollten wir uns darüber doch Sorgen machen?“ Aber sie empfand es genauso wie ich. Und: Wir behielten Recht. Wir waren die ganze Zeit über entspannt und fanden es sehr angenehm für beide. Ich helfe ihr ja auch bei ihren Castings, und sie hilft mir. Es war also ganz natürlich. Ist es etwas anderes, wenn Sie in die Gedankenwelt einer Künstlerin eintauchen? Interessante Frage. Ich habe den größten Teil meines Lebens die Welt aus einem männlichen Blick gesehen. Dann hatte ich die Gelegenheit, mit Sally Hawkins an dem Film „Maudie“ über die Malerin Maud Lewis zu arbeiten. Sally ist so brillant, und der Film wurde von der Regisseurin Aisling Walsh inszeniert. Ich habe es genossen, Teil dieser weiblichen, kraftvollen, führungsstarken Kreativität zu sein. Als ich dann mit meiner Frau Ryan und meiner Tochter an diesem Film über Flannery O’Connor arbeitete, hat das einen anderen Teil von mir angesprochen, was ich auch sehr genossen habe. Sonst halte ich es wie Flannery O’Connor, die den genialen Satz sagte: „Ich teile Menschen nicht in Jungen und Mädchen ein. Ich teile sie in nervige und weniger nervige ein.“ Ich stelle immer fest, wie richtig das ist. (lacht) Werden Sie oft von Zweifeln geplagt? Ich sehe Zweifel als Reibung, die die Energie erzeugt, um etwas zu schaffen. Ich habe enorm viele Zweifel. Aber ich glaube, dass Zweifel Energie sind. Man hat einen Impuls, einen Wunsch, etwas zu erschaffen, und dann kommen die Zweifel und sagen: „Das wird schlecht. Das wird nicht funktionieren.“ Aber dann beginnt die Überlegung, wie man es doch zum Funktionieren bringen kann. Bei welcher Kunstform sind Ihre Zweifel am größten, beim Schreiben, beim Spielen oder Filmemachen? Was ich am Schreiben wunderbar finde, ist, wie einsam es ist. Das Wunderbare am Filmemachen ist, dass man es mit vielen Menschen zu tun hat. Das Gegenteil trifft ebenfalls zu: Das Schlimmste am Schreiben ist, wie einsam es ist, das Schlimmste am Filmemachen ist, wie kollaborativ es ist. Am schönsten wäre es, wenn sich das Drehen eines Films so kreativ und friedlich anfühlen würde wie das Schreiben eines Buches. Die Freude am Filmemachen ist, dass man einen brillanten Kameramann hat und all seine Ideen nutzen kann. Dass man die Ideen seiner Schauspieler weiterentwickeln kann. Man muss nur als Regisseur konzentriert genug sein, um sie auf Kurs zu halten. Beim Bücherschreiben ist das Wunderbare und Schwierige, dass man diesen kollaborativen Prozess nicht hat, aber man hat Zeit. Man kann eine lange Pause einlegen, wenn es mal nicht funktioniert . . . Genau. Das Schwierige am Filmemachen ist, dass es nie so gut wird, wie man es plant. Er ist nur so gut, wie man ihn an diesem verregneten Tag machen konnte, an dem die Kostüme nicht angekommen sind, der Kameraassistent krank war und niemand da ist, der die Schärfe einstellt – das Beste, was man unter den gegebenen Umständen erreichen kann. Sie probieren auch nach fast 40 Jahren Schauspielerei immer wieder neue Dinge aus, ob nun ein Biopic über eine früh verstorbene US-Schriftstellerin oder eine Marvel-Serie wie „Moon Knight“. Ist das das Rezept für die Langlebigkeit Ihrer Karriere? Man möchte doch mit der Zeit gehen, oder? Mein allererster Film war von Joe Dante, einem Regisseur, der Horrorfilme wie „Piranhas“ und „Das Tier“ drehte und für mich ein großartiger Lehrer war: Er glaubte nicht an hohe oder niedrige Kunst – sondern an Filme, in die die Leute Gedanken investieren, und an solche, in die die Leute keine Gedanken investieren. Er liebte Ingmar Bergman und Brian De Palma zugleich. Ich habe gelernt, mich als Handwerker zu sehen, und glaube, dass ich als Schauspieler in jedem Genre gute Arbeit abliefern kann. In verschiedenen Filmarten mitzuspielen, wie der „Before“-Trilogie oder in „Black Phone“, ist meine Möglichkeit, mich zu verändern. Jede Komödie, jedes Drama, jede Romanze, jeder Kunstfilm hat eine andere andere Architektur, und ich genieße es, diese zu studieren und zu versuchen, mich innerhalb dieses Rahmens zu verbessern. Haben Sie das schon früh verstanden oder erst im Laufe der Zeit? Nach und nach, in dem ich mit Regisseuren aus aller Welt zusammenarbeiten konnte, ob Paweł Pawlikowski, Sidney Lumet, Antoine Fuqua, Richard Linklater, Alfonso Cuarón. Sie alle nähern sich der Filmkunst aus völlig unterschiedlichen Blickwinkeln, man merkt: „Wow, es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, einen guten Film zu machen, nicht nur eine einzige.“ Das öffnete mir die Augen. Ich frage mich jetzt also: „Mit Mohamed Diab an einer Marvel-Serie zu arbeiten, könnte das gut sein? Versuchen wir’s einfach.“ Richard Linklater ist wohl der Regisseur, mit dem Sie am meisten in Verbindung gebracht werden: Mit ihm und Julie Delpy haben Sie die „Before“-Trilogie geschrieben. Wie sehr hat er Sie beeinflusst? Unsere Freundschaft hat mich wahrscheinlich mehr beeinflusst als jede andere. Was man von einem guten Freund lernt, ist, auf seine eigene Stimme zu hören. Er würde nie denken, dass seine Arbeitsweise für jemand anderen richtig wäre. Seine Hartnäckigkeit, sich selbst treu zu bleiben, fand ich immer vorbildlich. Ich liebe die Freiheit, mit der er sich ausdrückt. Ich denke, dass das der ganzen Gemeinschaft guttäte. Wir brauchen solche alten Löwen, die darüber sprechen, wie es im Wald zugehen sollte. Hat sich für Sie je ein lang gehegter Traum erfüllt? Ja – mit Martin Scorsese zusammenzuarbeiten. Er hat „The Last Movie Stars“ produziert, die Doku, die ich über Paul Newman und seine Frau Joanne Woodward gedreht habe. Das war eine wirklich wunderbare Erfahrung. Ich fühlte mich irgendwie wie Eliot Ness, der Al Capone wegen Steuerhinterziehung verhaftet hat. Ich durfte mit Scorsese arbeiten – zwar nicht als Schauspieler, wie ich es mir gewünscht hätte, aber ich durfte trotzdem mit ihm in einem Raum sein, und das war aufregend. Ihre Tochter nannte Sie mal „Spezialist für gefährliche Kunst“. Sehen Sie sich so? Für mich fühlt sich nichts riskant an. Ich mag aber das Gefühl, nicht sicher zu sein, wie die Dinge laufen werden. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal eine Doku drehen würde oder ein Biopic. Aber als ich damit anfing, dachte ich: „Oh, das ist aufregend, ich weiß nicht, wie das funktionieren wird.“ Das schafft Freiheit und sprengt alte Denkmuster. Ich habe gerne an dem Marvel-Film mitgearbeitet, weil ihre Welt und ihr Prozess für mich so neu waren – und das bringt mich dazu, anders zu denken. Ich arbeite gerne mit Linklater, weil sein Kopf ständig mit Formen bricht. Wenn man mit der Form bricht, hören die Leute einem anders zu. Sie sind eine Ikone der Generation X. Werden Sie jetzt zum Mentor der nächsten Generation? Das Tolle daran, Mentor zu sein, ist, dass junge Menschen dich herausfordern, die Person zu sein, die du zu sein vorgibst. Große Reden zu schwingen ist einfach, aber sie brauchen einen, damit man das, was man predigt, auch in die Tat umsetzt und ihnen zeigt, wie man es macht. Daher finde ich die Energie, den Idealismus und die Leidenschaft der jüngeren Generation äußerst inspirierend und fordernd. Wie altert man in Hollywood? Das Filmgeschäft orientiert sich primär an jungen Leuten. Ja, mehr als ich dachte. Daher gibt es eine große Challenge beim Älterwerden: ob die Zuschauer an älteren Schauspielern interessiert sind, Menschen, die sie im Allgemeinen nicht so reizvoll finden. Wir haben nun mal kein Barometer, dessen Skala Weisheit, Reife und Güte bemisst. „Schön“, „umwerfend“ und „sexy“ sind die Worte, die uns alle viel schneller ins Kino bringen, oder? Einige Leute behaupten, mit wachsendem Alter nehme die Eitelkeit ab, das sei ein sehr befreiendes Gefühl. Können Sie das bestätigen? (lacht) Richard Linklater traf neulich den Nagel auf den Kopf. Jemand sagte zu mir: „Mann, Ethan, du siehst aber auch ein Stück älter aus.“ Daraufhin sagte Linklater: „Ethan hat doch ein Leben lang nur darauf gewartet, endlich so auszusehen wie heute!“ Und das ist so wahr. Es war mir früher sehr unangenehm, als hübscher Junge zu gelten. Wenn ich mich jetzt in „Before Sunrise“ sehe, mit 25, denke ich: „Verdammt – kein Wunder, dass du so viele Angebote bekamst!“ Aber damals fühlte ich mich unwohl mit meinem Aussehen. Ich hasste es, wenn Haar- und Make-up-Leute an mir rumwerkelten oder ich mir ein schönes Hemd anziehen sollte. Ist das bis heute so? Wenn ich es noch einmal durchleben müsste, wäre es mir heute nicht mehr unangenehm. Die Charaktere, die ich heute spielen darf, sind so viel reichhaltiger! Es ist fantastisch, mir keine Gedanken darüber machen zu müssen, wie ich aussehe. Ja, meine Eitelkeit ist zerstört. Jetzt macht mich nur noch die Frage nervös: „Wirst du weiterhin Arbeit bekommen?“ Gibt es etwas, das Sie als Mensch und Künstler unbedingt erreichen möchten? Oh, so vieles. Seltsamerweise ändern sich mit jedem Lebensalter die Ziele. Aber vieles bleibt: Man möchte originelle Werke erschaffen, wertvolle Geschichten erzählen und die Zeit der Menschen nicht verschwenden. Der einzige Weg, originell zu sein, ist, auf sich selbst zu hören. Dann ist jeder originell. Der ultimative Traum ist es, etwas beizutragen, wertvoll zu sein, mit seinem Leben nützlich zu sein, richtig? Das ist der Traum – nur wie man das macht, ändert sich.
