FAZ 02.01.2026
21:19 Uhr

Hohe CO2-Kosten: Bald könnte der Schmiedehammer schweigen


Der CO₂-Preis bringt Traditionsunternehmen ins Straucheln. Die Chefs zweier Schmieden im industriellen Herz Nordrhein-Westfalens berichten.

Hohe CO2-Kosten: Bald könnte der Schmiedehammer schweigen

Im Konferenzraum des Unternehmens Dirostahl in Remscheid vibriert der lange Besprechungstisch. Trotz der geschlossenen Fenster dringt ein rhythmisches Hämmern in das Zimmer, es klingt ein wenig, als höre man die Bässe eines Livekonzerts oder einer Elektroparty: „kawumm, kawumm, kawumm“. Das Geräusch kommt aus einer der Werkshallen nebenan, wo gerade ein 30 Zentner schwerer Hammer in gleichmäßigem Takt auf orange glühenden Stahl schlägt. „Das ist unser drittgrößter“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Roman Diederichs. Den Klang seiner Maschinen kennt er im Schlaf. Doch was dem Unternehmer derzeit den Schlaf raubt, sind keine Hammerschläge, sondern Energiepreise und CO2-Kosten. Dirostahl ist eine Freiformschmiede, ein Familienunternehmen mit 380 Beschäftigten und rund 100 Millionen Euro Jahresumsatz. Hier entstehen nahtlos gewalzte Ringe, Antriebswellen und andere geschmiedete Bauteile für Windräder, Schiffe, Maschinen und Anlagen aller Art – Bauteile, die enorme Kräfte aushalten müssen. Doch die Nachfrage schwächelt, die Produktion läuft in Kurzarbeit, das Unternehmen macht aktuell Verlust. „Die strukturelle Wirtschaftskrise trifft uns hart“, sagt Diederichs. „Die Energiekosten sind in der gesamten Wertschöpfungskette eines der größten Probleme.“ Sie seien der entscheidende Punkt, warum die Schmiede, die auf 400 Jahre Tradition zurückblickt, heute hart um ihre Wettbewerbsfähigkeit kämpft. Ohne Erdgas geht es nicht Erdgas ist für Dirostahl unverzichtbar. „Wir haben viele Optionen geprüft, die Produktion zu elektrifizieren – technisch unmöglich“, sagt Diederichs. Nur Gas bringe die riesigen Stahlstücke auf die nötige Schmiedetemperatur. Wasserstoff wäre zwar denkbar, aber bislang unbezahlbar und nicht verfügbar. Besonders schmerzen ihn die nationalen CO2-Kosten. Über das Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) wird für jede emittierte Tonne CO2 eine Abgabe fällig, bisher 55 Euro, ab 2026 nun bis zu 65 Euro. Bei einem Jahresverbrauch von etwa 100 Gigawattstunden Erdgas summiert sich das für Dirostahl auf rund 1,1 Millionen Euro. „Das müssen wir über höhere Preise wieder einspielen oder als Verlust hinnehmen“, sagt Diederichs. Geld, das Konkurrenten in Spanien oder Italien bisher sparen, weil es dort keine vergleichbare CO2-Bepreisung gibt. Im europäischen Vergleich ist das ein Wettbewerbsnachteil. Eigentlich sollte von 2027 an der europaweite Emissionshandel ETS 2 solche Unterschiede beenden. Doch die EU-Kommission hat den Beginn kürzlich auf 2028 verschoben. „Das beschert uns ein weiteres Jahr ungleicher Konkurrenzverhältnisse“, sagt Diederichs. Wäre das System gestartet wie geplant, „hätte innerhalb Europas endlich wieder Gleichstand geherrscht“. Freilich auch nur dort. Diederichs hadert parallel mit der Billigkonkurrenz aus Asien, die durch Klimazölle nicht ausreichend ferngehalten werde – doch das ist ein anderes, weiteres Thema. „Was wir hier machen, ist richtig Heavy Metal“ Das Problem der hohen CO2-Preise betrifft die ganze Branche. Und es erwischt sie in einer Zeit, in der sie wegen der schwachen Konjunktur ohnehin mit einer Nachfrageschwäche kämpft. Laut dem Industrieverband Massivumformung haben Freiformschmieden 2024 zwölf Prozent und im ersten Halbjahr 2025 weitere vier Prozent an Produktionsvolumen eingebüßt. Noch härter von der Konjunkturdelle betroffen sind Gesenkschmieden. Sie haben dem Verband zufolge im ersten Halbjahr 2025 sogar 14 Prozent an Produktionsvolumen eingebüßt. Gesenkschmieden bearbeiten in der Regel etwas kleinere Teile und pressen oder schlagen diese in eine vorgefertigte Form. Die Schmiedag GmbH aus Hagen, die zur GMH-Gruppe gehört, stellt auf diese Art unter anderem Bauteile für Hochgeschwindigkeitszüge, Auto-Anhängerkupplungen und Seilbahngondeln her. „Was wir hier machen, ist richtig Heavy Metal“, sagt Geschäftsführer Johannes Braun, während ein Gabelstaplerfahrer ein feurig glühendes Metallteil aus einem Ofen holt und unter dem Schmiedehammer platziert. Obwohl Braun die Produktion seiner kleineren Teile erfolgreich elektrifizieren konnte, funktioniert das auch bei ihm für größere Schmiedestücke bislang nicht. Auch die Schmiedag kämpft mit Energiepreisen – und mit der verschobenen CO2-Reform. „Wenn die EU den ETS 2 verschiebt, dann müsste Deutschland seine nationale CO2-Bepreisung bis dahin aussetzen“, fordert er. „Es ist schon schwer genug, dass ungleiche Wettbewerbsbedingungen mit Ländern außerhalb der EU herrschen. Wenigstens in der EU brauchen wir ein Level Playing Field.“ Hilfen greifen bislang nur lückenhaft Zwar können energieintensive Unternehmen einen Teil der CO2-Kosten erstattet bekommen, doch die Hilfen greifen nur lückenhaft. Dirostahl erhält nur für etwa die Hälfte seiner Kosten eine Kompensation, Schmiedag gar keine. Der Metallumformungsverband hat bei Behörden und Politik jede Menge Papiere eingereicht, damit sich das ändert, bislang ohne Antwort. „Seit drei Jahren warten wir auf eine Anerkennung der Entlastung“, kritisiert Verbandschef Tobias Hain. „Für die Unternehmen bedeutet das eine große Planungsunsicherheit.“ Eine andere Unterstützungsmöglichkeit für betroffene Unternehmen könnten Klimaschutzverträge bieten. Hier verspricht der Staat, die Mehrkosten für eine klimafreundliche Produktion über einen definierten Zeitraum auszugleichen. Wird der CO2‑Preis irgendwann so hoch, dass sich die klimafreundliche Variante von selbst lohnt, bekommt das Unternehmen keine Zuschüsse mehr oder muss diese zurückzahlen. Dirostahl hat sich für die aktuelle Ausschreibungsrunde, die Anfang des Monats zu Ende gegangen ist, nicht beworben. „Zu bürokratisch, zu riskant“, befindet Diederichs. „Der Aufwand ist hoch, die Parameter sind intransparent und teils staatlich beeinflussbar.“ Insgesamt sei die Beantragung für einen Mittelständler kaum bewältigbar. Die Deutsche Emissionshandelsstelle verteidigt auf ihrer Internetseite das gescholtene BEHG und den ETS 2. Sie nennt die Systeme „wichtige Instrumente, um die Klimaziele des Pariser Abkommens zu erreichen“. Auch aus Sicht von Ökonomen, etwa des IW Köln, sind CO2-Handelssysteme „ein wirksamer Weg, um CO2-Emissionen dort zu senken, wo es am effizientesten ist“. Dass ungebremster Klimawandel auch aus ökonomischen Gründen schwierig werden kann, bekam übrigens die Schmiedag im Jahr 2021 bitter zu spüren, als ein Starkregenereignis in vielen Teilen Nordrhein-Westfalens große Schäden anrichtete. Der kleine Bach Volme, der mitten durch das Werksgelände fließt, schwoll zum reißenden Fluss an, zerstörte Werkshallen und Maschinen und hinterließ eine Schlammwüste. Heute ist alles wieder aufgebaut. Hinter die Wichtigkeit des Klimaschutzes setzt Johannes Braun nicht erst seitdem ein großes Ausrufezeichen. Auch Roman Diederichs aus Remscheid stellt all das nicht infrage – wohl aber die Logik hinter einem System, das nur in Europa, „wie auf einer Insel“ eingeführt werde und selbst dort unvollständig: „Wenn wir am Ende nicht mehr wettbewerbsfähig sind und die Produktion, Wertschöpfung und damit auch die Emissionen nach China wandern, hilft das dem Weltklima überhaupt nicht.“