FAZ 02.02.2026
06:00 Uhr

Hoffenheimer Siegesserie: Sie wollen die Bayern ärgern – und eines Tages stürzen


Vor einem Jahr war die TSG Hoffenheim noch Abstiegskandidat in der Fußball-Bundesliga. Nun steht das Team von Trainer Christian Ilzer auf Platz drei und träumt von der Königsklasse. Woran liegt das?

Hoffenheimer Siegesserie: Sie wollen die Bayern ärgern – und eines Tages stürzen

Vor dem Blick nach vorn lohnt der Blick zurück. Auf den 15. Januar 2025, auf den 17. Spieltag der Bundesliga, auf die 0:5-Abreibung, die die TSG Hoffenheim, damals Tabellensechzehnter mit 14 Punkten, beim FC Bayern widerstandslos über sich ergehen ließ. Damals war das Betriebsklima zwischen der renovierungsbedürftigen Mannschaft aus dem Kraichgau und deren neuem Trainer Christian Ilzer nachhaltig gestört. Was sich in einem Gefühlsausbruch der Hoffenheimer Fußball-Ikone Andrej Karamaric spiegelte. Der kroatische Angreifer nannte zwar keinen Namen, aber seine Verbalattacken waren zu eindeutig adressiert, um nicht auf Christian Ilzer zu kommen. Der folgte dem im November 2024 abgesetzten Pellegrino Matarazzo und hatte bis dahin nicht den Dreh gefunden, seine Spieler von sich und seinen Ideen zu überzeugen. Kramaric: „Ich fühle eine große Scheiße im Klub“ „Nichts funktioniert seit den Veränderungen im Klub“, sagte der Kläger Kramaric, „wenn ich die Wahrheit über den Klub sage und was mir durch den Kopf geht, dann bekomme ich wahrscheinlich die größte Strafe in der Geschichte der Bundesliga. Ich fühle eine große Scheiße im Klub.“ Der neue österreichische Trainer, eigentlich ein selbstbewusster Steirer, reagierte feinfühlig, wohl wissend, dass er ohne jeglichen Rückhalt einer bröckelnden Mannschaft die Mission Klassenverbleib nicht schaffen würde. Also blieb er diplomatisch und versöhnlich, als er auf die Generalattacke seines besten Spielers so antwortete: „Es ist unsere Aufgabe (…), uns nicht gegenseitig zu zerstören, sondern Lösungen zu finden, um aus dieser schwierigen Situation gesund und erfolgreich herauszukommen.“ Am Ende dieser verkorksten Runde kam die TSG als Tabellenfünfzehnter auch mit Ilzers und Kramarics Hilfe als Fünfzehnter soeben ans Klassenziel. Heute, eine Woche vor dem Wiedersehen mit dem deutschen Meister und immer noch trotz einer leichten Schwächephase souverän die Liga anführenden Klassenprimus, macht die TSG nur noch positiv von sich reden. Am Samstag etwa mit einem hart erkämpften 3:1-Erfolg über den 1. FC Union Berlin. Dank Kramarics Saisontreffern sieben und acht per Foulelfmeter (42. Minute) und Kopfball (45.) sowie einem Eigentor von Diogo Leite (47.) und einem Gegentor durch Khedira (68.), ließ sich die Mannschaft von dem aggressiven Gegner nicht einschüchtern, ohne an ihr Toplimit zu kommen. „Supertransfers gemacht und Superenergie in der Truppe“ Der Kritiker Kramaric war danach der größte Lobredner, als er seine österreichischen Vorgesetzten Ilzer und den Sportgeschäftsführer Andreas Schicker über den grünen Klee lobte. „Was sie im Sommer geschafft haben, ist unglaublich“, hob er hervor, „wir haben Supertransfers gemacht und eine Superenergie in der Truppe. Ich glaube, das ist der beste Kader, den wir in den letzten zehn Jahren in Hoffenheim hatten.“ Die mit zehn neuen Profis aufgefrischte Mannschaft mischt inzwischen die Bundesliga auf und reist keineswegs aussichtslos am kommenden Wochenende gen München. „Letztes Jahr“, schloss Kramaric ein eher düsteres Hoffenheimer Kapitel mit Selbstbeteiligung ab, „haben wir das anders erlebt, aber da wollen wir nicht zurückschauen.“ Inzwischen wird Ilzer, ein Cheftrainer mit autoritären wie basisdemokratischen Wesensmerkmalen, rund um die TSG und innerhalb der Mannschaft nicht nur akzeptiert, sondern allseits respektiert. Schicker, der diesen Trainer, der nie Fußballprofi war und seinen Traum von einer Spielerkarriere nach drei Kreuzbandrissen nicht verwirklichen konnte, 2020 zu Sturm Graz holte und gemeinsam mit ihm die österreichische Meisterschaft 2024 sowie zwei Triumphe in den Pokalendspielen 2023 und 2024 feierte, wusste auch in der schweren Hoffenheimer Anfangszeit, was er an Ilzer hat. „Er ist einer, der sehr groß denkt, in Träumen und Visionen“, sagte er gegenüber der F.A.Z. „Als er 2020 zu uns nach Graz kam und Sturm auf Tabellenplatz sechs in der österreichischen Bundesliga stand, hat er gesagt: ‚Wir werden eines Tages Meister‘. Vier Jahre später war es so weit.“ Auch in Hoffenheim hat er seine Absicht, „in fünf Jahren um die deutsche Meisterschaft mitzuspielen“, schon kurz nach seinem Amtsantritt hinterlegt. Eine Prognose, die inzwischen nicht mehr wirklichkeitsfremd anmutet. Schicker lobt Ilzer auch ob seiner Qualität, „Spieler besser zu machen und zu entwickeln“. Wofür seine Mannschaft inzwischen konstant Belege liefert. Seit dem siebten Spieltag dieser Saison hat kein Team mehr Punkte (35) eingesammelt. Da kommen nicht einmal die Bayern mit, die im selben Zeitraum 33 Punkte holten. „Christian hat es geschafft, die Mannschaft mitzunehmen“, sagt Schicker, „das war auch ein Learning aus dem letzten, schwierigen Jahr. Da war er für viele schon eher weg als der Cheftrainer der TSG. Ich habe da schon gewusst, dass er in seinem ersten Jahr in Hoffenheim nicht der Trainer sein konnte, der er ist. Er musste sich hier anpassen mit seiner Persönlichkeit, die sehr stark ist.“ Es ist ein runderneuertes Team, das seine Stärken im frühen Gegenpressing und einem direkten, temporeichen Zug zum gegnerischen Tor ausspielt – und dazu in kniffligen Situationen zusammenhält. Damit ist die TSG Hoffenheim in dieser Spielzeit durchgestartet wie zuletzt in den Jahren unter dem heutigen Bundestrainer Julian Nagelsmann (2016 bis 2019). Kein Wunder also, dass Andrej Kramaric jetzt schon das Erreichen der Champions League als Ziel proklamiert hat. Da will er wieder hin wie zu Nagelsmanns Zeiten (2018/19). Diesmal aber gemeinsam mit Ilzer. Sein auslaufender Vertrag, so viel deutete Schicker am Samstag an, könnte demnächst verlängert werden. „Die Tendenz“, sagte Schicker am Samstag, „ist definitiv positiv.“