Der Trockner piept, um kundzutun, dass er seine Arbeit erledigt hat. Doch der Mann im Wohnzimmer rührt sich nicht. Nein, er ist kein Arbeitsverweigerer. Er hört das Gerät schlichtweg nicht. Der Vorfall ist ein Weckruf, zügig einen Hörtest machen zu lassen. „Meist gehen bei einem Hörverlust die hohen Frequenzen zuerst verloren“, sagt Uwe Baumann. Der Leiter der Abteilung Audiologische Akustik an der Klinik für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde (HNO) des Frankfurter Universitätsklinikums beschäftigt sich hauptberuflich mit der Verbesserung des Hörens bei Schwerhörigkeit durch technologische Unterstützung. Laut Schätzungen des Deutschen Schwerhörigenbundes sind rund 13 Millionen Menschen ab dem Alter von 14 Jahren in Deutschland von Schwerhörigkeit betroffen. Schwerhörigkeit kann angeboren sein. Als Folge eines Gendefekts oder einer intrauterinen Infektion – etwa Röteln, Herpes oder Toxoplasmose. Sie kann aber – und das ist die mit Abstand häufigste Form – auch erworben sein. Durch Infektionen, durch Alterung (Presbyakusis), der Degeneration von Hörzellen im Innenohr, durch Stoffwechselerkrankungen oder einen Hörsturz. Der „Ohrinfarkt“ trifft jährlich allein in Deutschland schätzungsweise 150.000 bis 200.000 Menschen. Sie hören von einem auf den anderen Moment auf einem Ohr nichts mehr. Tinnitus bringt Millionen Menschen um den Schlaf Wie das mitunter passieren kann, schildert der Mediziner Baumann anhand des geläufigen Ausdrucks „Ich habe so einen Hals“: „Man steht unter Druck, und das löst Verspannungen im Bereich der Halswirbelsäule aus, das sorgt für Durchblutungsstörungen und dadurch sind die Sinnes- beziehungsweise Haarzellen des eigentlichen Hörorgans, des Corti-Organs, für einen Moment unterversorgt“, erklärt Baumann. In vielen Fällen erholen sich die Betroffenen spontan und können wieder hören – wenn auch oft nicht mehr so gut wie vorher. Bei etwa 80 Prozent der Patienten, so der Mediziner, bleibt eine lästige Begleiterscheinung: der Tinnitus. Da ist dann plötzlich ein Summen, Pfeifen, Zischen, Brummen, Klingeln, Rauschen, Knacken, Klopfen, das nicht mehr weggeht. Auch – oder erst recht nicht – wenn man abends zur Ruhe finden und schlafen möchte. „Wir nehmen an, dass in Deutschland etwa sechs bis sieben Millionen Menschen darunter leiden“, sagt Baumann. „Auch in totaler Stille sendet das Ohr kontinuierlich Signale an das Gehirn – die sogenannte Spontanaktivität.“ Normalerweise werde diese in der Hörbahn kompensiert. „Bei Veränderung oder Ausbleiben der Spontanaktivität könnten diese Kompensationsprozesse für das Entstehen von Tinnitus verantwortlich sein“, sagt Baumann. Nicht immer gehen Ohrgeräusche mit einem Hörsturz einher. Es genügt ein Knalltrauma oder auch die Altersschwerhörigkeit. Meist verschwindet der Tinnitus spontan innerhalb von Tagen oder Wochen. Aber auch diese recht kurzen Zeiträume können für Betroffene eine psychische Belastung darstellen. Wer unter Tinnitus leidet, der will das Geräusch so schnell wie möglich loswerden. Die Verzweiflung der Betroffenen ist groß. Und damit auch ihre Bereitschaft, für Behandlungsmethoden, die nicht von den Krankenkassen gedeckt werden, zu zahlen. Etwa für Infusionen, die die Durchblutung fördern sollen. Da der Nutzen dieses Behandlungsansatzes nicht ausreichend medizinisch belegt ist, müssen Betroffene selbst dafür aufkommen. Manch einer will gar nicht mehr die Ursache, sondern lieber die Symptome bekämpfen. Helfen sollen dabei speziell geformte Nackenkissen, in die flache Lautsprecher eingebaut sind. Über diese können beruhigende Klänge oder Naturgeräusche direkt am Ohr abgespielt werden, um das Gehirn vom Tinnitus abzulenken. Erster Hörtest direkt nach der Geburt Viele Patienten haben laut Baumann gute Erfahrungen damit gesammelt, den permanenten Ton im Ohr zu überdecken, es wird dann vom „Maskieren“ gesprochen. „Es gibt auch bei Hörgeräten Möglichkeiten, ein Geräusch zu erzeugen, das diesen Effekt hat.“ Bei Menschen mit schwerer Höreinschränkung oder Taubheit, die keine Ruhe aufgrund des Ohrgeräuschs finden, kann laut Baumann ein Cochlea-Implantat – eine elektronische Hörprothese – deutliche Linderung bringen. Dieses kann das Hörvermögen wiederherstellen und die störenden Ohrgeräusche überlagern. Das Implantat, das operativ eingesetzt werden muss, umgeht defekte Haarzellen im Innenohr und stimuliert den Hörnerv direkt elektrisch. Die Hörgesundheit ist ein wichtiger Teil der Medizin, in sie fließt viel Forschung. Und auf dem Gebiet sind in den vergangenen Jahren große technische Fortschritte gelungen. So kann durch spezielle Messungen schon bei einem Säugling ein Hörschaden festgestellt werden. Auch gelingt es immer besser, einen Hörverlust auszugleichen. „Idealerweise wollen wir taube oder massiv schwerhörige Kinder schon vor dem ersten Geburtstag mit einem Hörimplantat versorgen“, sagt Baumann. „Früher war man skeptisch. Man wusste, dass damit nur sehr eingeschränkt Signale übertragen werden.“ Doch das Gehirn passe sich an und versetze die Kinder in die Lage, mit der Unterstützung durch das Hörimplantat ganz normal sprechen zu lernen, so Baumann. „Man kann an ihrer Aussprache nicht erkennen, dass sie taub oder schwerhörig sind.“ Überhaupt sei es wichtig, bei ersten Anzeichen von Hörverlust rechtzeitig zu reagieren. Auch bei der sogenannten Altersschwerhörigkeit. Die allerdings liegt – entgegen anderslautenden Vermutungen – nicht nur darin begründet, dass der Alterungsprozess eingesetzt hat und einem viele der etwa 15.000 Haarzellen im Innenohr sowie einige Hörneuronen „abhandenkommen“. „Heute zweifelt man, ob die reine Altersschwerhörigkeit nicht ein Mittelwert aus vielen Faktoren ist. Auch aus genetischen“, sagt Baumann. Viele Betroffene reagieren bei Hörverlust zu langsam Dass sich beim Hören etwas verändert, merken viele Betroffene oft später als ihr Umfeld. Erst wird der Fernseher ein bisschen lauter gedreht, dann dringt das Piepsen des Trockners nicht mehr durch. Und irgendwann wird dem Umfeld unterstellt, zu leise zu sprechen oder zu nuscheln. Das Hirn nimmt vielleicht noch den Schall wahr, aber es verliert die Fähigkeit, den Sinn darin zu erfassen. War das laut? War das leise? Hat es irgendwo geraschelt? Wenn ja, von wo kam das Geräusch? Köchelt das Nudelwasser schon? Hat die Liebste geseufzt? Hat sie jetzt Haut oder Haus gesagt? Die kognitiven Fähigkeiten lassen nach. Nach ständigen Missverständnissen und weil es zunehmend anstrengend wird, ziehen sich viele Betroffene zurück. Der Besuch im Restaurant wird abgesagt. Zu viele Umgebungsgeräusche, die es unmöglich machen, einer Unterhaltung zu folgen. Telefonieren? Lieber nicht. Zu oft muss nachgefragt werden, was der Gesprächspartner gerade gesagt hat. Einsamkeit kann zur Begleiterscheinung von Hörverlust werden und damit auch das Risiko für Demenz erhöhen. Im Schnitt dauert es nach Angaben von Uwe Baumann zehn Jahre, bevor die Betroffenen sich zu einem Hörtest aufraffen. Bis dahin aber hat das Gehör stark abgebaut, schlimmstenfalls sind die Nervenzellen der Hörbahn verkümmert. Ein Hörgerät, so der Mediziner, sei trotz des technischen Fortschritts nur die halbe Lösung. „Man muss es auch tragen.“ Es sei möglich nachzuvollziehen, wie lange ein Gerät am Tag genutzt werde, sagt Baumann. „Wir sehen dabei, dass gerade die Patienten, die es wirklich ständig tragen, die besten Ergebnisse haben, weil sie einfach ihr Gehör trainieren. Andere, die ihres durchschnittlich nur vier Stunden täglich in Betrieb haben, verweigern ihrem Gehör diese Möglichkeit.“ Wenn normale Hörgeräte nicht mehr ausreichen, kommt das Cochlea-Implantat infrage. Die Prothese leitet das Audiosignal direkt an den Hörnerv weiter. Der operative Eingriff wird in Fachkliniken vorgenommen. Dabei wird ein feiner Draht in das Innenohr eingeführt. Bis zu 22 Elektroden ersetzen dann die Funktion der verloren gegangenen Zellen in der Hörschnecke und stimulieren den Hörnerv direkt. „Dann sind Sie drei Tage stationär und werden quasi hörend entlassen.“ Innerhalb von 14 Tagen nach der Entlassung könne eine Anschlussheilbehandlung geplant werden, sagt Baumann. Unter bestimmten Voraussetzungen übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Kosten. Die Erfahrung des Mediziners, der auch als Gutachter in solchen Fällen zurate gezogen wird, zeigt allerdings, dass die Ansprüche oft gerichtlich durchgesetzt werden müssen. Das koste manchmal Jahre. „Dem verzögerten Versorgen der Hörstörung folgt ein ganzer Rattenschwanz an Konsequenzen, die später auch wieder zulasten der Krankenkassen gehen.“ Am Ende, so Baumann, ist das Gehör nicht nur unser empfindlichstes und schnellstes Sinnesorgan. Es ist auch das sozialste. Kein anderes verbindet uns so direkt und so innig mit dem Umfeld.
