Es gibt in der AfD eine ganze Reihe von tiefen Gräben, die sich quer durch die Partei ziehen. Das gilt für die Ukrainepolitik, in der Russlandkritiker mit Putin-Freunden hadern, für die Sozialpolitik, in der ein neoliberaler und ein national-sozialer Flügel über Kreuz liegen, und selbst in der Migrationspolitik gibt es Gegensätze, weil Islamkritik und „Remigration“ unterschiedlich radikal ausgelegt werden. Im Streit in der Partei, den Rüdiger Lucassen jetzt seit Tagen mit Björn Höcke über die Wehrpflicht ausficht, spielt all das eine wichtige Rolle. Er geht aber noch tiefer: Es geht um den Sinn und Zweck der Partei. Zankapfel ist die Wehrpflicht, aber es geht um mehr Höcke weicht vom Grundsatzprogramm seiner Partei ab, indem er die Wehrpflicht ablehnt, weil, so seine Begründung, dieser Staat es gar nicht verdiene, verteidigt zu werden, dazu noch in einer Armee, die keinen Patriotismus kenne. Beides entspricht einer Haltung, die das „System“ der Bundesrepublik mit Verachtung straft und die AfD nur dann in Verantwortung sieht, wenn dieser Staat „wieder ein Staat für die Deutschen“ ist. Wie dieser Staat aussieht und wer dann als „die Deutschen“ zu gelten hat, das hat im Falle von Höcke nicht mehr viel mit dem Grundgesetz zu tun. Er will die AfD dort festnageln, wo sie als rechtsextremistisch verortet werden muss. Lucassen hingegen hält diesen Weg für den ideologischen Pfad in den Abgrund und Höcke deshalb für den Rudi Dutschke der AfD. Entsprechend wüst ist der Gegenangriff Höckes. Denn gestände die Partei der Bundeswehr Patriotismus zu und hielte sie diesen Staat für verteidigungswürdig – sie wäre auf dem besten Wege, sich anzupassen, sich zu integrieren. Auf dem Weg zur Verfassungstreue. Der Höcke-Flügel reagiert auch deshalb so sauer, weil er die AfD nicht etwa vor dem Abgrund sieht, sondern vor einem historischen Wahlsieg in Sachsen-Anhalt, der sie in die Regierung katapultiert. Was sie dann aber mit ihrer Macht anfangen will, weiß kein Mensch. Nicht einmal die AfD weiß es wohl. Im Höcke-Lucassen-Streit geht es deshalb um die Frage: Wozu gibt es uns überhaupt?
