Während die Zahl der Toten des Hochhausfeuers in Hongkong am Freitag auf mindestens 128 stieg und das Schicksal von 200 weiteren Bewohnern ungeklärt blieb, richtet sich die Aufmerksamkeit vieler Bewohner auf die Brandursache. Sicherheitsminister Chris Tang sagte am Freitag, das während der Gebäudesanierung zur Dämmung verwendete Styropor habe sich entzündet und zu extrem hohen Temperaturen geführt. Das wiederum habe die Netze und das Bambusgerüst in Brand gesetzt und die Fensterscheiben zum Zerspringen gebracht. Auch Feuerwehrchef Andy Yeung sagte, hochentzündliches Styropor, das zur Sanierung der Gebäude an den Fenstern und entlang der Flure befestigt war, habe die Löscharbeiten erheblich erschwert. „Nachdem das Styropor Feuer gefangen hatte, breitete sich das Feuer fast gleichzeitig auf mehrere Wohnungen aus“, sagte Yeung. Zudem hätten die Feuermelder in allen acht betroffenen Gebäuden versagt und nicht ausgelöst. Wiederholt schriftliche Verwarnungen Am Freitag nahm die Polizei sechs weitere Personen fest. Nach Angaben der „South China Morning Post“ handelt es sich dabei um Mitarbeiter des Architekturbüros, das die Sanierungsprojekte beraten hatte. Zwei weitere Festgenommene betreiben ein Subunternehmen für die Gerüstbauarbeiten. Zudem wurde ein Projektvermittler festgenommen. Das mit der Sanierung beauftragte Bauunternehmen ist nach Behördenangaben seit Beginn der Sanierung 2024 sechzehnmal kontrolliert und wiederholt schriftlich verwarnt worden: zuletzt in der vergangenen Woche, weil ein Arbeiter auf der Baustelle geraucht habe. Es hieß, das Unternehmen arbeite derzeit an elf weiteren Sanierungsprojekten in Hongkong. Laut ersten Untersuchungen brach das Feuer zunächst in der Umzäunung des Erdgeschosses an einem der acht Hochhäuser des Wang Fuk Court aus und entzündete die Bauschaumplatten, die in Fenstern angebracht waren. Dadurch breitete sich das Feuer in die oberen Stockwerke aus. Sicherheitsminister Tang sagte, die hohen Temperaturen hätten die Bambusgerüste und die Kunststoffgerüstnetze entzündet. Herabfallende Bambusstöcke hätten das Feuer dann auf andere Stockwerke übertragen, so Tang nach Angaben der Zeitung „Ming Pao“. Bambusgerüste gelten als Kulturgut Eine entscheidende Rolle spielten die Bambusgerüste bei der Ausbreitung des Feuers aber nach bisherigem Ermittlungsstand wohl nicht. Für viele Hongkonger ist die Bambusfrage eine emotionale Angelegenheit und eine Identitätsfrage. Bambusgerüste sind dort über Jahrhunderte erfolgreich beim Bau auch hoher Häuser verwendet worden und gelten als Kulturgut. Zudem ist die Technik eine Domäne Hongkonger Bauarbeiter, die konkurrierende chinesische Bauunternehmen aus der nahe gelegenen Volksrepublik nicht mehr beherrschen. Bambus ist leicht, stark und besitzt feuerhemmende Eigenschaften. Er lässt sich leicht zuschneiden, was im eng bebauten Hongkong Vorteile hat. In China dürfen Bambusgerüste seit ein paar Jahren nicht mehr auf Baustellen eingesetzt werden. Auch in Hongkong sollen Bambusbaugerüste jetzt nach und nach abgeschafft werden. Der von Peking eingesetzte Verwaltungschef von Hongkong, John Lee, sprach am Donnerstag vor den ausgebrannten Gebäuden von einem „Fahrplan zum Austausch von Bambusgerüsten durch Metallgerüste“.
