Die Lösung heißt Gurkenwasser. Zumindest glauben das viele. Das saure, wohlgemerkt, das von den eingelegten Gewürzgurken, nicht das milde aus den sommerlich-leichten Cocktails. Bis zu 45 Grad Celsius sollen es an diesem Dienstag in Melbourne werden. Im Schatten, den es auf den Tennisplätzen bei den Australian Open allerdings eher selten gibt. Wenn die brütende Hitze die Tennisspielerinnen und -spieler dort wieder an ihre körperlichen Grenzen bringt, wird man deshalb sicherlich den ein oder anderen mit einem Fläschchen des essighaltigen Wundermittels sehen. So wie den Russen Daniil Medwedew vor einigen Tagen, der seinen Drittrundensieg unter anderem mit einem kräftigen Schluck „pickle juice“ erklärte. Gurkenwasser gilt schon länger als Rettungsanker „Ich habe keinen Krampf bekommen und bin weiter. Hat also funktioniert“, sagte Medwedew, nachdem er den Ungarn Fábián Marozsán in fünf kräftezehrenden Sätzen niedergerungen hatte. Wegen des sauren Geschmacks, der einen fehlerhaften Rückenmarkreflex ausmerzt, der wiederum Muskelkrämpfe verursacht, gilt das Gurkenwasser schon länger als Rettungsanker in besonders langen Tennismatches. Immer mehr Profis setzen es ein, um Krämpfen vorzubeugen. Auch Jannik Sinner, Vorjahreschampion und Topfavorit in Australien, schwört darauf. Am Samstag wäre der Italiener dennoch um ein Haar das mit Abstand prominenteste Opfer der Hitze in Australien geworden. Bei Temperaturen von rund 38 Grad Celsius hatte Sinner gegen den Amerikaner Eliot Spizzirri mit massiven körperlichen Problemen zu kämpfen. Er verlor sensationell den ersten Satz, humpelte, verkrampfte und schien ratlos, was er nun tun sollte. Erst eine rund zehnminütige Unterbrechung, in der auch das Dach der Rod Laver Arena, des größten Tennisstadions in Melbourne, geschlossen wurde, rettete ihn. Am Montag nun, bei vergleichsweise harmlosen 30 Grad Celsius, besiegte er im Achtelfinale sichtlich gut erholt Landsmann Luciano Darderi 6:1, 6:3, 7:6. „Heat Rule“ der Australian Open hat fünf Stufen Bei Sinners Match gegen Spizzirri war das Hitzeprotokoll der Australian Open aktiviert worden. Bereits seit 1998 gibt es in Melbourne Regelungen zum Umgang mit Extremwetter. Auf Drängen der Spielerinnen und Spieler wurden sie mehrmals nachgeschärft. In ihrer aktuellen Form ist die „Heat Rule“ seit 2019 gültig. Fünf Stufen gibt es seitdem, wobei mit jeder Stufe andere Maßnahmen ergriffen werden. Bei Stufe vier umfasst das unter anderem längere Pausen zwischen den Sätzen. Stufe fünf, die ab 35 Grad Celsius im Schatten greift und am Samstag erreicht wurde, führt zum sofortigen Stopp des Spielbetriebs auf den Außenplätzen und zum Schließen der Dächer auf den großen Courts. Der Klimawandel ist bei alledem ausnahmsweise mal nicht der Alleinschuldige. Außergewöhnlich heiß war es in Australien während der Australian Open schon immer. Schon 2009 gab es beispielsweise vier Tage, an denen mehr als 40 Grad Celsius erreicht wurden, 2014 ebenso, damals gaben allein in Runde eins neun Spielerinnen und Spieler ihre Partien auf, weil sie mit der Hitze nicht zurechtkamen. In diesem Jahr musste dann zum Beispiel die Türkin Zeynep Sönmez während ihres Erstrundenmatches ein Ballmädchen auffangen, das in der prallen Sonne Probleme mit dem Kreislauf bekommen hatte. „Darauf kannst du dich nicht wirklich vorbereiten“ Es gehört normalerweise zu den Annehmlichkeiten des Daseins als Tennisprofi, dass man im Grunde das ganze Jahr über der Sonne hinterher reist. Entsprechend haben die meisten Profis Erfahrungen damit, wie sie auch bei heißen Temperaturen leistungsfähig bleiben. Auf der Frauen-Profitour gibt es zudem schon seit 1992 eine ganz ähnliche Hitzeregelung wie bei den Australian Open, die Männer-Organisation ATP zog nach großen Problemen Ende Oktober beim Turnier in Shanghai zu Beginn der Saison nach. Das Problem in Melbourne seien aber die Extremwerte, erklärte nun die Amerikanerin Jessica Pegula. „Das kommt aus dem Nichts und überfordert den Körper. Darauf kannst du dich nicht wirklich vorbereiten.“ Von Melbourne heißt es, dass es dort bisweilen vier Jahreszeiten an einem Tag gibt. An diesem Dienstag nun schnellen die Temperaturen nach oben, es soll der bislang heißeste Tag in diesem Jahr werden. Im Einsatz ist dann auch der Deutsche Alexander Zverev, der sein Viertelfinalmatch gegen den jungen Amerikaner Learner Tien bestreitet (etwa 3.30 Uhr MEZ in der Nacht zu Dienstag bei Eurosport). Das Dach der Rod Laver Arena dürfte angesichts der Vorhersage diesmal von Beginn an geschlossen sein. Doch bei derartiger Gluthitze dürfte auch die Klimaanlage an ihre Grenze kommen. Zverev sieht dem Ganzen dennoch gelassen entgegen, obwohl er diesmal bereits am Nachmittag Ortszeit auf den Platz muss. „Ich beschäftige mich da nicht sonderlich mit, weil ich mit Hitze eigentlich nie so richtig Probleme hatte“, sagte er vor seinem Match. Das mit dem Gurkenwasser überlässt er lieber anderen.
