Am Donnerstag hat im Osservatorio der Fondazione Prada in Mailand „Hito Steyerl. The Island“ eröffnet. Alle Räume sind abgedunkelt, LED-Streifen auf dem Boden weisen den Weg zu interaktiven Videoinstallationen mit skulpturalen Formen. Es ist ein Gefühl wie in einem Aquarium. Im Zentrum der Schau steht Hito Steyerls neuer Film „The Island“, zu dem sie eine Anekdote inspiriert hat, die ihr der Literaturkritiker und Wissenschaftler Darko Suvin erzählte. Mit elf Jahren erlebte er 1941 einen Bombenangriff auf Zagreb und reagierte auf dieses schreckliche Ereignis, indem er sich in den amerikanischen Science-Fiction-Serienfilm „Flash Gordon’s Trip to Mars“ (1938) versetzte, in dem der Comic-Held das Schicksal der Erde rettete. Hito Steyerl hat die Figur des Gordon Flash zum Protagonisten ihres Films gemacht. Vor der kroatischen Insel Korčula haben Archäologen 2021 eine unter Wasser liegende künstliche Insel aus dem Neolithikum gefunden, und Flash, gespielt von Mark Waschke, beschließt, von dort aus gegen Faschismus, Populismus, KI, digitale Junk-Zeit und Brainrot zu kämpfen. Es gibt Zeit-Raum-Sprünge vom Neolithikum bis zum Zweiten Weltkrieg, Interventionen von Darko Suvin oder dem Quantenphysiker Tommaso Calarco, und zwischendurch hört man traditionellen kroatischen A-cappella-Gesang. In „The Island“ geht es um Archäologie, Faschismus und Quantenphysik. Außerdem gibt es immer wieder Szenen mit einer sechsköpfigen Musikgruppe, die unter freiem Himmel traditionelle kroatische Lieder singt. Sind Sie selbst in einem Chor? Nein, ich habe aber, als ich jünger war, Geige in einem Orchester gespielt und dort erlebt, was passiert, wenn verschiedene Stimmen zusammenkommen. Warum haben Sie der Musik in Ihrem Film eine so zentrale Rolle gegeben? Das war ursprünglich gar nicht so geplant. Oft sind das Konstellationen, bei denen sich dann vieles erst im Prozess entwickelt. Hier war es so, dass ich verstanden habe, dass von den Elementen, die ich zu kombinieren versucht habe, die Musik dasjenige ist, das Verbindungen oder Überlappungen schaffen kann. Eigentlich ist es ein Chor im klassischen antiken Sinne. Die Sänger haben keine individuelle Erzählung im Film. Zwar hat jeder seine eigene Stimme, aber man agiert als Gruppe. Für mich ist der Chor die Quintessenz des Ganzen. Er ist in der Lage, eine Interpretation anzubieten, die über die Handlungsebene hinausweist. Die Auftritte sind auch deshalb angenehm, da der Großteil der übrigen Wesen im Film durch KI generiert wurde. Die Chorsänger aber sind Persönlichkeiten. Das sieht man, obwohl keiner auch nur einen Satz spricht. Bei der Eröffnung der Schau sagten Sie in Richtung der anwesenden Presse, dass Sie erstaunt und erfreut seien zu sehen, dass es doch noch so viele menschliche Journalisten gebe. Die Freude war echt. Der Berufsstand der Journalisten ist sehr gefährdet durch KI. Natürlich wird es bei manchen journalistischen Arbeitsschritten sinnvoll sein, KI zur Hilfe zu nehmen. Etwa beim Transkribieren von Interviews. Aber die Entwicklung geht ja eher dahin, die KI auch die Texte schreiben zu lassen. Dieses Problem betrifft mich auch als Künstlerin und Filmemacherin. Es gibt so viele KI-generierte Bilder, und sie sind weitaus billiger. Lässt sich menschlicher Chorgesang eigentlich auch schon durch KI generieren? Ich habe das bei den Vorarbeiten zu „The Island“ tatsächlich mal ausprobiert, aber das Ergebnis war gaga. Vor etwa einem Jahr konnte die KI es also noch nicht. Aber sie entwickelt sich ständig weiter, und die Informationen meines Films werden in die Daten der nächsten Generation integriert. Das bedeutet, dass auch ich dazu beitrage, den Corpus, aus dem die KI schöpfen kann, um eines Tages Chorgesang zu generieren, vergrößere. „The Island“ hat viel Science-Fiction-Bezüge. Neben Zeitsprüngen gibt es die Vorstellung von mehreren, sich einander überschneidenden Realitäten, die koexistieren. Die Erzählung orientiert sich an Prinzipien der Quantenmechanik, und es gibt viele Verweise auf die Quantenphysik. Flash befragt nicht etwa eine KI, als er einmal überfordert ist, sondern er ruft seinen Kumpel, den Quantenphysiker Tommaso Calarco, an, der sofort ein paar praktische Tipps parat hat. Ist das auch als Anregung gemeint, sich lieber wieder mehr mit der Wissenschaft auseinanderzusetzen? Ich finde Quantencomputing mittlerweile einfach viel spannender als das KI-Thema, weil man ganz schnell bei weitreichenden Fragen über die Realität und die Natur des Universums ist. Quantencomputing wird ja auch immer mehr zur praktischen Realität, und da kann es absolut nicht schaden, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Wir müssen anfangen, diese Technologie zu verstehen, und sollten nicht der KI alle Aufmerksamkeit überlassen. Man gibt sehr viel Kontrolle ab, indem man sich der Flut aus Bildern und Videos hingibt, die wieder und wieder gepostet werden. Die Zeit wird dadurch vollkommen fragmentiert. Das kann eigentlich nur zu einer Kapitulation des Bewusstseins führen. Flash versucht, sich auch gegen die Auswüchse eines Social-Media-Trends zur Wehr zu setzen, der seit etwa einem Jahr vor allem auf Tiktok zu sehen ist und als Italian Brainrot bekannt wurde. Man könnte wegen des Namens meinen, er habe seinen Ursprung in Italien, aber ich glaube, er kommt aus Indonesien. Es sind KI-generierte Videos, in denen wiederkehrende Charaktere auftauchen. Es gibt beispielsweise Tralalero Tralala, das ist ein Hai, der auf drei Beinen unterwegs ist. Oder Bombardiro Crocodilo, das ist ein Krokodil, das zur Hälfte Tier, zur Hälfte ein Kampfbomber ist. Vieles an der Ästhetik der Videos und Memes von ihm erinnert mich sehr stark an die faschistische und futuristische Kunstrichtung der Aeropittura, die sich in den 1920er- und 1930er-Jahren in Italien entwickelte. Viele der Führer des Silicon Valley haben eine große Vorliebe für den Futurismus. Marc Andreessen, der ja einer der einflussreichsten Investoren im Silicon Valley ist, hat explizit gesagt, dass sein großes Idol Marinetti sei. Deshalb taucht in der Szene, in der Bombardiro Crocodilo mit Luftangriffen für Verwüstung sorgt, Elon Musk in „The Island“ auf? Ja, er kann dabei nicht fehlen. Der Futurismus ist eine Stilschablone für diese Herren. Keine Ahnung, wie lange das anhalten wird. In diesen Zirkeln ist alles sehr schnelllebig. Die braune Welle, gegen die Flash anzukämpfen versucht, erleben wir ja auch ganz real. Der Film beginnt mit einer Zahl: „400.000 Videos vor der braunen Flut“ steht da als Intro. Glauben Sie, dass mit der Bombardierung durch Bilder, Videos und Memes der Boden für den Versuch einer braunen Übernahme bereitet wird? Ja, man kann diese braune Welle tatsächlich metaphorisch verstehen, als Anstieg rechtsradikalen Gedankenguts, als wörtliche Umsetzung von Steven Bannons Parole: „flood the zone with shit“. Aber sie ist auch buchstäblich gemeint. Die massenhafte Produktion von KI-Servern hat immense Auswirkungen auf die Umwelt, die sich unter anderem in einem Anstieg des Meeresspiegels niederschlagen. Bleiben wir kurz bei der ideologischen Welle. Sie haben einmal sinngemäß gesagt, man komme mit Provokation nicht mehr gegen reaktionäre Bewegungen an, da diese mittlerweile selbst ständig auf Provokation setzten. Was wäre dann das geeignete Mittel? Ich fand es sehr interessant zu sehen, wie in der Ausstellung darauf reagiert wird, dass sie mit Wissenschafts-Videos beginnt, die man sich anschauen soll. Einige Leute wirkten auf mich richtig verstört. Wissenschaftliche Fakten gelten als langweilig. Mit langweiligen Fakten konfrontiert zu werden, funktioniert also offenbar ganz hervorragend als Provokation! An Kunst als Transgression hat man sich dagegen gewöhnt, die wird als normal hingenommen. Also ein wenig mehr Science als Fiction? Ja, ich denke, das wäre ein guter Anfang. Es gibt eine riesige KI-Infrastruktur, um die Paralleluniversen aus zirkulierenden Fake News aufrechtzuerhalten. In Ihrer Arbeit „Is the Museum a Battlefield?“ haben Sie die Verbindungen der Rüstungsindustrie mit der Kunstwelt exemplarisch nachgezeichnet. Das Werk ist von 2013, damals gab es den Krieg in der Ukraine noch nicht, und der Nahe Osten sah auch anders aus. Wie hat sich die Verbindung seitdem verändert? Sie hat sich verstärkt. Nicht in dem Sinne, dass Rüstungsunternehmen Kunst unmittelbar sponsern würden. Sondern in Deutschland fordert der Staat zunehmend ein, dass sich die kulturellen Institutionen in die Logik der Kriegstauglichkeit einordnen sollen. Das habe ich wortwörtlich schon so gehört, und ich finde das sehr bedenklich. Meinen Sie finanziell, oder wird erwartet, dass eine bestimmte Form von Kunst vorangetrieben wird? Ja, die Kunst soll ganz explizit instrumentalisiert werden, um nur noch außenpolitischen Interessen zu dienen. Das ist das eine. Das andere ist, dass alles, was mit KI im Kunst- und Kulturbereich gemacht wird, automatisch auch mit der Rüstungsindustrie zu tun hat. Es ist die Rückseite derselben Medaille. Sie sind vor nicht allzu langer Zeit in die Ukraine gereist. Was haben Sie dort gemacht? Ich habe über den Hobbybau von Drohnen recherchiert. Die Leute, die das machen, sind oft Künstlerinnen und Künstler oder Kameraleute, die schon früher mit Drohnen zu tun hatten und sich nach dem Angriff auf die Ukraine gefragt haben, wie sie die Verteidigung unterstützen könnten. Sie fingen an, die Drohnen selbst zu bauen oder für die Bedürfnisse der Armee auszurüsten; mithilfe von 3D-Druckern etwa. Es wurden dafür eigene Infrastrukturen geschaffen. Sie sollen eine sehr gute Drohnenpilotin sein. Angenommen, es wäre Krieg, könnten Sie sich vorstellen, dann auch freiwillig eine solche Rolle zu übernehmen wie Ihre Kolleginnen und Kollegen in der Ukraine? Jetzt ist erst mal wichtig, dass bei uns kein Krieg ist. Wir erleben gerade immer wieder, wie schnell das plötzlich gehen kann. Es sollte jetzt vor allem darum gehen, eine solche Entwicklung zu verhindern, sodass Leute wie ich, Künstlerinnen und Künstler, gar nicht erst vor eine solche Entscheidungen gestellt werden. In der Situation, in der man sich in der Ukraine wiederfand, gab es wahrscheinlich wenige Alternativen. Ich persönlich möchte nicht in eine solche Alternativlosigkeit geraten. In „The Island“ heißt es an mehreren Stellen, die Rezepte für die Gegenwart seien in der Vergangenheit zu finden. Gilt das auch für diesen Fall? Natürlich. Es klingt in der Gegenwart vielleicht etwas komisch, aber im Rückblick haben die Pazifisten am Ende meistens recht behalten. Sicherlich, wenn man das von der anderen Richtung des Zeitstrahls sieht, also aus der Gegenwart in Richtung Zukunft blickend, dann ist das nicht so klar. Aber rückblickend wird es doch deutlich, und das sollte man sich immer wieder vergegenwärtigen, wenn es darum geht, die Gegenwart vorausschauend zu gestalten. Anfangs besaßen Drohnen auch ein sehr spielerisches Element. Haben sie diese Unschuld komplett verloren? Sie sind jetzt einfach ein integraler Bestandteil der Rüstungsindustrie. Das sieht man in der Ukraine. Alle westlichen Rüstungsfirmen sind dort mit ihren Entwicklungsabteilungen vertreten und experimentieren im Krieg mit KI herum. Es ist dort großartig für sie, weil es keine Regulierungen gibt und sich alles sofort in Echtzeit testen lässt. Dieses ganze Wissen, das die Hobbyentwickler generieren, weil sie sich verteidigen müssen, wird abgesaugt und weiterentwickelt. Gehen Sie auf Waffenmessen oder noch auf Kunstmessen? Ich gehe nie auf Kunstmessen. Und was ist mit Waffenmessen? Das wäre eigentlich mal eine gute Idee, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich da überhaupt reingelassen werde. Was haben Sie im Nordirak gemacht? Ich war dort, um mit Micro Workern zu reden. Das sind Leute, die Daten für die KI aufbereiten. Vor einigen Jahren haben internationale Organisationen und die Weltbank eine Zeit lang sehr engagiert Leute in Flüchtlingslagern als Datenarbeiter rekrutiert. Man dachte: „Oh, prima, die brauchen Geld, die brauchen Jobs, die sind datenaffin, jung und haben Mobiltelefone, und die KI-Firmen brauchen Arbeiter. Bringen wir doch beide zusammen.“ Und so geschah es dann auch. Es wurden vor allem Syrerinnen und Syrer darin ausgebildet, Datensätze für KI zu verarbeiten. Wie funktioniert das genau? Man bekommt einen bestimmten Datensatz. Er kann aus 300 Fotos oder auch aus 7000 Fotos bestehen, das hängt vom Auftrag ab. Einer war zum Beispiel, Hochspannungsleitungsmasten auf Fotos zu identifizieren. Wahrscheinlich damit die Drohnen da nicht reinfliegen. Auf den Fotos mussten also alle Hochspannungsleitungsmasten mit einer sogenannten Bounding Box markiert werden. Man zieht dafür einen Kasten um das Objekt. Bei einem anderen Datensatz ging es darum, Material für die KI von selbstfahrenden Autos zu generieren. Da musste alles markiert werden, was einem im Verkehr begegnen kann: Hunde, Verkehrsinseln, Ampeln, solche Sachen. Wenn die Drohne als Waffe eingesetzt wird, bringt man ihr so auch bei, bestimmte Dinge zu eliminieren. Mittlerweile können die Systeme sich das selbst beibringen. Das geht jetzt alles automatisch. Ich habe im Irak einen Journalisten interviewt, dessen Auto von einer Drohne getroffen wurde. Darin saßen auch zwei Kolleginnen. Sie sind bei dem Angriff getötet worden. Rebin Karim hat sein Haus auch noch acht Monate, nachdem das passiert war, nicht mehr verlassen. Er wollte nicht mehr draußen sein, unter freiem Himmel. Gibt es Strategien, um sich vor Drohnen zu schützen? Um es kurz zu machen: Keine dieser Strategien nützt etwas. Man ist vollkommen chancenlos. Architektonisch lässt sich auch nichts machen? Doch, natürlich. Man kann in den Untergrund gehen oder sich in einer Höhle verstecken. Also verändern Drohnen nicht nur die Art der Bilder, die wir haben, sondern auch die Art von Architektur, die man möglicherweise brauchen wird. Absolut. Viele Szenen in „The Island“ sind aus der Luft gefilmt. Sind Sie die Drohne selbst geflogen? Ja, es gab aber mehrere. Die von Flash Gordon, die am Ende abstürzt, die bin ich geflogen. Ich habe sie schön gegen einen Mast knallen lassen. Mark Waschke ist ein großartiger Flash. Warum haben Sie ihn für Ihr Projekt ausgewählt? Ausgewählt, das klingt so, als gäbe es überhaupt eine Alternative! Er ist der einzige Schauspieler, den ich kenne, der sich völlig autark inszeniert und auch seinen Text selbst erfindet. Alles um ihn herum ist dann sein eigener Kosmos, und ich schaue nur noch fasziniert zu, was da dann passiert. Sie haben ihm freie Hand gelassen? Es gab Eckdaten: dass er Flash Gordon ist, in der Stadt losgelassen wird, es diesen archäologischen Fundort gibt und Faschismus und Futurismus eine Rolle spielen. Er geht beeindruckend gut mit dem Laserschwert um. Er ist ein Superschwertkämpfer, wir haben vor ein paar Jahren eine Theaterperformance zusammen gemacht, da hatte er auf der Bühne eine Rüstung an.
