Die heutige Deutsche Lufthansa AG kann genau genommen in diesem Jahr gar nicht ihr einhundertjähriges Bestehen feiern. Denn die aktuelle Lufthansa ist keine Rechtsnachfolgerin der 1926 gegründeten Deutschen Luft Hansa AG. Das Unternehmen ging mit dem NS-Regime 1945 unter. Formell endete die Existenz der ersten Luft Hansa 1946 mit ihrer Liquidierung durch die Alliierten. Da der Konzern aber in diesem Jahr trotzdem das einhundertjährige Bestehen der Lufthansa feiern will, steht für den Vorstandsvorsitzenden Carsten Spohr außer Frage, dass auch das bislang dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte genau zu betrachten ist. Das sei bisher in den historischen Darstellungen des Unternehmens der ersten und der zweiten Lufthansa nicht hinreichend geschehen, sagte Spohr am Dienstagabend vor Journalisten. Vom Luftfahrt- zum Rüstungsunternehmen Für den Historiker Manfred Grieger, einer von drei Autoren der Studie, steht außer Frage, dass sich die – damals noch in zwei Worten geschriebene – Luft Hansa mit den Wahlsiegen und der Machtübernahme der Nationalsozialisten seit 1933 bereitwillig den neuen Machthabern ausgeliefert hat. Sie ist zunächst zu einer von Subventionen getragenen Staatsairline geworden und wandelte sich von Beginn des Zweiten Weltkrieges an von einem Luftfahrtunternehmen zu einem Rüstungsbetrieb, der schließlich die Struktureinheit der deutschen Luftwaffe wurde, wie Grieger im Gespräch erläuterte. So seien auch Flugzeuge der Lufthansa, etwa die als „Tante JU“ bekannte Junkers Ju 52, oft lediglich von der Luftwaffe ausgeliehen gewesen. Schon bei der Gründung der Deutschen Luft Hansa AG im Jahr 1926 ist Grieger zufolge auf staatlichen Druck aus einem gemischtwirtschaftlichen Unternehmen ein reines Luftverkehrsunternehmen entstanden. Ziel sei es gewesen, Flugzeugmuster und ihre technische Ausstattung zu vereinheitlichen und schließlich auch die Ausbildung der Piloten. Das habe es ermöglicht, rasch zivile nationale und interkontinentale Routen zu bedienen. Möglich war das Grieger zufolge allerdings nur durch hohe staatliche Subventionen. Schon bevor die Nationalsozialisten an die Macht gewählt wurden, verfolgte die Ministerialbürokratie Grieger zufolge das revanchistische Ziel, Deutschland „Luftgeltung“ zu verschaffen. Die Lufthansa wurde später auch in die noch geheime Aufrüstung eingebunden, ein klarer Verstoß gegen den Versailler Vertrag von 1919. Mit dem direkten Zugriff der Nationalsozialisten auf die Macht und die staatlichen Strukturen im Jahr 1933 orientierte sich auch die Leitung der Luft Hansa eng an den neuen Machthabern. Vorstandsmitglied Erhard Milch stieg noch im selben Jahr zum Staatssekretär im Reichsluftfahrtministerium auf. Diese Doppelfunktion von Milch machte die Lufthansa, deren Anteilseigner vor allem staatliche und kommunale Stellen gewesen sind, „zum Unternehmen des Nationalsozialismus“, wie Grieger sagt. Profiteur der NS-Kriegswirtschaft Im Krieg, als die zivile Luftfahrt stark eingeschränkt war, erschloss sich die Luft Hansa mit ihrem technischen Know-how in Reparaturwerften und sogenannten Frontreparaturwerkstätten in besetzten Gebieten ein neues Geschäftsfeld, nun unmittelbar in der Kriegsindustrie. 1944 erzielte das Unternehmen Grieger zufolge zwei Drittel der gesamten Einnahmen mit Rüstungsaufträgen. Um diese Dienste leisten zu können, griff das Unternehmen auch auf mehr als 10.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zurück. Auch Deutsche jüdischen Glaubens wurden vor allem in Berlin-Tempelhof als Zwangsarbeiter eingesetzt. Wie Grieger weiter berichtet, gab es seitens des Unternehmens keine Reaktionen oder gar Rettungsversuche, als diese Menschen dann in die Vernichtungslager deportiert wurden. Für Grieger steht außer Frage, dass die erste Lufthansa durch die intensive Einbindung in die Rüstungsindustrie mitsamt dem Einsatz von Zehntausenden von Zwangsarbeitern „zum Akteur und Profiteur der NS-Kriegswirtschaft“ geworden ist. Die gesamte Studie wird am 13. Februar veröffentlicht. Die Lufthansa gehört damit zu einer Minderheit von Unternehmen, die ihre oder die Vergangenheit von Vorgängerunternehmen in der NS-Zeit wissenschaftlich haben untersuchen lassen, wie Andrea Schneider-Braunberger, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte, im Gespräch sagte. Weniger als acht Prozent solcher Unternehmen haben sich demnach so ihrer Rolle in der bislang dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte gewidmet.
