FAZ 30.12.2025
15:20 Uhr

Hilfsorganisation Hanseatic Help: „Wir bekommen viel zu viel von dem, was wir nicht brauchen können“


In unsicheren Zeiten halten die Menschen ihr Geld zusammen, auch Unternehmen sind vorsichtig. Claudia Meister, die Chefin von Hanseatic Help, sucht Wege aus der Spendenkrise.

Hilfsorganisation Hanseatic Help: „Wir bekommen viel zu viel von dem, was wir nicht brauchen können“

Der Job in der Fernsehbranche war Adrenalin pur. „Live-Show um 20.15 Uhr, 150 Leute am Set, großer Moderator, das Publikum darf mitraten, da muss alles laufen.“ Das zu managen, hat ihr schon gefallen, sagt Claudia Meister. Aber sie selbst hat dem 2017 ein Ende gesetzt. Sehr plötzlich, weil ihr vieles überreizt und gleichzeitig sinnentleert vorkam. Seit 2019 ist sie Geschäftsführerin von Hanseatic Help und sorgt dafür, dass Menschen mit Kleidung und Hygieneartikeln versorgt werden, in ganz Hamburg, überall, wo Not herrscht. Der Verein hilft direkt sowie als Dienstleister für mehr als 300 Organisationen, Kirchen, selbst für die Polizei. Und diese Hilfe zu managen, mit einem Team von rund 70 hauptamtlichen und 150 regelmäßig engagierten Ehrenamtlichen, gefällt Claudia Meister noch viel besser. Jeden Tag zu sehen, wie die eigene Arbeit wirkt, ist ihr wichtiger als das gute Gehalt, das sie einst als Herstellungsleiterin bei Spiegel TV bekommen hatte. Die Furcht vor schlechten Zeiten bremst die Spender An Herausforderungen fehlt es ihr auch hier nicht, denn von heiler Welt kann nicht die Rede sein. Während die Not oft größer wird, gehen die Spenden zurück. Bis Ende November flossen 2,2 Millionen Euro in die Kasse, 12 Prozent weniger als im vergangenen Jahr, sagt Claudia Meister. Mögliche Gründe sieht sie viele: Privatleute wie Unternehmen sind nicht mehr so spendabel, allein schon die Furcht vor schlechteren Zeiten bremse sie ein. Die Spenden von Firmen gingen um 42 Prozent zurück. Stiftungen haben sogar 53 Prozent weniger gespendet; Privatpersonen 14 Prozent weniger. Nur die öffentliche Förderung (überwiegend durch die Stadt Hamburg) ist gegenüber dem Vorjahr noch etwas gestiegen, und vor allem ist dieses Jahr mehr Geld übers Job-Center gekommen. Hier profitiert Hanseatic Help von der Arbeitgeberförderung nach dem Teilhabechancengesetz. Dafür werden aktuell 37 Langzeitarbeitslose durch ihren Job bei Hanseatic Help auf eine Tätigkeit in der freien Wirtschaft vorbereitet. Wie lange diese öffentlichen Geldquellen noch fließen werden, thematisiert Claudia Meister nicht. Aber angesichts knapper Kassen und des daraus erwachsenden Reformdrucks ist zu erwarten, dass auch solche Hilfen hinterfragt werden. Immerhin, die Sachspenden von Firmen haben sich mehr als verdoppelt. Für den Bedarf an Hygiene- und Pflegemitteln sind Henkel aus Düsseldorf sowie Beiersdorf in Hamburg ganz vorn dabei. Andere Unternehmen spenden Windeln oder liefern neue Textilien, die das Sortiment an Altkleidern ergänzen. Aktionen für die Belegschaft sind oft nur der Start Weniger im Blick, aber nicht minder wichtig sind jene Firmen, die günstige Mietkonditionen gewähren, etwa für das 2000 Quadratmeter große Zentrallager nahe dem Fischmarkt oder für jene Geschäfte, in denen monatlich Tausende Hilfsbedürftige ein Einkaufserlebnis in Würde haben können. Auch der Hamburger Fußball ist eine wichtige Bank für Hanseatic Help. Während der HSV mit seiner Publikumswirksamkeit dem wohltätigen Verein eine große Bühne verschafft hat, gehört St. Pauli zu den engagierten Sachspendern. Ein Blick ins aktuelle Warenlager zeigt, dass absehbar unter den Hamburger Obdachlosen der Fanschal des Kiez-Klubs überraschend weit verbreitet sein wird. Und nicht zuletzt profitiert Hanseatic Help auch von jenen Firmen, die für ihre Beschäftigten sogenannte „social days“ veranstalten. Ein paar Tausend Menschen im Jahr kommen auf diese Weise für ein paar Stunden zum Helfen, was nicht selten der Beginn einer langfristigen Zusammenarbeit ist. Trotzdem: Zwölf Prozent weniger Einnahmen, das klingt nach einer Krise. „Auf Hoffnung kann man so einen Laden auch nicht aufbauen“, sagt die bald 55 Jahre alte Sozialwissenschaftlerin, die einst ihre Diplomarbeit über die Rechtsform der Dortmunder Borussen mit Blick auf den ersten Börsengang eines deutschen Fußballklubs geschrieben hatte. Nun kämmt auch Claudia Meister die Zahlen und Fakten noch einmal durch. Sie sucht nach Sparpotential, ganz genau wie man das aus den Schlagzeilen über krisengeschüttelte Konzerne kennt. Sparen allein wird nicht reichen Das Ringen ums Geld ist ihr vertraut aus Zeiten, als mit den Vertretern der öffentlich-rechtlichen Sender über Produktionsaufträge für Spiegel TV verhandelt hatte. Aber das hier ist etwas anders. Sparen allein wird nicht reichen. Die Rücklagen sind schon im vorigen Jahr um 90.000 Euro abgeschmolzen. Für Claudia Meister ist das ein Antrieb. Geboren in Bochum in einer Medizinerfamilie, war sie sehr katholisch, konservativ und leistungsorientiert erzogen worden. Getrieben davon, Erfolg zu haben, ging es bei ihr beruflich ständig voran. Deshalb kann sie jetzt auf eine Fülle von Erfahrungen zurückgreifen – von der Arbeit als Sportjournalistin bis hin zum Softwareprojekt fürs Controlling. Geschätzt wurde all das zunächst gar nicht, als sie sich im gemeinnützigen Bereich nach einer neuen Tätigkeit mit mehr Sinn umsah. Sie sei überqualifiziert, sagte man ihr, und gleichzeitig ungeeignet für eine Leitungsfunktion, auch weil der Stallgeruch von Kirchen, Stiftungen oder Ähnlichem fehle. Bei Hanseatic Help fand Claudia Meister dann ihre neue berufliche Heimat – mit erheblichen finanziellen Einbußen. Angefangen habe sie mit weniger als der Hälfte des vormaligen Gehalts, erzählt sie: „Da habe ich schon geschluckt.“ Hanseatic Help kann nun darauf setzen, dass Claudia Meister eine Geschäftsführerin ist, die trotzdem oder wegen des Wohltätigkeitsfokus erst recht nach Wegen aus dieser Krise sucht, die immer deutlicher wird. Neben den stark schrumpfenden Einnahmen gibt es ein weiteres Problem: Wenn gutmeinende Menschen mit ihren abgelegten Textilien zu Hanseatic Help kommen, ist das oft kaum noch eine Hilfe. „Wir bekommen viel zu viel von dem, was wir nicht brauchen können“, fasst Claudia Meister zusammen, was sie gerade umtreibt. Das hängt vor allem mit dem Aufkommen der Fast-Fashion-Anbieter zusammen. Beginnend erst mit Primark, zuletzt dann befeuert durch die chinesischen Plattformen Temu und Shein. Allein das Aussortieren der unbrauchbaren Stücke ist schon eine Arbeit, die man vermeiden könnte. Und es fehlt an guter Kleidung, vor allem für Männer, gerade im Winter. Fast wie im Management-Lehrbuch Fast wie im Management-Lehrbuch befassen sich im Hilfeverein jetzt Strategiegruppen damit, wie es weitergehen könnte. Eine Idee formt sich schon. Mit einem Lastwagen könnte Hanseatic Help vielleicht dort auf Wochenmärkten präsent sein, wo tendenziell wohlhabende Menschen verkehren, die womöglich so zur Spende von hochwertiger Kleidung animiert werden, mehr Sein als Shein sozusagen. Der Satzungszweck des Vereins, dessen Wurzeln auf eine Initiative zur Flüchtlingshilfe im Jahr 2015 zurückgehen, lässt viel Spielraum. Claudia Meister spricht es spürbar ungern aus, aber es ist ihr klar, dass die durch Corona und Ukrainekrieg stark gewachsene Organisation notfalls auch schrumpfen müsste. Erst einmal aber setzt sie auf die erprobte Kreativität und Agilität ihrer Mannschaft. „We’ll never help alone“ – dieser Slogan von Hanseatic Help ist auch ihre Maxime.