FAZ 19.12.2025
12:19 Uhr

Hessische Industrie: „Die Deindustrialisierung findet statt“


Industriebetriebe schränken ihre Produktion ein oder verlagern sie ins Ausland – dieser Trend ist auch in Hessen zu beobachten. Der Hessische Industrie- und Handelskammertag spricht von einer Abwärtsspirale.

Hessische Industrie: „Die Deindustrialisierung findet statt“

29 Prozent der hessischen Industrieunternehmen reagieren auf die hohen Energiekosten in Deutschland mit Produktionseinschränkungen oder Standortverlagerungen. Das geht aus einer Umfrage des Hessischen Industrie- und Handelskammertages (HIHK) hervor, an der sich insgesamt 274 Unternehmen beteiligten, darunter 98 Industriebetriebe. „Die Lage ist dramatisch, die Deindustrialisierung findet statt am Standort Deutschland“, kommentierte HIHK-Vizepräsident Felix Heusler die Erhebung unter dem Titel „Energiewende-Barometer“. Auf die Frage, wie die Umfrageteilnehmer auf „Veränderungen in der Energiewirtschaft und -politik“ reagierten, antworteten 13 Prozent der Industriebetriebe, sie hätten bereits Arbeiten ins Ausland verlagert oder die Produktion im Inland eingeschränkt. Neun Prozent teilten mit, sie hätten entsprechende Schritte eingeleitet, sieben Prozent haben dies den Angaben zufolge noch vor. Zwar sind die Preise für Erdgas und Strom nach einem starken Anstieg infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine wieder zurückgegangen, im internationalen Vergleich sind die Energiekosten in Deutschland aber weiterhin hoch. Das trifft besonders das produzierende Gewerbe. In anderen Branchen ist der Druck nicht ganz so hoch, wie auch die HIHK-Umfrage zeigt: Bezogen auf alle 274 Teilnehmer, also quer durch die Branchen, lag der Anteil der Unternehmen, die zu Produktionsverlagerungen oder -einschränkungen greifen, bei 16 Prozent. Eine breite Mehrheit der Befragten bemüht sich der Umfrage zufolge um eine Steigerung der Energieeffizienz und den Aufbau von Solarzellen und anderen Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energie. Zum Teil werden solche Investitionen offenbar aber verschoben, weil die hohen Kosten für Strom und Gas den Spielraum der Betriebe einschränken: 18 Prozent gaben an, wegen der hohen Energiepreise Investitionen in den Klimaschutz zurückzustellen. Bei den befragten Industrieunternehmen lag dieser Anteil sogar bei 27 Prozent. HIHK-Vizepräsident Heusler sprach von einer „Abwärtsspirale, die dringend durchbrochen werden muss“. Die von der Bundesregierung beschlossene Senkung der Stromsteuer und die staatlichen Zuschüsse zu den Netzentgelten reichten nicht aus. Der HIHK verwies auf Vorschläge seines Dachverbands DIHK, die Kosten für die Energiewende zu senken. Der DIHK hatte unter anderem angeregt, auf die unterirdische Verlegung von Hochspannungsleitungen zu verzichten und Technologien wie die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (CCS) zu erleichtern.