FAZ 21.12.2025
11:53 Uhr

Herzblatt-Geschichten: Ein Schwanz bis nach Hollywood


Timothée Chalamet spricht zu viele Worte, Johannes B. Kerner ist ganz früh dran und Matthias Schweighöfer blockiert das Bad: die Herzblatt-Geschichten.

Herzblatt-Geschichten: Ein Schwanz bis nach Hollywood

Viele Menschen treibt derzeit die Frage um, ob EsDeeKid in Wahrheit Timothée Chalamet ist. Für diejenigen, die sich jetzt fragen, wer Timothée Chalamet ist: Es handelt sich um einen zweifach oscarnominierten Schauspieler, der im Verdacht steht, eine Zweitidentität als stets vermummt auftretender britischer Rapper EsDeeKid zu pflegen. In einem Radio-Interview darauf angesprochen, setzte Chalamet an: „Ich habe dazu zwei Wörter zu sagen . . .“, sagte dann aber ein paar mehr: „Alles wird zu gegebener Zeit aufgeklärt werden.“ So weit, so klar, bis sich „Bild“ auf die Sache stürzt und folgendes „Zitat des Tages“ von Chalamet druckt: „Zwei Worte: Alles wird enthüllt werden.“ Nun sind es die „Bild“-Leser gewohnt, dass ihr Blatt sie an die Hand nimmt, etwa durch die noch recht junge Rubrik „Fehler-Radar“, in der zum Beispiel so etwas steht: „Am Samstag schrieben wir über eine Bahn-Kundin, die für ihr ,Hündchden‘ eine besonders hohe Summe extra zahlen musste. Hündchen sollte es heißen.“ Das ist clever, weil es den Lesern entweder das Gefühl gibt, ein besonders kluger Kopf zu sein („Ha, wusste ich’s doch, dass es Hündchen heißen sollte!“), oder den nicht ganz so Gewitzten Orientierung bietet („Ach, und ich hab mich die ganze Zeit gefragt, was wohl ein Hündchden ist“). Das Chalamet-Zitat allerdings ist bislang nicht in besagter Rubrik aufgetaucht, was die Leser tief verunsichern und dazu treiben dürfte, wieder und wieder nachzuzählen, ob es vielleicht doch nur zwei Wörter sind – und nicht, wie die meisten Leser erkannt haben werden, vier. Oder drei. Oder fünf? Ein kleiner Satz, ein großer Moment für Charlène Wichtige Worte gesprochen hat Charlène von Monaco und dabei, wie „Freizeitwoche“ meint, ein „Trauma überwunden“. Bei einem Wettbewerb ums neue Trikot-Design der U-16-Rugby-Mannschaft Monacos – es sind schon fabelhafte Termine, die man als Fürstin so wahrnehmen darf – habe sich Charlène „mit fester Stimme“ auf Französisch ans Publikum gewandt: „Danke für eure Kreationen und Glückwunsch.“ Dass die gebürtige Südafrikanerin das nach nur 14 Jahren als Fürstin hinbekommt, findet „Freizeitwoche“ erstaunlich: „Ein kleiner Satz, ein großer Moment.“ Oder, wie „Bild“ schreiben würde: „Zwei Wörter, ein großer Moment.“ Hoffentlich besser zählen kann Matthias Schweighöfer, der, wie „Schöne Woche“ weiß, in der Midlife-Crisis steckt: „Er treibt jetzt täglich Sport, zählt morgens seine Haare, hadert mit sich selbst.“ Seine Partnerin sollte da morgens einige Geduld aufbringen: Ein blonder Mensch mit vollem Schopf hat rund 150.000 Haare. Die zu zählen, das kann dauern. Die Mikrobe des Jahres Geduld aber kann sich auszahlen. Der Pilz Penicillium, Produzent des Antibiotikums Penicillin, ist zur „Mikrobe des Jahres 2026“ gekürt worden – und zum „Gewinner des Tages“ bei „Bild“ noch dazu: „Seit den 1940er Jahren rettet der ,Pinselschimmel‘ Millionen Leben – und sorgt nebenbei auch noch für den Geschmack von Camembert und Brie.“ Ein Trost für alle, die auch 2025 bei der Beförderung übergangen wurden: Das Penicillium hat trotz spektakulärer Leistungen gut 80 Jahre auf den Titel warten müssen. Irgendwann also klappt es sicher mit der Beförderung, spätestens 2105. Ein noch tollerer Titel als „Mikrobe des Jahres“ dürfte „Legende“ sein. Als „Produzenten-Legende“ würdigt der „Bild“-Autor Norbert Körzdörfer den verstorbenen Arthur Cohn, und über einem Foto steht: „Hollywood-Legenden unter sich“. Darauf zu sehen: „Arthur Cohn (damals 80), ,Bild‘-Autor Norbert Körzdörfer und Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck (52)“. In der Bildmitte, mit Donnersmarcks Oscar in der Hand, steht Körzdörfer. Wer kennt sie nicht, die Hollywood-Legende? Ein Multi-Mensch mit langem Schwanz Noch mal zum Einsatz kommt Körzdörfer anlässlich des 95. Geburtstags von Armin Mueller-Stahl: „Er ist ein Multi-Mensch. Maler, Musiker, Schriftsteller, Komponist, Sänger, Konzertgeiger, DDR-Star, BRD-Star, Hollywood-Star, Oscar-Kandidat“ . . . bei „Dalli Dalli“ hätte man gesagt: Mindestens den Musiker müsste man abziehen, der doppelt sich mit Geiger, Sänger und Komponist. Und ist Mueller-Stahl nicht eigentlich Schauspieler? Den Jubilar selbst, der in Sierksdorf an der Ostsee lebt, zitiert Körzdörfer mit Worten über sein langes Leben, die leicht verstörend klingen: „Das ist schon toll! Ich denke, wenn ich einen Schwanz hätte wie ein Tier, dann würde er von hier bis Hollywood reichen.“ Dieses Bild will uns partout nicht mehr aus dem Kopf gehen. Gut jedenfalls, dass er den Schwanz nicht wirklich hat, sonst könnten ihn Aktivisten für eine weitere Ostsee-Pipeline halten und durchlöchern. „Die neue Frau“ interviewt Johannes B. Kerner, der sich als Kandidat für den Titel „Streber des Jahres“ präsentiert: „Ich habe für mich den Trick entwickelt, dass ich meine Vorsätze schon im November erledige. Dann kann ich entspannter ins neue Jahr gehen.“ Für uns würde das nie funktionieren: Die Vorsätze vom November hätten wir im Dezember längst schon gebrochen – und uns dann für 2026 wieder neue auszudenken, das wäre riesiger Stress. Erst einmal aber: Frohe Weihnachten!