FAZ 15.12.2025
14:30 Uhr

„Herbstmeister“ in Liga zwei: Die magische Mixtur beim FC Schalke 04


Trainer Miron Muslić ist der Star in Gelsenkirchen – und zu einem der spannendsten jungen Fußballtrainer Europas geworden. Doch hauptverantwortlich für die Schalker Entwicklung ist ein anderer.

„Herbstmeister“ in Liga zwei: Die magische Mixtur beim FC Schalke 04

Erfolg auf dem Rasen ist im Fußball seit jeher das wirksamste Mittel gegen jede Form von Streit, schlechte Laune, innere Zersetzungen und die Zweifel, die immer irgendwo lauern. Und so klagt beim Tabellenersten der zweiten Liga, der seit Sonntag auch die sogenannte Herbstmeisterschaft sicher hat, niemand ernsthaft über die Schattenbereiche dieses sensationellen Zwischenergebnisses. Das Team des Trainers Miron Muslić hat in 16 Partien nur 21 Tore geschossen – eine sagenhaft dürftige Bilanz für einen Tabellenführer kurz vor Weihnachten. Sogar der Tabellenletzte Dresden bejubelte mehr Treffer. Die wirtschaftliche Lage ist nach wie vor herausfordernd, und der Trainer wird einerseits bewundert, andererseits aber auch mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Weil er unter Verdacht steht, keiner dieser Herzensschalker zu sein, die nach ein paar Wochen in Gelsenkirchen so verliebt in diesen Klub sind, dass sie sich einen freiwilligen Vereinswechsel kaum noch vorstellen können. Muslić ist vom armen Flüchtlingskind aus Bosnien zu einem der spannendsten jungen Trainer in Europa geworden und von einem starken Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Stolz erfüllt. Nicht jeder findet das sympathisch. Sollte diesem Mann aber der Aufstieg gelingen, wird er als charismatischer Anführer einer unglaublichen Rettungsmission in die königsblauen Annalen eingehen. Schließlich ist Schalke zuvor zweimal beinahe in die dritte Liga abgestürzt und musste nun mit einem reduzierten Etat für die Mannschaft in die neue Saison starten. Die wirklich entscheidenden Weichenstellungen für diese Wunderheilung eines schwerkranken Traditionsvereins sind aber nicht im Trainerbüro vorgenommen worden, sondern im Verantwortungsbereich des für den Sport zuständigen Vorstandes Frank Baumann. Der langjährige Manager des SV Werder Bremen hat Muslić aufgespürt, er hat die schlecht passende Konstellation in der Sportlichen Leitung geordnet, und er hat mit Auge und Sachverstand einen unstimmigen Kader sortiert. Und zwar in allen entscheidenden Kategorien: Die Charaktere passen so gut zueinander wie lange nicht, die Fähigkeiten der Spieler sind auf die Vorstellungen des Trainers zugeschnitten. Im Vordergrund stehen nicht mehr junge Talente, deren theoretisch vorhandene Fähigkeiten Phantasien wecken, sondern Spieler, die funktionieren. Hier und jetzt, auch als Gemeinschaft. Selbst umstrittene Personen wie der Vorstandschef Matthias Tillmann oder der Aufsichtsratsvorsitzende Axel Hefer erscheinen plötzlich als Teil eines gar nicht übel geordneten Gesamtbetriebs. Wichtiger ist jedoch: Die Null steht. Nur acht Tore hat das Team in den ersten 16 Partien zugelassen, wodurch die seltenen eigenen Tore einen gewaltigen Ertrag einbrachten. Neun der zwölf Siege gelangen mit einem Tor Unterschied. In Gelsenkirchen wirkt gerade diese magische Mixtur aus emotionaler Wucht und fußballerischem Minimalismus, die hier nicht zum ersten Mal gut funktioniert. Wie Frank Baumann diesen Zustand genau geplant hat, ist unbekannt. Aber die Chancen auf einen nachhaltigen Aufschwung sind so gut wie nie seit dem Totalzusammenbruch zu Beginn des Jahrzehnts.