Als Teenager schwärmte er für Barockmusik, als junger Erwachsener für die Musik der Renaissance. Dann wurde er Leiter des Choeur de l’Orchestre de Paris und lernte das sinfonische Repertoire kennen. Heute ist der Franzose mit Wurzeln im Senegal, Lionel Sow, ein Stimm-Spezialist, um den sich die europäischen Chöre reißen. Chefpositionen hat er derzeit bei Radio France und am gigantischen Nationalen Musikforum in Breslau. Auf dem Weg liegt Baden-Baden. Hier ist er seit 2022 „fester Bestandteil“ der Herbstfestspiele „La Grande Gare“, in erster Linie „großer Bahnhof“ für die Ensembles „Balthasar Neumann“. Thomas Hengelbrock hatte den Chor 1991, das Orchester vier Jahre später gegründet, als deutsches Äquivalent zu den britischen Institutionen der historischen Aufführungspraxis. Und ähnlich wie der Monteverdi Choir von John Eliot Gardiner hat auch der Balthasar Neumann-Chor sein Repertoire längst bis ins 20. Jahrhundert hinein erweitert, etwa mit der Kantate „Figure humaine“ (1943) von Francis Poulenc. Ihre Aufführung 2023 in Baden-Baden mündete in ein lautstarkes Chor-Unisono: unbedingt mit Lionel Sow weiterzuarbeiten. Unerreichbares Ideal Sow und Hengelbrock kennen sich aus Paris und teilen eine „Obsession“ – die Intonation: für Sow ein „unerreichbares Ideal.“ Sie bleibe im temperierten System „immer ein Kompromiss“ und müsse permanent verbessert werden, sagt er im Interview mit dieser Zeitung. Auch die Liebe zu Bach haben beide gemeinsam: „Balthasar Neumann“ habe „Bach im Blut“, kenne die „Kultur des Repertoires“, besitze „historisch informiertes Verständnis für die Musik.“ Unter diesen Voraussetzungen, so Sow, sind Kompromisse nicht mehr erlaubt. Was für ihn so viel heißt wie „Radikalität der Interpretation“, in Rhythmik, Tempo, Affekt und Bedeutung. Mit welcher Risikofreude und mitreißender Musizierlust er dabei agiert, demonstrierte er – auswendig dirigierend und zunehmend tänzerisch – mit drei doppelchörigen Motetten von J. S. Bach, darunter „Singet dem Herrn ein neues Lied“ BWV 225, was ganz wörtlich zu verstehen ist: ein solch vokales Mirakel war selbst dem Herrn zuvor nicht zu Ohren gekommen. Zu den Sängern gesellte sich eine luxuriös ausgestattete Continuogruppe, in welcher der Violone-Spieler mit Spiccato-Bogen freudig die Rolle des (Jazz-)Schlagzeugers übernahm. Luxuriös zudem der Extrachor für die Choräle innerhalb der Motetten. Dass sich Sow auch für die Musik von Hugo Distler begeistert, war zumindest überraschend; er schätzt sich glücklich, sie gerade in Deutschland aufzuführen (in Polen hat er Distlers „Totentanz“ sogar aufgenommen). Die Kombination aus neuerer Harmonik, „ver-rückter“ Rhythmik, mittelalterlicher Melodik und alter Notationsweise ohne durchgezogene Taktstriche fasziniere ihn doppelt: in ihrer Qualität und Intelligenz. Rekrutierung neuer Stimmen Am Baden-Badener Festspielhaus hat „Balthasar Neumann“ neben Hamburg, Fontainebleau, Barcelona und Havanna (!) eine Residenz, und Baden-Baden sei die umfangreichste, erzählt die Managerin Christina Schonk. Hier kommen die Freelancer für zwei Wochen zum „Familientreffen“ zusammen, währenddessen sich alle Abteilungen dieses Großunternehmens präsentieren können: Oper (dieses Jahr mit der halbszenischen „Cenerentola“ von Gioacchino Rossini unter Thomas Hengelbrock), Chor-, Orchester- und Kammerkonzert (zu Ehren der Wahl-Baden-Badenerin Pauline Viardot), interaktives Familienkonzert, Europäisches Singfest, in dem Profis und Laien nach einem dreitägigen Workshop mit Dozenten des Chores gemeinsam ein Konzert im Festspielhaus geben, unter Sows Leitung. „Balthasar Neumann“, das sich zu 85 Prozent selbst finanziert und erst seit diesem Jahr mit dem europäischen Akademieprogramm „Balthasar NOVA“ für Nachwuchsmusiker/-musikerinnen öffentliche Unterstützung durch die EU erhält, hat sich die Förderung junger Sänger/Sängerinnen mit seiner Singers Academy schon selbst auf die Fahnen geschrieben. Die Workshops verfolgen dabei zwei Ziele: Ausbildung des Nachwuchses für das Singen im Chor und Rekrutierung neuer Stimmen für das eigene Ensemble. Kein Barockspezialist In dieses umfangreiche Tätigkeitsfeld, das auch Sozialkonzerte in Krankenhäusern, Jugendpsychiatrien und Demenzabteilungen umfasst, wird Lionel Sow im kommenden Jahr maßgeblich eingebunden. Denn Thomas Hengelbrock wolle sich, so heißt es, auf das Vor-Corona-Pensum zurückziehen. Das lässt sich auch als Aufforderung an das Balthasar Neumann-Orchester verstehen, mit neuen Dirigenten zu arbeiten. Der Engländer Finnegan Downie Dear, der 2020 den Dirigierwettbewerb „Gustav Mahler“ in Bamberg gewonnen hatte, ist kein Barockspezialist, muss sich aber als Hengelbrocks Assistent bei einer Opernproduktion so gut mit historischer Aufführungspraxis vertraut gemacht haben, dass ihm das Orchester jetzt einen reinen Beethoven-Abend anvertraute, den er mit Bravour absolvierte. Dear vertritt den eher selten gewordenen Dirigententypus der sparsamen Bewegungen – manchmal sind sie so minimal, dass sie vom Publikum nicht zu erkennen sind. Und gerade dies machte bei Beethovens siebter Sinfonie mit den fulminanten (Holz)- Bläsern und den in Ekstase geratenden drei (!) Kontrabässen den größten Effekt. Und bei Beethovens Violinkonzert hätte man im großen Festspielhaus die berühmte Stecknadel fallen hören, als die unglaubliche Isabelle Faust auf den Darmsaiten ihrer Stradivari-Geige vibratolos in einen Bezirk „überm Sternenzelt“ aufstieg, wie es später in der Neunten heißt, und doch immer Teil des Orchesters blieb – bis zur Kadenz, in der sie mit der Pauke dialogisierte. Überhaupt mit einem Solisten aufzutreten, war für das Orchester eine Premiere, das gab es mit Hengelbrock nicht. Könnte es womöglich auch ohne ihn gehen?
