FAZ 01.12.2025
14:20 Uhr

Henrik Hansteins Jubiläum: Weil Kunst zu versteigern nie langweilig wird


Seit fünfzig Jahren steht Henrik Hanstein an der Spitze des Kölner Auktionshauses Lempertz. Im Gespräch blickt er auf seine Anfänge in dem Familienunternehmen zurück und verrät, mit welchen Losen er feiert.

Henrik Hansteins Jubiläum: Weil Kunst zu versteigern nie langweilig wird

An die erste von ihm geleitete Versteigerung kann sich Henrik Hanstein noch genau erinnern: „Schrecklich“, sagt der Chef des Kölner Kunst- und Auktionshauses Lempertz im Gespräch über die anfängliche eigene Unsicherheit. Fünfzig Jahre ist es her, dass der heute Fünfundsiebzigjährige in fünfter Generation die Leitung des ältesten in Familienbesitz befindlichen Kunstversteigerungsunternehmens übernahm. Lernen durch Zuschauen Viel Zeit, durch Blicke über Schultern im eigenen Haus zu lernen, hatte er wegen des frühen Unfalltods seines Vaters Rolf Hanstein nicht. Deshalb suchte der Sohn gezielt nach Anschauung bei anderen Auktionatoren. Von diesen habe ihn Eberhard Kornfeld in Bern am meisten beeindruckt – der selbst wiederum sich einiges bei Hanstein senior abgeschaut habe. Längst hat Henrik Hanstein als Auktionator das Geschehen im Saal inklusive parallel telefonisch und online eingehender Gebote im Griff und ein Gespür dafür entwickelt, wer im Raum als nächster bieten wird, noch bevor die Hand nach oben geht. Ob Digitalisierung, strengere Vorgaben bei der Verhütung von Geldwäsche, Provenienznachweise oder wechselnde Mehrwertsteuersätze: Hanstein, der auch als Sprecher der europäischen Kunsthandelsverbände tätig ist, hat im Laufe seines Berufslebens viele Veränderungen mitvollzogen, durchaus auch beklagt oder vorangetrieben – und Krisen, wie die Affäre um die Versteigerung einer Campendonk-Fälschung überstanden. Technisch aufgerüstet Inzwischen könne ein Beltracchi in seinem Haus, sagt Hanstein, das mitnichten am stärksten von dem Fälscher geschädigt worden sei, niemanden mehr täuschen, dank neuer Untersuchungsmethoden mit Röntgenstrahlen. Mit diesen habe er etwa gerade erst ein aus einem namhaften Museum kommendes Bild, das angeblich auf 1917 datieren sollte, als Nachkriegsfälschung enttarnen lassen können. Seine größte professionelle Freude sei es, Kunstwerke zu entdecken, erzählt der Auktionator: wie etwa das barocke Bildnis eines Jungen mit rotem Barett, das in einer deutschen Privatsammlung auftauchte und bislang nur durch eine Schwarz-weiß-Fotografie bekannt war. Bei dem 1641 auf Holz gemalten Werk des Rembrandt-Nachfolgers Govert Flinck handelt es sich um eine sogenannte Tronie, also das Porträt einer als Charaktertypus oder stereotype Figur kostümierten anonymen Person. Zum Aufruf kommt es bei Lempertz am Abend des 4. Dezember, ebenso wie eine korrespondierende zweite Darstellung Flincks, auf 140.000 bis 180.000 Euro taxiert – als eines von fünfzig Losen in der Sonderversteigerung „My Choice“ Hansteins zum Jubiläum. Cross-over zur Feier des Tages Er habe schon immer einmal in einer Versteigerung die Abteilungsgrenzen zwischen Alten Meistern, moderner und zeitgenössischer Kunst überwinden wollen, sagt Hanstein. In seine von persönlichen Vorlieben und Assoziationen geleitete Cross-over-Auswahl nimmt er sogar Schmuck auf: Ein Mitte des vorigen Jahrhunderts gefertigter Weißgoldring mit einem kornblumenblauen, mehr als 11,5 Karat schweren Kashmir-Saphir soll 800.000 bis eine Million Euro erlösen und folgt damit der Tendenz zum kostbaren Farbedelstein ebenso wie dem florierenden Auktionshandel mit Geschmeide. Außerdem ist Blau Hansteins Lieblingsfarbe. Aus Chile, dem Heimatland seiner Ehefrau Mariana Hanstein, die als Leiterin der Abteilung für Alte Kunst bei Lempertz wirkt, kommt eine Tierbronze von Ewald Mataré zur Auktion. Fünfzig Zentimeter hoch und knapp 85 Zentimeter lang ist die archaisch wirkende „Stehende Kuh“, die der Künstler 1938 für einen Brunnen des Juristen und Kunstsammlers Udo Rukser schuf. Ruksers Frau, eine Schwester des Dadaisten Hans Richter, war Jüdin. Das Paar floh 1939 nach Südamerika und konnte Matarés Figur mitnehmen; die Erben veräußern sie nun zum Taxpreis 120.000 bis 150.000 Euro. Zurück bis in die Antike Das Grau des Himmels in der zuvor Leo von Klenze zugeschriebenen, nun als Arbeit Ippolito Caffis identifizierten Ansicht des Börsenplatzes von Triest aus dem frühen 19. Jahrhundert (Taxe 70.000 bis 90.000 Euro) leitet über zum titelgebenden „Grau“ in Gerhard Richters abstraktem Ölbild von 1970 (180.000/200.000). Ein römisches Relief mit zwei geflügelten Siegesgöttinnen auf Streitwagen, das um das nachchristliche Jahr 200 aus weißem Marmor geschlagen wurde, reicht zum Schätzpreis von 200.000 Euro am weitesten in die Vergangenheit zurück. Die Expertise und Marktführerschaft im Bereich Alter Meister soll auch ein Früchtestillleben des niederländischen Barockmalers Cornelis de Heem (200.000/250.000) in der Offerte unterstreichen. Auf die Versteigerung des Nachlasses von Oskar Schlemmer bei Lempertz verweist eine Drahtfigur des Bauhaus-Künstlers von 1930/31, die außerhalb einer späteren Edition entstanden ist (80.000/120.000). Hanstein scheute sich nicht, eine Arbeit Heinrich Campendonks in die Riege der persönlichen Jubiläumslose einzureihen: Das expressive, von Franz Marc beeinflusste Aquarell „Pferde“ aus dem ersten Kriegsjahr 1914 soll 80.000 bis 100.000 Euro erlösen. Von den Kunstwerken stehen preislich an der Spitze der Sonderauktion mit Taxspannen von je 300.000 bis 400.000 Euro eine „Study to homage to the square“ von Josef Albers und ein Landschaftsgemälde von Alfred Sisley. Mit den fünfzig Losen nicht genug: Am 3. Dezember auktioniert Lempertz Fotografien, zwei Tage später in getrennten Tagesauktionen moderne und zeitgenössische Kunst mit 43 weiteren Positionen. Die gesamte Taxe der Auktionen „Photographie I & II“, „50 Lots – My Choice“, „Moderne“ und „Zeitgenössische Kunst“ beträgt gut 13,1 Millionen Euro. Ein halbes Jahrhundert als Auktionator: Anlass zu Rückzugsgedanken ist das für Hanstein nicht. „Meine Tochter“ – die geschäftsführende Gesellschafterin Isabel Apiarius-Hanstein – „ist die Chefin“, sagt er über den schon vor einiger Zeit im Familienunternehmen eingeleiteten Generationenwechsel. Er selbst sei nur noch „Souschef“. Ein aktueller personeller Neuzugang in der Abteilung Alter Meister ist Andreas Schumacher, ehemaliger Sammlungsdirektor der Alten Pinakothek in München und stellvertretender Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, der am 1. Dezember als verantwortlicher Experte bei Lempertz einsteigen wird. Henrik Hanstein aber ist und bleibt das Gesicht und die Stimme des Unternehmens. In Zukunft wolle er wohl gerne etwas weniger arbeiten, meint er, sagt aber entschieden: „Nichtstun kommt für mich nicht infrage.“