FAZ 12.02.2026
11:53 Uhr

Helmuth Rilling gestorben: Im Gespräch mit Bach


Mit Johann Sebastian Bach hat er sich enzyklopädisch beschäftigt, die Gächinger Kantorei und die Bach-Akademie Stuttgart aufgebaut. Sein Klangbild war prägend. Zum Tod des Dirigenten Helmuth Rilling.

Helmuth Rilling gestorben: Im Gespräch mit Bach

Er war ein Vermittler. Wollte man die Rolle, die Helmuth Rilling jahrzehntelang in der Musikwelt spielte, in nur einem Wort komprimieren, dann müsste es dieses sein. Begleitende Adjektive gesellen sich schnell dazu: beharrlich, zielbewusst und konditionsstark – das wäre eine erste Gruppe. Verbürgt wird sie nicht nur durch ein sechzehn Jahre währendes Großunternehmen wie die weltweit erste Kompletteinspielung aller Kantaten von Johann Sebastian Bach zwischen 1970 und 1985, sondern auch durch die unverminderte Freude, die ihn noch bis ins neunte Lebensjahrzehnt über – und dabei in gewisser Weise auch mit – Bach sprechen ließ. Dabei war Johann Sebastian im Dialog mit Interpreten und Hörern zwar nicht sein einziger Gegenstand, aber doch ein unausschöpflicher, immer neu geliebter und bewunderter. Das hatte gewiss auch mit den rhetorischen Qualitäten des Thomaskantors zu tun, der Nähe zwischen Musik und Wort selbst in vielen instrumentalen Werken, die den Dirigenten, der vom Chorgesang her kam, genau auf jenem Feld trafen, wo er sich am freiesten bewegen konnte. Wenn er dann bei anderen Gelegenheiten auch Händel, Schubert, die Oratorien Mendelssohns oder gar die belcantoselige, von ihm 1988 uraufgeführte „Messa per Rossini“ aufs Pult nahm, spielte Bach als eine Art Subdirigent immer mit: im Streben nach Klarheit, unaffektiert geradliniger Gefühlsdirektheit, der erkennbar die Freude am elementar Handwerklichen und klar Disponierten zugrunde lag. Das war, wenn man so will, eine spezifisch schwäbische, vielleicht gar pietistische Sicht auf Bach und dessen spätere Kollegen, die dem 1933 in Stuttgart geborenen Rilling gleichsam in die Wiege gelegt worden war: kein Überwallen, weder in Dingen des Glaubens noch der musikalischen Kommunikation, sondern eher eine heiter-aktive, sich ihrer Pflichten wie Möglichkeiten bewusste Demut. Vertraute Geborgenheit, freudige Ergriffenheit Er war in dieser Rolle als Vermittler nicht nur ausgesprochen kommunikativ und begeisterungsfähig, sondern auch tolerant, offen und vorurteilsfrei. Deswegen gab es seine Gesprächskonzerte und Bach-Akademien – die nicht immer direkt so heißen mussten, um diesen Begriffen dennoch gerecht zu werden – eben nicht nur in Stuttgart, Oregon oder Japan, sondern früh auch schon, ohne die damals durchaus noch verbreiteten Berührungsängste, in osteuropäischen Ländern. Und er scheute sich bei einer dieser Gelegenheiten auch nicht, Bachs h-Moll-Messe, etliche Jahre vor der Wende, als Open-Air-Aufführung im nun tatsächlich höchst weltlichen Hof des Dresdner Zwingers zu präsentieren: ein langer Frühlingsabend, der gerade dadurch unvergesslich bleibt, weil hier die Geister lustvoller Lebenszugewandtheit und metaphysischer Entgrenzung in unvergesslicher Weise zueinander fanden und damit die DDR-typischen Verklemmungen gegenüber dem geistlichen Bach subtil unterliefen. Solide ohne tüftelnde Pedanterie, anti-elitär und dabei durchaus fit in Fragen des Managements und der Selbstvermarktung, ohne sich von deren üblen Seiten okkupieren zu lassen: das umschreibt die ungefähren Eckpunkte seines viele Jahrzehnte die Szene mitprägenden Künstlerdaseins. Sehr bezeichnend war, wie Rilling, der „seine“ Gächinger Kantorei 1954 bereits als ganz junger Mann und dann ein Jahrzehnt später das zugehörige Instrumentalensemble gegründet hatte, auf die historisch orientierte Aufführungspraxis reagierte, als diese ungefähr ein Jahrzehnt später allmählich Fahrt aufnahm: interessiert und durchaus angeregt im Sinne einer Dynamisierung und zunehmenden Elastizität seiner eigenen Interpretationen, aber auch von gelassener Prinzipientreue in der Meinung, dass den Werken des Bach-Zeitalters mit modernen Instrumenten und Ensemblestärken besser gedient sei als im Streben nach maximaler Ur-Authentizität. So war er ein konservativ Beharrender, aber frei von Dogmatismus – ein Vermittler auch hier, der, wo er nicht selbst Maßstäbe setzte, doch das Feld für diejenigen bereitete, die das dann nicht zuletzt dank seiner tatkräftigen Vorarbeit tatsächlich tun konnten. An vielen Stellen seiner umfangreichen Diskographie kommen einem Empfindungen einer vertrauten Geborgenheit, Wärme und freudigen Ergriffenheit entgegen; keine Extreme, sondern das gute menschliche Maß, in dem man sich selbst wiederfinden darf. Am Mittwoch ist Helmuth Rilling im Alter von 92 Jahren im Kreis seiner Familie in Warmbrunn gestorben.