FAZ 06.01.2026
06:20 Uhr

Held von Gießen: Er verhinderte Schlimmeres und wird nun beschimpft


Kurz vor Weihnachten stoppt er einen Autofahrer, der zuvor in Gießen mehrere Menschen verletzt hat. Doch nun sieht sich der aus Syrien stammende Mann in den sozialen Medien anhaltend als Täter verunglimpft.

Held von Gießen: Er verhinderte Schlimmeres und wird nun beschimpft

Handelt es sich um eine Amokfahrt? Oder um ein Unglück? Der 29 Jahre alte Mann hält sich mit solchen Fragen nicht auf. Vielmehr handelt er. Kurzerhand überholt er mit seinem BMW den Audi A6, mit dem ein Autofahrer kurz zuvor mehrere Menschen am Gießener Anlagenring verletzt hatte. Der Elektriker schlägt mit einer Zange aus seinem Fahrzeug eine Scheibe des Audi ein und nimmt dem Fahrer die Autoschlüssel ab. Auf diese Weise verhindert der aus Syrien stammende Gießener Schlimmeres. Die Lokalpresse berichtet darüber und würdigt ihn, so geschehen zwei Tage vor Heiligabend. Doch schon Stunden nach dem Vorfall mit einem halben Dutzend Verletzten wird dieser Held des Alltags online wüst beschimpft. In Social Media wird er sogar als Täter verunglimpft und bedroht. Onlinekommentare verkehren die Wirklichkeit ins Gegenteil. Und die Beleidigungen und Bedrohungen nehmen auch nach dem Jahreswechsel kein Ende. In seiner Not schaltet er die Polizei ein. Ein Sprecher der Behörde hebt nun hervor: „Der 29 Jahre alte Gießener hat keine Straftat begangen. Ihn als Täter zu bezeichnen, ist falsch und entbehrt jeder Grundlage.“ Der syrische Gießener sei vielmehr ein couragierter Zeuge. Er habe den Mann im Audi nicht nur an der Weiterfahrt gehindert. Er habe ihn zudem bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten. „Dabei zog er sich selbst leichte Verletzungen zu. Sein Eingreifen trug maßgeblich zur Festnahme des Tatverdächtigen bei“, sagt der Polizeisprecher. Ein Haftrichter hat den Audi-Fahrer in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen, die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem versuchten Mord vor. Die Polizei warnt nun angesichts der massiven Anfeindungen, Bedrohungen und Beleidigungen gegen den syrischen Gießener eindringlich davor, falsche Beschuldigungen, beleidigende Inhalte, Bedrohungen oder Hasskommentare weiterzuverbreiten. Denn: „Solche Äußerungen können strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen, unter anderem wegen übler Nachrede, Verleumdung oder Bedrohung.“ Es gelte, Informationen aus sozialen Netzwerken kritisch zu hinterfragen und sich bei der Bewertung von Ereignissen auf verlässliche Quellen zu stützen. Die von dem BMW-Fahrer gezeigte Zivilcourage, der sich durch die Glassplitter der zerborstenen Seitenscheibe des Audis an einer Hand verletzte, „verdient Anerkennung und keinen öffentlichen Angriff“. Schon bald nach dem Vorfall tauchten in Social Media mehrere Bilder auf, die ihn am Auto des Beschuldigten zeigten. Er hoffe inständig, dass niemand denke, er wäre der Autofahrer, der die Menschen verletzt habe, sagte der Helfer der „Gießener Allgemeinen“ nach seinem Eingreifen. Alles habe sich angefühlt wie in einem Film. Er habe in der Nacht danach kaum schlafen können. „Wissen Sie“, sagte er, „ich habe in meiner Heimat, in Syrien, genug Leid mitansehen müssen.“ Dass sein Auto beschädigt worden sei, sei ihm nicht wichtig. „Ich hatte Angst um die Menschen. Ich habe nur gehofft, dass keiner stirbt.“