FAZ 14.02.2026
14:57 Uhr

Heirat und LIEBE im Wahlkampf: Özdemirs maximale Beheimatung


Romantic turn im Wahlkampf? Cem Özdemir und Flavia Zaka haben sich am Valentinstag von Boris Palmer trauen lassen.

Heirat und LIEBE im Wahlkampf: Özdemirs maximale Beheimatung

In der Politik gibt es ganz selten Zufälle, in der Liebe ist fast alles Zufall. Bei Cem Özdemir und Flavia Zaka war es eine glückliche Fügung, dass sich die beiden trafen, als die Juristin aus Toronto 2023 eine Freundin in Stuttgart besuchte. Über Özdemir war damals schon länger bekannt, dass er einmal von der Bundes- in die Landespolitik und somit von Berlin nach Stuttgart wechseln könnte, um aus den drei grünen Legislaturperioden eine vierte zu machen. Es war auch ein offenes Geheimnis, dass Özdemirs Ehefrau, die aus Argentinien stammende Journalistin Pia Castro, von Umzugsplänen in die Provinz wenig hielt – und das Paar auch sonst nicht mehr viel verband. Nachdem Özdemir Ende 2023 öffentlich über seine Scheidung informiert hatte und seine neue Partnerin beim Jazzfest im Sommer 2024 einem Gesellschaftsreporter der „Stuttgarter Zeitung“ vorstellte, wurde das deutsch-kanadische Paar auch Gegenstand der öffentlichen Berichterstattung. Beim Presseball, in Bayreuth und bei Buchvorstellungen zeigte sich der türkischstämmige Grünen-Politiker mit der albanischstämmigen Juristin. Seit dem Herbst saß Flavia Zaka auch bei einigen Wahlkampfveranstaltungen in der ersten Reihe. Mit der Entscheidung, sich drei Wochen vor der Wahl, in den frühen Morgenstunden des Valentinstags (um Paparazzi zu entgehen) und auch noch von Boris Palmer, dem prominentesten Oberbürgermeister Deutschlands, trauen zu lassen, wurde die Liebesgeschichte Teil des Wahlkampfs. Vielleicht sollte es so etwas wie ein Romantic Turn in der sehr staatstragenden, tannendunkelgrünen Kampagne sein, in der sich Cem Özdemir als Garant von Verlässlichkeit und Erfahrung präsentiert. Vor der Wahl geordnete Verhältnisse im Privatleben schaffen Özdemir ist ein Politiker, der aufgrund der konservativen Erziehung durch seine  Eltern in Bad Urach – die Mutter Schneiderin, der Vater Arbeiter – viel Wert darauf legt, dass das Leben in geregelten Bahnen verläuft und Regeln eingehalten werden. Das schlägt sich in politischen Haltungen nieder, man spürt das aber auch bei vielen Wahlkampfauftritten - vor allem dann, wenn der 60 Jahre alte Kandidat die konservative Mitte der Wählerschaft ansprechen will. Vermutlich war es nicht nur ein politisch-inszenatorischer Kniff Özdemirs, sondern auch ein inneres Bedürfnis, vor der Wahl in seinem Privatleben geordnete Verhältnisse zu schaffen und seiner zwanzig Jahre jüngeren Partnerin für ein Leben in Deutschland eine Perspektive zu geben. Denn sie hat in Toronto vieles aufgeben, nicht nur den täglichen Kontakt zu ihrer Familie und ihren Freunden, sondern auch ihre Tätigkeit als auf Umwelt- und Menschenrechtsfragen spezialisierte Juristin. In Stuttgart musste sie in kürzester Zeit lernen, die deutsche Politik und das grüne Milieu zu verstehen. Plötzlich befand sie sich inmitten des Wahlkampfes und erlebte Özdemir in der vermutlich stressigsten Zeit seines Lebens. Özdemir und Zaka hätten sich das Jawort auf einem Standesamt in der Provinz geben können. Das hätte vermutlich niemand mitbekommen, oder nur dann, wenn es ein CDU-Kommunalpolitiker ausgeplaudert hätte. So machte das Paar seine Liebe zum öffentlichen Thema und stärkte auch noch einmal die Freundschaft zu Boris Palmer, dem konservativen Ex-Grünen, der ohnehin schon ein willkommener Wahlkampfhelfer ist. Gerhard Schröder, Sigmar Gabriel, Kristina Schröder oder Christian Wulff machten allesamt weitreichende Erfahrungen mit Liebesgeschichten und Heirats-Offerten. Die Wirkung auf einen Wahlkampf oder gar auf eine Wahlentscheidung wird sich schwer untersuchen lassen. Die Unterkühltheit der frühen Bundesrepublik, als man nach der emotionalen Politisierung durch die NS-Propaganda nur an die Kraft des Argumentes glauben wollte, hat sich überlebt. Die amerikanische Philosophin Martha Nußbaum sieht in Gefühlen keine irrationalen Überreste vormoderner Politik mehr, sondern billigt ihnen zu, die moralische Infrastruktur einer demokratischen Gesellschaft zu bilden. Und der Doyen der Wahlforschung, der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte, ist der Meinung, dass der Umgang mit und Einsatz von Gefühlen heute ein selbstverständlicher Bestandteil professioneller Politik ist: Aufmerksamkeit entstehe, so Korte, nicht durch Argumente allein, sondern auch durch emotionale Signale. Empörung, Vertrauen, Hoffnung strukturierten die Wahrnehmung. Wer emotional abstinent sei, werde nicht automatisch rational, sondern vor allem unsichtbar. Auf Anfrage der F.A.Z. sagte Korte zu Özdemirs Romantic Turn: „Mehr bürgerliche Mitte geht nicht.“ Mit der Inszenierung und der Wahl des Standesbeamten zeige der grüne Spitzenkandidat eine „extreme Beheimatung im Ländle“ und sammle viele Sympathie- und Aufmerksamkeitspunkte: „Der Wahlkampf hat längst gedreht.“ Der Kommentar des CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel fiel sehr freundlich aus: „Herrn Özdemir und seiner Partnerin Flavia Zaka wünsche ich zu ihrer Hochzeit von Herzen alles erdenklich Gute, Glück, Gesundheit, Gottes Segen und viele gemeinsame, erfüllte Jahre.“