FAZ 02.01.2026
19:29 Uhr

Heinz Rudolf Kunze: Der Lebensbegleiter meldet sich zu Wort


Wer Heinz Rudolf Kunzes Songs zählt, kommt seit diesem Jahr auf eine Sammlung von 500 Aufnahmen. Man könnte glauben, alles sei gesagt. Trotzdem hat auch Album Nummer 47 eine eigene Berechtigung.

Heinz Rudolf Kunze: Der Lebensbegleiter meldet sich zu Wort

In den viereinhalb Jahrzehnten seiner Karriere als Tonträger veröffentlichender Künstler hat Heinz Rudolf Kunze gut 500 Songs aufgenommen. Darunter ist alles, was sich in meist drei Strophen und drei Refrains ausdrücken lässt: politische und gesellschaftliche Lieder, Liebes- und Beziehungssongs, philosophische Reflexionen, balladeske Erzählungen, schräge Porträts und lebensgeschichtliche Erinnerungen. Und natürlich die Hits: von der Kinks-Adaption einer irritierenden Trans-Begegnung über die Detektivgeschichte um die verschwundene Mabel und den Mitmenschlichkeitssong „Aller Herren Länder“ bis zum nicht wegzudenkenden „Dein ist mein ganzes Herz“. Wozu also braucht es noch diese 47. Platte (Live-Alben mitgezählt), die Kunze im Herbst veröffentlicht hat? Fast jede Beziehungskonstellation scheint in seinem Repertoire schon beschrieben. Fast jede Gefühlsregung scheint betextet. Und auch jede politische Beobachtung dürfte ausgebreitet sein. Könnte man denken. Die Lage des Landes und der Welt Doch wer Heinz Rudolf Kunze auf der jüngsten Tournee live erlebt hat, wird festgestellt haben, dass er eine so frische und spielfreudige Band selten um sich geschart hat. Der Sänger selbst schwärmt von diesen Musikern, und ihm ist anzumerken, dass er in ihrer Gegenwart besonders gern seine Best-of-Shows aufgeführt hat. Gleichzeitig bleibt er der unbequeme und überhaupt nicht denkfaule Künstler, als der er schon seit Mitte der Achtzigerjahre Denkanstöße gibt. Kritische Interviewäußerungen zur verbreiteten Wokeness und zum in einschlägigen Kreisen praktizierten Gendern haben ihm Applaus aus Kreisen eingebracht, auf den er gern verzichtet hätte. So lässt sich also leicht nachvollziehen, dass da jemand einiges zu sagen hat. Und das tut Kunze auf „Angebot und Nachfrage“ in fast allen zuvor genannten Songkategorien: Es gibt Beziehungslieder wie „Dann fängt die Liebe an“ oder „Mehr von dir“, die neue, vielleicht auch altersbedingte Facetten der Liebe thematisieren. Altersreflexion spielt auch eine Rolle in dem tief berührenden Lied „Wozu hat man Kinder“, das mit einem Gedanken beginnt, der einem erst einmal den Halt entzieht: „Ich möchte, dass jemand da ist, den ich kenne, wenn ich verbrenne. – Ich wünsch mir, dass ich vertraute Hände finde, wenn ich erblinde.“ Seit jeher ist der sprachgewandte Lyriker Kunze ein Könner darin, mit einer klischeefreien Sprache emotional über diverse Seiten des Lebens zu reflektieren. Ein Schwerpunkt auf „Angebot und Nachfrage“ sind politische und gesellschaftliche Songs, die die Lage des Landes wie auch die der Welt reflektieren. „Jeder Tote einer zu viel“ bringt einen Grundgedanken über den Krieg zu Papier – ohne es den falschen Friedensfürsten, Besserwissern und Heuchlern zu einfach zu machen, von denen sich das lyrische Ich des Songs klar abgrenzt. „Wer um sein Leben kämpft, hat immer recht“, singt Kunze. Ihm gelingt es, die Ambivalenz in Worte zu fassen, die darin liegt, den Aggressor hassen zu dürfen und gleichzeitig unnötig Blut zu vergießen. Gegen Hetzer und Populisten Auch in „Sie sind Migranten“ wählt er nicht den bequemen Weg. Zwar ist der Song aus der Perspektive von Flüchtlingen und anderen Zuwanderern erzählt. „Angst ist die geballte Faust, nicht die offene Hand“, singt er im Refrain. Wut müsse entstehen, wenn man Menschen nicht arbeiten lasse. Sie würden begafft, nachdem sie aus ihrer Welt verbannt wurden. Gleichzeitig vermeidet Kunze es, Migrationskritiker abschätzig zu beschreiben: ein Appell an die Menschlichkeit ohne Verächtlichmachung. Im Zentrum des Albums steht „Die Angst geht um“, ein Song über das Psychopathische in der Demokratie, das Herumlavieren über Probleme, die nicht richtig adressiert werden, über Verrohung und Extremismus. Von der Dringlichkeit her erinnert er an „Die Diktatur der Angepassten“ von Blumfeld, beschreibt das Gefühl der kollektiven Paranoia aber nuancierter. Mit diesen gesellschaftspolitisch waghalsigen Songs positioniert sich Kunze eindeutig und souverän gegen Hetzer und Populisten, die ihn wegen einzelner Äußerungen noch kürzlich zu vereinnahmen versucht haben. Aber wer auch nur einen Teil seiner 500 Songs genauer zur Kenntnis genommen hat, weiß um sein Bemühen, Ambivalenzen sichtbar zu machen und politische Plattitüden zu vermeiden. Der Eindruck seiner Live-Auftritte wird bestätigt durch den kraftvollen Sound der Band, die den klassischen Rock häufig zugunsten eines moderneren Indierock- und Britpop-Sounds überwindet. E-Gitarre und Hammondorgel kommen zur Geltung. Kunzes Stimme ist satt. Im kommenden Jahr wird er siebzig. Wie ältere Vorbilder in den vergangenen Jahren gezeigt haben, ist das ein gutes Alter, um noch einmal einen neuen Blick auf Themen zu wagen und um sich seines eigenen Sounds zu vergewissern. Heinz Rudolf Kunze ist jetzt ein Klassiker. Die Songs seines jüngsten Albums passen sich gut ein in sein Repertoire. Er singt wie ein Lebensbegleiter über Dinge, die seine Zuhörer beschäftigen. Heinz Rudolf Kunze: „Angebot und Nachfrage“. Meadow Lake Music (Believe)