FAZ 01.12.2025
07:06 Uhr

Heinz Riesenhuber 90: Der Jüngste und den Ältesten


Alte Schule, klare Sprache, ungebrochene Energie. Die 90 Lebensjahre des früheren Bundesministers und langjährigen CDU-Bundestagsabgeordneten Heinz Riesenhuber sind weniger Rückblick als eine Blaupause für das Weitergehen.

Heinz Riesenhuber 90: Der Jüngste und den Ältesten

Nach einem längeren Telefonat mit Heinz Riesenhuber kann es passieren, dass man in der Nacht von seinem eigenen Vater träumt. Denn das Leben des jahrzehntelangen Mitglieds des Deutschen Bundestags, des ehemaligen Bundesministers für Forschung und Technologie, umspannt Generationen, wirft in die eigene Jugend zurück, bevor man daran denkt, was man seinerzeit vom eigenen Alten Herrn für die Zukunft mit auf den Weg bekommen hat. Ein Gespräch mit Riesenhuber weckt Erinnerungen wie an einen Besuch des Space Shuttle auf dem Köln-Bonner Flughafen im Mai 1983, den Riesenhuber zur Freude nicht nur damaliger Teenager organisiert hatte. Es erinnert an die Wahlplakate des Manns mit der Fliege, die wieder und wieder im Main-Taunus-Kreis zu finden waren, den er im Bundestag vertrat. Und er selbst erinnert sich daran, wie es ihm Ende der Siebzigerjahre gelang, zum ersten Mal Klimawandel und Treibhauseffekt zu einem bundespolitischen Thema zu machen. Man erfährt, wie Alfred Dregger Riesenhubers Partei, die hessische CDU, zu einer schlagkräftigen Organisation machte, die dafür gesorgt hat, dass Hessen nicht mehr „Rot-Hessen“ ist, wie es früher einmal hieß. Und man hört, wie Walter Wallmann gegen den anfänglichen Widerstand von Helmut Kohl dazu kam, für das Amt des Frankfurter Oberbürgermeisters zu kandidieren, und wie viel Riesenhuber von Petra Roth hält, die das Oberbürgermeisteramt ebenfalls strahlend innehatte. Kämpferisch, konzentriert, klar Alles keine Selbstverständlichkeiten in einer Stadt wie Frankfurt, Riesenhuber weiß das. Er ist lange dabei, seit 1961 ist er Mitglied der CDU, von 1973 bis 1978 war er Vorsitzender des CDU-Kreisverbands Frankfurt. Riesenhuber war es auch, der erst vor ein paar Wochen die Rede zum 80. Geburtstag dieses Kreisverbands im Papageno-Musiktheater gehalten hat: eine Stunde lang, nahezu frei gesprochen, zur Begeisterung der Zuhörer, kämpferisch, konzentriert, klar beim Blick auf die Vergangenheit und in die Zukunft zugleich. Ein Vorbild, so wie der eigene Vater, aber auch ein Vorbild an Resilienz: Denn Riesenhuber wird am Montag 90 Jahre alt. Wie man außer mit Gottes Hilfe so lange so fit wie er bleiben kann? „Mit der Hilfe meiner Frau“, sagt der gebürtige Frankfurter, und man merkt, wie ernst er es meint. Die Familie ist da, sie ist ihm wichtig, zwei Söhne hat das Paar und zwölf Enkel, fünf davon reisen aus den Vereinigten Staaten an, drei aus Kopenhagen, zwei aus München und zwei aus Kiel, zählt Riesenhuber stolz auf. Sie alle kommen über das Adventswochenende nach Hause, nach Frankfurt-Unterliederbach, bevor dann am Montag groß und offiziell in der Villa Bonn in Frankfurt gefeiert wird, mit der Schwester aus Bayern, engen Freunden und Wegbegleitern. Sie alle werden sich von Herzen freuen, den großen und noch immer schlanken Riesenhuber zu sehen, weil es schön ist, Menschen zu treffen, die anderen so freundlich zugewandt sind wie er, die eine klare Sprache sprechen, dafür nicht zu lange Sätze verwenden und anhand von eingängigen Beispielen zu vermitteln wissen, worum es ihnen geht. Deshalb hat er seinerzeit auch das Space Shuttle nach Köln geholt. Es ging um die Förderung der europäischen Weltraumforschung, ein Thema, das soeben erst wieder hochaktuell diskutiert worden ist. Vielleicht hält es auch jung, seiner Zeit immer voraus gewesen zu sein. Oft war Riesenhuber der Jüngste und nicht der Älteste in seinen Ämtern und Rollen, zum Beispiel als Bundesminister mit 46 Jahren. Und heute darf man sagen, dass Riesenhuber unter den Ältesten der Jüngste geblieben ist. Das spürt man immer, wenn man ihm begegnet, ob bei Empfängen in der Stadt oder im Rat für Digitalethik der Hessischen Landesregierung: Welches Thema könnte jünger und moderner sein? In Frankfurt wurde Riesenhuber nicht nur geboren, hier hat er 1955 auch am Heinrich-von-Gagern-Gymnasium Abitur gemacht, später in Frankfurt sowie an der TU München Naturwissenschaften mit Hauptfach Chemie und Volkswirtschaftslehre studiert. 1965 wurde er promoviert. Seit 1995 ist er an seiner Universität Honorarprofessor. Vor allem aber war und ist Riesenhuber Politiker, bis heute. Von 1976 bis 2017 war er Mitglied des Deutschen Bundestages und mit mehr als 40 Jahren in der Geschichte dieses Parlaments nach Wolfgang Schäuble und Richard Stücklen der Abgeordnete mit der drittlängsten Zugehörigkeit. In den ersten beiden Legislaturperioden war er über die Landesliste Hessen in den Deutschen Bundestag gewählt worden. Danach zog er stets als direkt gewählter Abgeordneter in den Bundestag ein, zunächst für den Wahlkreis Frankfurt am Main I – Main-Taunus-Kreis, seit 2002 dann, nach einer Neuordnung der Wahlkreise, für den Wahlkreis Main-Taunus. Als ältester Abgeordneter übte er die Funktion des Alterspräsidenten des 17. Deutschen Bundestages aus. Bei der Bundestagswahl 2013 erzielte er bemerkenswerte 52,5 Prozent der Erststimmen. Auch im 18. Deutschen Bundestag nahm er die Funktion des Alterspräsidenten wahr. 2017 kandidierte er nicht mehr für den Bundestag, Direktkandidat der CDU im Wahlkreis Main-Taunus ist seitdem Norbert Altenkamp. Riesenhuber weiß aber noch genau, wie alles begonnen hat, wie ihn Karl-Heinz Koch, der Vater des späteren Ministerpräsidenten Roland Koch, gefördert hat. Wie 1976 mehr als 200 Menschen zu einem von ihm organisierten Kinderfest am Selzerbrunnen in Frankfurt-Nied gekommen sind: Väter, Kinder, Enkel, das Muster wiederholt sich. Riesenhubers Leben überspannt Generationen, 90 Jahre lang. Und mit der Hilfe seiner Frau sieht Riesenhuber gute Perspektiven für die nächsten Jahrzehnte.