FAZ 04.08.2026
15:07 Uhr

Heimfahrt vom Praktikum: Aus der Bahn geraten


Was als harmlose Fahrt zum Schnuppertag in einem Düsseldorfer Unternehmen beginnt, endet am Montagabend auf einem Feld nahe Erkelenz. Ein Erlebnisbericht.

Heimfahrt vom Praktikum: Aus der Bahn geraten

Um 22 Uhr kommt ein Bild wie aus einem Film. Ein Taxi brettert übers Feld, um einen einzelnen gestrandeten Fahrgast aufzunehmen. Schnell weg hier. Feuerwehr und Hilfskräfte sehen so etwas gar nicht gern. Die anderen Reisenden stehen sich weiter die Beine in den Bauch und warten auf einem Feld nahe Erkelenz, tief im Westen des Landes. Die Geschichte in einem Satz: Kind hat Praktikumstag in Düsseldorf, fährt um 9 Uhr mit der Bahn aus seinem Heimatort Aachen los, nach vier Stunden Schnuppern geht es zurück mit der S-Bahn zum Düsseldorfer Hauptbahnhof, Umstieg Richtung Mönchengladbach, Weiterfahrt endet auf freier Strecke, Ankunft nach Mitternacht. Dabei war die Freude groß auf das Schnupperpraktikum in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Um auf keinen Fall zu spät zu kommen, „Dienstantritt“ 13 Uhr, fährt der Schüler früh los. Vorsichtshalber. Mit seinen jungen Jahren hat er schon eine beachtliche Zahl verspäteter Busse und Züge erlebt. Also sitzt er bereits um 9 Uhr im Bus zum Aachener Hauptbahnhof. Der Zug verspätet sich um wenige Minuten, aber der Anschlusszug ist trotzdem weg. Das beschert eine Dreiviertelstunde am HB Mönchengladbach. Aber durch den immensen Zeitpuffer erscheint er pünktlich. Praktikum war gut. Auf nach Hause. Man arbeite daran Whatsapp nutzt er normalerweise nur für Kurzinfos. Das läuft an diesem Spätnachmittag anders. Gegen 17.30 Uhr die Mitteilung, er sei leider erst nach 20 Uhr daheim. Kein Problem. Dann aber folgt die Info, es seien Blitze eingeschlagen, aktuell kein Strom auf der Oberleitung, Bäume auf dem Gleis, daher müsse der Zug mitten auf einem Feld zwischen Erkelenz und Herrath stehen bleiben. Es ist 20.22 Uhr. Er sendet die „Zuginfo NRW“: „Die Region Aachen Hbf ist aktuell beeinträchtigt. Bisher haben wir leider keine Informationen zur Dauer der Beeinträchtigung.“ Man arbeite an einer Reparatur der Oberleitung. In der Folge komme es zu Verspätungen und Teilausfällen. Kurzfristig könne es zu Änderungen im Zuglauf kommen. „Bitte prüfen Sie Ihre Reiseverbindung kurz vor der Abfahrt.“ Die Mutter ärgert sich. Wie sie, durch Dienstreisen selbst leidgeprüft, diese Floskeln satthat, müht sich aber, Zuversicht zu verbreiten. Wird schon werden. Zynisch denkt sie, schade, dass er sich schon auf seinen ersten kleinen „Dienstreisen“ an diesen Verspätung-Ausfall-Horror gewöhnen muss. Einer bucht „Die Odyssee“ Der Sohn schreibt: „Wir werden wahrscheinlich von einem Ersatzfahrzeug evakuiert.“ Huch, evakuiert?! Wer ist wir? Das sind ältere Menschen, Familien, ein indischer Student, der vornehm schweigt, dem aber das Unverständnis für die „German Trains“ ins Gesicht geschrieben ist. Ein chinesischer Student bucht Kinotickets für Christopher Nolans „Die Odyssee“. Irrfahrt, passt doch. Er grinst. Ein afrikanischer Büroangestellter leiht sich dankbar die Powerbank aus. Es ist heiß, etwa 30 Grad und dampfig, Getränkevorräte, falls überhaupt mit dabei, rationieren die Reisenden. Wer weiß, wie lange sie noch ausharren müssen. Kekse werden angeboten. In den Toiletten ist es dunkel, Wasser läuft nicht, die Schüssel ist voll. Der Handscanner fürs Waschbecken funktioniert nicht ohne Strom. Um 20.27 Uhr schreibt er dann: „Die Feuerwehr kommt uns jetzt abholen.“ Doch die Feuerwehr ist nicht da, Ersatzbusse sind nicht bereit. „Wir dürfen den Zug vorerst nicht verlassen, aber die Türen werden für frische Luft geöffnet.“ Ältere und Familien zuerst 40 Minuten später kommt die Feuerwehr. „Es wird jetzt ein Podest geholt, weil Kinder und ältere Menschen mit Rollator sonst nicht aus dem Zug kommen.“ Eine Frau kämpft mit Herzproblemen. Die Fahrgäste klettern über Leitern die Böschung runter. Helfer assistieren und tragen Gepäck. Alle stehen auf dem Feld. Das ist braun ausgedörrt. Sepia-Fotos aus einer anderen Zeit. Manche bleiben beim Gang über die Schienen stehen, um zu filmen und zu fotografieren, die Helfer versuchen, das zu unterbinden. Die Busse seien nun näher am Standort, wabert ein Gerücht. Daheim wird längst parallel recherchiert, in und über dem Aachener Talkessel tobt ein Gewitter. In Herrath stehe ein Bus parat und soll um 22 Uhr in Herzogenrath, einem kleinen Bahnhof nahe Aachen, eintreffen. Da wissen weder die Eltern noch der Sohn noch nicht, dass es dazu nicht kommen wird. Auf dem Feld stehen rund ein Dutzend Feuerwehrwagen, Polizei, ein Krankenwagen. Das Kind meldet beeindruckt: „Die Feuerwehr macht einen richtig guten Job.“ Ein Gewitter zieht auf. Die Wartenden werden in zwei Gruppen, Ältere und Familien zuerst, in einem Bus, dann von der Feuerwehr nach Erkelenz gefahren. Was wäre das zu Kleinkindzeiten ein Superabenteuer gewesen, so chauffiert zu werden. Uber-Gemeinschaften finden sich Mittlerweile ist es nach 22.30 Uhr. Ankunft am Bahnhof in Erkelenz. Die Anzeigentafel zeigt immer noch die planmäßige Ankunft des Zuges. Ansprechpartner sind nicht auffindbar. Busse fahren angeblich erst in zwei Stunden Richtung Aachen, will ein Reisender im Internet gelesen haben. So sie denn fahren. Mehr sei nicht „in Erfahrung“ zu bringen, der Sohn zeigt sich amüsiert, immerhin ist er dem Zielort ein kleines bisschen nähergerückt. Aber zwei Stunden an diesem Ort ausharren, und was, wenn kein Bus kommt? Wer es nicht weit hat, wird in Erkelenz von Verwandten aufgelesen. Eine Alleinreisende versucht, ein Hotelzimmer zu buchen, ihr Freund hat vergeblich auf sie am Aachener Hauptbahnhof gewartet, aber kein Auto, um sie abzuholen. Ihren Tatoo-Nachstechtermin hat sie abgesagt. Uber-Gemeinschaften finden sich hektisch zusammen, kleine Kinder zuerst, dazu sperrige Kinderwagen. Es ist kein Platz mehr in dem Kombi. Leider. Der Sohn wird mehrfach abgewiesen. Mit seinem Aussehen wirkt er studentisch, wenig schutzbedürftig und wird übergangen. Nach aufreibendem Hin und Her finden sich ein seriöser Mittfünfziger, eine Mutter mit zwei Kindern, die kein Deutsch und nur rudimentär Englisch spricht, ergattern ein Taxi, das sie über die Autobahn nach Aachen bringt. Macht 30 Euro für jeden. Der Taxifahrer fährt schnell. Sehr schnell. Die besorgten Eltern mögen keine Details wissen. Endlich Ankunft in Aachen, es ist nach Mitternacht. Stoff für „Mein schlimmstes Ferienerlebnis“. Die Mutter denkt darüber nach, zur Helikoptermutti zu mutieren und von vornherein als Elterntaxifahrerin einzuspringen. Das Kind hat sich durchgekämpft. Gut, dass es kein Mädchen ist.