FAZ 21.12.2025
14:15 Uhr

Haustierboom in China: Ein Kind? Lass uns lieber erst mal einen Hund anschaffen!


Hunde zu halten, war in China einst verpönt. Heute gibt es allein in Peking mehr als eine Million Haushunde – und immer weniger Kinder.

Haustierboom in China: Ein Kind? Lass uns lieber erst mal einen Hund anschaffen!

Kilua springt auf das kleine Stück Rasen, reißt den Kopf zurück und schaut, wo die anderen bleiben. Er schnüffelt an den Pappeln vor alten Fabrikgebäuden, findet einen heruntergefallenen Stock, wirft ihn seiner Besitzerin vor die Füße und blickt sie mit abgeklappten Ohren an. Dann wetzt der Border Collie weiter, über den Betonweg, den Parkplatz bis zum nächsten kleinen Flecken Grün auf dem alten Industriegelände in Peking. Border Collies sind Hütehunde, bekannt für ihre Ausdauer und Kraft. Sie brauchen also viel Auslauf. Nicht ganz einfach in der 23-Millionen-Stadt Peking. Meist herrscht hier Leinenzwang, und in fast allen städtischen Parks sind keine Hunde erlaubt. „Sieben Kilometer bin ich gefahren, um ihn hier laufen zu lassen“, sagt Shi Wenjing, Kiluas Besitzerin, und seufzt. „Es gibt einfach kaum Flächen, wo man Hunde ausführen kann.“ Kilua ist einer von mittlerweile 53 Millionen Hunden, die in China als Haustiere gehalten werden. Allein in Peking waren es schon 2009 eine Million, die letzte offiziell verfügbare Zahl für die Hauptstadt. Und es werden immer mehr. Hunde sind Weggefährten für die immer öfter alleinstehenden Chinesen. Und für die vielen Paare, die kinderlos bleiben. Letztes Jahr überstieg die Zahl der Haustiere in China erstmals die der Kinder unter vier Jahren. Vor allem junge, gebildete und urbane Chinesen aus der Mittelschicht halten Hunde. Allein in Chinas Städten leben heute mindestens 36 Millionen Hundebesitzer, heißt es in einem neuen Weißbuch der Behörden und der Haustierbranche. Shi Wenjing sagt, letztlich sei sie selbst schuld daran, dass sie einen Hund angeschafft hat. Und die sozialen Medien. Vor zwei Jahren habe ihr Freund sie gefragt, ob sie nicht ein Kind bekommen wollten. Sie sei noch nicht so weit, habe sie ihm geantwortet. „Lass uns erst mal schauen, ob wir einen Hund zusammen aufziehen können.“ Sie zeigte ihrem Freund ein paar der süßen Hundevideos, die in China millionenfach angeklickt werden. Ein Influencer führte vor, wie klug Border Collies sind. Pausenlos habe sich ihr Freund diese Videos angeschaut. „Wir sind also zu einem Züchter gegangen“, erzählt Shi. „Da lagen diese fünf Welpen im Käfig, und ich dachte nur: ,Lass uns bitte schnell wieder gehen.‘ Aber mein Freund kaufte einen.“ Bis 1993 war Hundehaltung in Peking verboten Shi Wenjing hat jetzt die Leine losgelassen. Kilua wälzt sich auf dem Rasen und scheuert seinen Rücken. „Er muss sich wirklich viel draußen bewegen“, sagt Shi. Der Hund ist weiß und hellbraun, hat ein hellblaues und ein braunes Auge und ist mit seinen zwei Jahren und 52 Zentimeter Größe ausgewachsen. Eigentlich darf man in Pekings Innenstadtbezirken nur Hunde halten, die kleiner sind als 35 Zentimeter. Aber wie das so ist in China: Die vielen strengen Regeln sind das eine, der Alltag ist das andere. Angemeldet haben sie Kilua in einem Pekinger Vorort, wo die Größe niemanden interessierte. „Erst wenn sich Anwohner oder Nachbarn beschweren, kommt die Polizei“, sagt Shi, „sonst nicht.“ Von 1983 bis 1993 war die Haltung von Hunden in der chinesischen Hauptstadt noch verboten. Damals betrieb die Pekinger Stadtverwaltung sogar ein „Büro für die Jagd auf Hunde“. Und auch noch 2014 wurden Haushunde in der staatlichen „Volkszeitung“ als ein selbstsüchtiger, aus dem Westen importierter Trend kritisiert. Das Zentralorgan der Kommunistischen Partei schimpfte, Hunde seien eine Plage für den „sozialen Frieden und die Harmonie“. Hundekot sei wie „Landminen“ auf den Straßen der Volksrepublik. „Die bloße Nachahmung westlicher Lebensstile ohne das Erlernen ihrer Haltungsmethoden birgt die Gefahr einer schlechten Imitation“, warnten die Autoren: Was China jetzt brauche, seien verantwortungsbewusste Hundehalter und bessere Regeln. Ältere Menschen haben wenig Verständnis für Hunde Heute ist alles reguliert. Auch in Peking müssen Hundebesitzer offiziell die Hinterlassenschaften ihrer Tiere mit einer Plastiktüte einsammeln. Kilua hat einen Barcode am Hals, mit eingebautem Ortungschip. Ihren Border Collie kann Shi Wenjing mit dem Handy verfolgen. Wenn Passanten den Barcode am Halsband scannen, dann haben sie ihre Telefonnummer und können sie kontaktieren. Beim Gassigehen in Peking habe sie aber noch nie ein Problem gehabt, sagt Shi. Das Ordnungsamt und die Polizei führen zwar ständig herum, achteten aber nur auf streunende Hunde, die dann eingefangen würden. Nur ältere Menschen schimpften manchmal, sagt Shi. „Sie haben oft wenig Verständnis für Hunde.“ Fünf Stunden täglich kümmert sie sich um ihren Hund. Das war schon so, als er noch ein Welpe war, denn ihr Freund war schon damals den ganzen Tag lang weg. Er arbeitet beim Technologiekonzern Xiaomi; sein Arbeitstag geht meist von sieben bis 23 Uhr. Mittlerweile sind die beiden getrennt. Der Hund ist bei ihr geblieben. Shi ist Mitte dreißig und Fachbereichskoordinatorin an einer großen Universität. Immerhin könne sie regelmäßig im Home­office arbeiten, sagt sie. Wenn sie ins Büro muss, engagiert sie manchmal einen Hundesitter. Auf ihre Anzeige im Internet hätten sich sofort 50 Menschen gemeldet, sagt Shi, vor allem Uniabsolventen wollten den Job. Dabei gibt es nur fünf Euro pro Spaziergang. Aber der Arbeitsmarkt ist eben, wie er ist. Die ehemalige Maschinenfabrik mit den Rasenstücken, auf denen Shi ihren Hund ausführt, ist heute ein Gelände für Start-ups und kleine Firmen. Hinter der Schranke liegt ein kleines Café, in dem sich Pekinger Hundebesitzer treffen. Die Betreiberin Chen Zixian sagt, eigentlich habe sie ihr Lokal nicht als Hundecafé geplant. Doch sie hat ihren eigenen Hund dann und wann zur Arbeit mitgenommen – und irgendwann taten es ihr ihre Gäste gleich. „Auf einmal ging mein Café viral in den sozialen Medien“, sagt Chen. Auf dem Tresen steht ein Korb mit Hundesnacks zu zwei Yuan, rund 25 Cent, im Regal liegt Hundespielzeug. An der Wand hängen Polaroid-Porträts ihrer tierischen Gäste, mit Datum und Namen: Buding, Beile und Zhizhi waren schon da, genauso Fluffy, Ruby und Pangpang sowie Dutzende weitere. Viele der Tiere tragen Hundepullover. Es ist schon kalt in Peking, aber mindestens so sehr wie um die Wärme geht es darum, dass die Kleidungsstücke an den Tieren ziemlich niedlich aussehen. Chen sagt: „Das ist neu hier, Hunde so zu vermenschlichen und zu verwöhnen.“ Die Cafébetreiberin erklärt Pekings Hundeboom mit den neuen Lebensverhältnissen. Die chinesische Mittelschicht wachse. Und Hunde lägen eben im Trend. „Es ist hier angesagt, wenn man einen hübschen und wertvollen Hund besitzt.“ In Peking sei ein Hund für manche ein Statussymbol – wie für andere eine teure Handtasche. Manche Tiere werden für umgerechnet mehrere Tausend Euro verkauft. „Einige kinderlose Chinesen halten sich sogar zwei bis drei Hunde gleichzeitig“, sagt Chen. „Und jeder weiß, was so ein Hund kostet.“ „Die jüngeren Generationen sehen eben Hunde als ihre Kinder“ Wer ihr Café besuche, erzählt sie, habe normalerweise kein Kind dabei. Chinas Geburtenrate ist auf ein Kind pro Frau gesunken. In Peking bekommen Frauen im Schnitt sogar nur noch 0,6 Kinder. 2,1 wären statistisch notwendig, um den gegenwärtigen Bevölkerungsstand zu halten. „Die jüngeren Generationen sehen eben Hunde als ihre Kinder“, sagt Chen. „Sie leben weit weg von ihren Eltern, bekommen keine Kinder oder wenn, dann sehr spät – aber sie brauchen einfach einen Partner im Leben.“ Die Statistik gibt ihr recht: Gut 67 Prozent aller Haustierbesitzer in China sind unter vierzig Jahre alt, heißt es in dem Weißbuch der Behörden und des Haustierbranchenverbands. Manchen werden die Tiere dann aber irgendwann wieder lästig. Und so gibt es in Peking nicht nur immer mehr Hunde – sondern auch immer mehr Tierheime. Tai da quan, „zu großer Hund“, heißt das nach eigener Auskunft größte Hundeheim der Region. Es liegt im Norden von Peking, gegenüber befindet sich ein Friedhof, daneben beginnen die ersten Felder. Vor dem Eingang stapeln sich Pakete mit gespendetem Hundefutter. Ein Mitarbeiter sperrt das Eisentor auf. Reihen von Käfiggassen tun sich auf. Hund für Hund verbreitet sich ein ohrenbetäubendes Kläffen bis in die hinteren Käfige. Insgesamt 2500 Hunde halten sie hier. Und der Mitarbeiter sagt, es werden immer mehr. Ihre Hunde haben sie im Tierheim grob nach Rassen aufgeteilt. Jeweils fünf Hunde bewohnen meist einen Käfig unter freiem Himmel. Sie haben hier Pudel, Golden Retriever, Labradore. Auch ein Schäferhund ist dabei. Schwanzwedelnd und kläffend reagieren die Käfig-Rudel auf jede kleine Aufmerksamkeit, die sie bekommen. Schmale Hundeköpfe zwängen sich aufgeregt durch die Gitterstäbe, sobald sich ihnen jemand nähert. Einst waren die Hunde oder ihre Eltern Haustiere. Dann wurden sie ausgesetzt, gefunden und hierher gebracht, gerettet von fürsorglichen Pekingern. Hundeschicksale. Der Mitarbeiter sagt, wahrscheinlich bleiben die Hunde für immer bei ihnen im Tierheim. Dass jemand einen der Hunde adoptiere, komme eher selten vor. Vor allem ist der Mann dafür zuständig, die Käfige sauber zu halten. Das läuft nach einem Kreislaufprinzip: Wenn die schweren Säcke mit Trockenfutter verfüttert sind, befüllen die Arbeiter sie wieder mit Hundekot und lehnen sie an die Gitter, bis sie voll sind. Tierheime sind Teil eines Teufelskreises Für 1000 ihrer 2500 Hunde erhielten sie gerade Unterhalt, erzählt ein Mitarbeiter, ein verwegen wirkender kleiner Mann mit schweren Stiefeln. Das Hundeheim lebt vor allem von Spenden. Spender zahlen meist umgerechnet 15 Euro monatlich für einen Hund. Dazu kommen die Pakete mit gespendetem Futter und die Einnahmen aus der nahe gelegenen Tierarztpraxis. „Meistens spenden Frauen“, sagt der Mann. „Aber leider hören viele nach wenigen Monaten schon wieder auf.“ Unablässig postet der Besitzer von Hundeheim und Tierarztpraxis Beiträge in den sozialen Medien. Neue Spender müssen motiviert, die Praxis beworben werden. Wang Jingtao empfängt im ersten Stock seiner Praxis. In den Gängen hängen rote Seidenwimpel mit goldener Schrift, auf denen sich Hundebesitzer bei den Tierärzten für die erfolgreiche Behandlung ihrer Lieben bedanken. Ganz so, wie es viele Angehörige auch in den chinesischen Krankenhäusern für Menschen machen. Am Tresen der Praxis warten drei Männer mit je einem kranken Hund auf dem Arm. Wang beschäftigt insgesamt 30 Angestellte. Leider seien die allermeisten Hundekäufer unerfahren und ohne Vorkenntnisse, sagt er. „Dass es uns überhaupt gibt, ist letztlich ein Symptom der neuen Lage.“ Die Zahl der ausgesetzten Haustiere nehme stetig zu, erklärt Wang. „Tierheime sind einfach Teil des Teufelskreises.“ Heute, sagt er, wolle er vor allem das Bewusstsein der Bevölkerung schärfen. „Ich rufe alle dazu auf: Kastriert eure Haustiere.“ Tierschutz wird vor allem für junge Chinesen immer wichtiger. Auch die Politik bekommt das mit. Auf dem Nationalen Volkskongress in Peking brachte ein Delegierter dieses Jahr ein neues Haustiergesetz ein: Zucht und Handel sollen reguliert und ein System zur Rettung von Streunern eingerichtet werden. Misshandlungen seien unter Strafe zu stellen. Begründung: „Die öffentliche Verurteilung des Missbrauchs von Katzen und Hunden ist verbreiteter und intensiver geworden.“ Bislang gibt es in der Volksrepublik China kein allgemeines Tierschutzgesetz. Dass der Staat jetzt stärker auf Haustiere achtet, hängt nicht nur mit ihrer Zahl, sondern auch mit dem entsprechenden Markt zusammen. Shi Wenjing gibt ungefähr 200 Euro im Monat für ihren Hund aus. Und wie alles in China ergeben die Dimensionen des Landes am Ende große Summen: Allein der Haustiermarkt für Hunde belief sich 2024 in China auf fast 20 Milliarden Euro. Dicht gefolgt vom Markt für Hauskatzen, deren Zahl seit der Corona-Pandemie die der Haustierhunde noch übersteigt. In diesem Jahr führte auch der staatliche Schnellzugbetreiber „aufgrund wachsender Nachfrage“ ein Pilotprojekt ein: Hunde und Katzen dürfen jetzt unter anderem auf der Strecke Peking–Shanghai in speziellen Abteilen mitgenommen werden. Hunde von der Liste der Nutztiere gestrichen In gewisser Weise ist Chinas neue Tierliebe auch eine Renaissance. Aufzeichnungen deuten darauf hin, dass die Oberschicht schon zur Zeit der Tang-Dynastie vor mehr als 1000 Jahren Pekinesen hielt. Die Hunderasse wird in Deutschland auch „Peking-Palasthund“ genannt. Das hat einen Grund: Zum Ende der letzten Dynastie Anfang des 20. Jahrhunderts soll Cixi, die als Kaiserinwitwe in die Geschichte eingegangene Nebenfrau des Kaisers Xianfeng, mehr als 1000 dieser Hunde in der Verbotenen Stadt gehalten haben. Ein zuständiger Minister beaufsichtigte die Haltung der verwöhnten Pekinesen. Nach der späteren Machtübernahme der Kommunisten war das vorbei. Hunde galten den Revolutionären als bourgeois, wenn sie nicht aus Not gleich auf dem Teller landeten. Vergangene Zeiten. Vor fünf Jahren hat Chinas Landwirtschaftsministerium Hunde von der Liste der Nutztiere und Geflügel gestrichen. Hunde hätten sich von traditionellen Nutztieren zu Haustieren entwickelt, hieß es zur Begründung aus der Regierung. Versehen mit einem Hinweis auf die Gepflogenheiten in anderen Ländern: Hunde gälten auch „international im Allgemeinen nicht als Nutztiere oder Geflügel“, hieß es. Hundefleisch wird in einzelnen Regionen Chinas zwar weiter verzehrt, der Konsum soll aber insgesamt abnehmen. Kiluas Besitzerin findet das gut, will über den Verzehr von Hundefleisch ansonsten aber nicht urteilen. „Hauptsache, ihm geht es gut“, sagt Shi Wenjing und zeigt auf ihren schwanzwedelnden Border Collie. Eigentlich rate sie jedem, der ihren Hund süß finde, sich auf keinen Fall einen eigenen anzuschaffen. Es koste einfach zu viel Zeit. „Aber Kilua gibt mir auch Struktur“, sagt sie. Und helfe gegen dunkle Gedanken, solche Dinge. Genauer will sie nicht werden. Stattdessen erzählt sie, woher der Name ihres Hundes kommt. Kilua ist der Held eines alten Manga-Comics aus Japan. Der Junge aus dieser Geschichte wurde als Kind misshandelt und brutalem Training ausgesetzt und schon mit zwölf Jahren als Attentäter eingesetzt. Er hat weiße Haare, ganz so wie ihr kleiner Hund. Vor allem aber verwandelt er sich in einer Mission mit einem anderen Kämpfer vom Auftragsmörder zu einem treuen Freund.