Nationale Geschichtsmuseen sind immer auch Orte nationaler Selbstfindung. Dass die alte Bundesrepublik mit ihrer fast ausschließlich negativ definierten Identität lange kein solches Museum besaß, war daher ebenso verständlich wie die Sorgen, die Helmut Kohl in den Achtzigerjahren mit seinem Wunsch hervorrief, gleich zwei solcher Museen zu schaffen. Nicht nur linke Intellektuelle fürchteten damals, das Haus der Geschichte in Bonn und das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin könnten einer neuen Monumentalisierung der Geschichte Vorschub leisten, gar zu Stätten nationaler Selbstbeweihräucherung werden. In Wahrheit atmete das Bonner Haus dann eher den bescheidenen Geist der Bonner Republik, und seinem Berliner Pendant wurde allenfalls vorgeworfen, dezidiert ausgewogen und daher langweilig zu sein. Doch Geschichte muss mit der Gegenwart gehen. Während die Sammlung des DHM noch auf Jahre zum Umbau geschlossen sein wird, ist das Haus der Geschichte nun vorangeschritten und hat sich zum ersten Mal seit seiner Eröffnung 1994 eine neue Dauerausstellung gegeben – innerhalb des vereinbarten Kosten- und Zeitrahmens, wie alle Beteiligten bei der Eröffnung am Montag hervorhoben. Dass ursprünglich Bundeskanzler Merz sprechen sollte, ehe die Geschichte ihn nach London rief und Kulturstaatsminister Weimer für ihn einsprang, unterstreicht die staatspolitische Bedeutung des Vorgangs. Es könnte denn auch schlechtere, weil langweiligere Zeiten geben, um ein neues Deutungsangebot zur deutschen Geschichte zu unterbreiten: Wenn die Zeichen nicht täuschen, wird der Konsens, der die Republik seit 1945 getragen hat – Wachstum, Einheit, Institutionen –, derzeit so radikal wie nie zuvor infrage gestellt. Was also hat das Haus der Geschichte jenen zu bieten, die sich angesichts solcher Herausforderungen der bundesdeutschen Vergangenheit versichern wollen? Der 9. November 1989 als Mittelpunkt Eine veränderte chronologische Gewichtung entspricht dem zeitgeschichtlichen Charakter des Museums. Die alte Ausstellung endete ursprünglich mit dem Mauerfall. Die jüngere Geschichte konnte bei Aktualisierungen lediglich angefügt werden, sodass die 35 Jahre seit 1990 zuletzt gerade einmal so viel Platz hatten wie die vier Jahre nach 1945. Zeitgeschichte jedoch ist, nach einer verbreiteten Definition des Historikers Hans Rothfels, die „Epoche der Mitlebenden“. Damit auch jüngere Besucher die Geschichte hier als Mitlebende erfahren können, wird der Zeit von 1990 bis 2025 nun ebenso viel Raum gegeben wie der Zeit von 1949 bis 1989. Dazu kommen zwei Schwerpunktkapitel, zur unmittelbaren Nachkriegszeit und zur Wende 1989/90, sowie ein letzter Raum zum „Heute“ mit wechselnden Exponaten, die – eine schöne Idee – Themen der Gegenwart vor historischem Hintergrund behandeln, aktuell zum Beispiel die Wehrpflichtdebatte. Auch inhaltlich erkennt man einige geglückte Neujustierungen. Migration spielt nun von Beginn an eine größere Rolle, wobei die Ausstellung Gastarbeiter und Flüchtlinge von ihren teils schwierigen Erfahrungen berichten lässt, ohne die Mehrheitsgesellschaft pauschal zu verurteilen. Die Räume zur Zeit der deutschen Teilung werden von einem roten Trennungsstreifen durchzogen, der es erlaubt, Entwicklungen in Ost und West direkt nebeneinanderzustellen. Als Mittelpunkt der Schau werden die Ereignisse des 9. November 1989 in einem riesigen runden Kino inszeniert – mit reichlich Pathos gewiss, aber das kann man sich beim glücklichsten Tag der Deutschen im 20. Jahrhundert vielleicht einmal erlauben. Wer möchte, kann in diesem „Gänsehautmoment“ (Ausstellungsdirektor Thorsten Smidt) auch ein Sinnstiftungsangebot sehen: Um diesen Augenblick der Eintracht dreht sich alles oder sollte es tun. Protestbewegungen als Modephänomen Vor allem aber bemüht sich die Ausstellung nach Kräften, die Besucher in ihren Bann zu ziehen. Gemäß dem allgemeinen Motto „Du bist Teil der Geschichte“ kann man die eigenen Umrisse auf historische Bilder projizieren, man kann sein Geburtsjahr angeben, um ein paar Fotos aus der entsprechenden Dekade aufleuchten zu sehen, oder herausfinden, wie häufig der eigene Name in Deutschland vorkommt. Stark zurückgefahren ist hingegen jede Interaktion, die einem auf Grundsätzlicheres ausgerichteten persönlichen Wissenstrieb folgt. Während man in der alten Ausstellung fast überall zwischen zahlreichen Videos und ausfahrbaren Schautafeln zur Vertiefung wählen konnte, muss man sich nun meist mit den knappen, in betont einfacher Sprache gehaltenen Übersichtstafeln und Objektbeschreibungen begnügen. Dass die Anzahl der Objekte um die Hälfte reduziert wurde, tut sein Übriges. Damit erhält die Ausstellung auch eine inhaltliche Schlagseite. Eine Stärke ihres Vorgängers lag darin, über die Alltags- in die Politikgeschichte einzuführen. Nun aber wird der Alltag so stark betont, dass die große Politik darin fast gar nicht mehr vorkommt. Natürlich ist es eine Gaudi, Platten der Sechziger zu hören, durch eine Schaufensterlandschaft der Siebziger zu spazieren oder das – womöglich eigene – Kinderzimmer der Neunziger zu entdecken. Wenn man aber die zahlreichen Protestplakate der Siebziger und Achtziger sieht, hätte man schon gerne gelernt, wogegen sich die Proteste im Einzelnen denn eigentlich richteten (NATO-Doppelbeschluss) oder wie sie in Politik mündeten (sozialliberale Gesellschaftsreformen). So erscheinen sie als Modephänomen. Während rund 90 Einzelschicksale einfacher Leute zur Identifikation einladen, erfährt man über die prägenden Politiker der Bundesrepublik so gut wie gar nichts. Mit seinem Mercedes 300 ist auch Adenauer selbst aus der Ausstellung fast vollständig verschwunden. Der Regierungswechsel von 1982 wird nicht einmal erwähnt, sodass sich manch ein Besucher wundern mag, wenn im Abschnitt zur deutschen Einheit auf einmal Kohls Strickjacke auftaucht. Angela Merkel hat man immerhin eine eigene Vitrine gewidmet – doch statt „Wir schaffen das“ und „Merkel muss weg“ sind darin Deutschland-Kette, Rautenhände und ein Weltmeisterfoto von 2014 zu sehen. Fehlte den Ausstellungsmachern der Mut? Liegt diese veränderte Schwerpunktsetzung nur daran, dass man meint, den heutigen Besuchern politikgeschichtliches Wissen nicht einmal mehr als Zusatzangebot zumuten zu können? Oder spricht daraus auch der Wunsch, Kontroversen aus dem Weg zu gehen? Vor allem im Abschnitt nach 1990 fällt auf, dass einiges, was die Gesellschaft derzeit spaltet, gar nicht erst behandelt wird. Der Gegensatz zwischen Ost und West ist mit einem Schaukasten zur Treuhand gleich nach der Wende scheinbar aufgehoben. Im Raum zur Flüchtlingskrise heißt es nur, „Probleme bei Unterbringung und Integration“ hätten die anfangs freundliche Stimmung in Deutschland „kippen“ lassen und „populistischen Kräften“ Auftrieb gegeben. Und während sozialen Bewegungen bis hin zu Fridays for Future viel Raum eingeräumt wird, kommen PEGIDA und andere neuere Proteste von rechts überhaupt nicht vor. Die AfD – seit vielen Jahren Gesprächsthema Nummer eins im politischen Deutschland – ist gerade einmal mit drei Flyern vertreten. Womöglich fehlte den Ausstellungsmachern also auch der Mut, das, was in der Gesellschaft kontrovers diskutiert wurde und wird, auch als kontrovers zu präsentieren. Der Alltag wird dann zum kleinsten gemeinsamen Nenner der deutschen Geschichte, zum Lagerfeuer, um das wir uns gerade noch so versammeln können. So sinnvoll solche Orte auch sind – hat ein republikanisches Museum seinen Auftrag damit erfüllt? Vertrauen in die Institutionen, die in der Ausstellung nur am Rande vorkommen, lernt man dadurch jedenfalls ebenso wenig wie demokratischen Streit und persönliche Meinungsbildung. So konnte es einen nur wundern, dass Kulturstaatsminister Weimer in seiner Eröffnungsrede davon sprach, in der neuen Dauerausstellung bekomme die deutsche Geschichte „Körperlichkeit und Seele“, ja es werde in ihr dem „Faustisch-Ewigen an uns Deutschen“ Genüge getan. Wer in dieser Ausstellung die bundesdeutsche Seele findet, fände sie vermutlich auch in einem Freizeitpark.
