Wie ein grünes Band ziehen sich die Berghänge die türkische Schwarzmeerküste entlang: Hier werden seit Jahrtausenden Haselnüsse angebaut. Ordu, Samsun, Giresun und Trabzon heißen die nordanatolischen Provinzen, in denen die meisten Nüsse geerntet werden. Je nach Jahr und Ernte liefert die Türkei zwischen 60 und 75 Prozent der gesamten weltweiten Produktion – auch an die großen internationalen Süßwarenhersteller. „Sie sind einfach in unserer DNA“, sagt Ozan Akkoyun. „In der Türkei essen wir ständig Haselnüsse, schon als Kinder.“ Akkoyun wohnt zwar seit neun Jahren in Deutschland. Aber Nüsse isst der vegan lebende Designer immer noch gerne. Sie gelten dank des hohen Anteils an einfach ungesättigten Fettsäuren, Vitamin E und den vielen Ballaststoffen als gesunder Snack – wenn sie möglichst naturbelassen verarbeitet werden, ohne raffinierten Zucker, Palmöl oder andere Zusatzstoffe. Wie bei der Marke Cravers, die Ozan Akkoyun mit seinen Geschäftspartnern Arda Askin und Ersoy Kiraz während der Pandemie gegründet hat. Sie verkaufen reines Haselnussmus, Haselnuss-Schoko-Creme, Energiekugeln und Tafelschokolade, alles vegan. Was gute Haselnüsse wirklich ausmacht Der Markenname stammt vom englischen Verb „to crave“, nach etwas lechzen. Die Botschaft: Die Produkte sind so gut und gesund, dass man jederzeit seinen Gelüsten nachgeben darf. „Wenn ich mir die Waren in den Supermarktregalen anschaue, mit ihren langen Listen von Inhaltsstoffen, verdirbt mir das den Appetit“, sagt Akkoyun. „Wir versuchen, diese ganzen seltsamen Zutaten zu vermeiden. Unsere Produkte bestehen aus nur einem Inhaltsstoff, aus drei oder fünf. Ganz einfache Rezepturen, wie selbstgemacht.“ Tombul heißt die Haselnuss-Sorte, die sie bei Cravers verwenden. Sie ist begehrt wegen ihres hohen Fettgehalts und ihres leicht süßlichen Aromas. „Wir sind mittlerweile Haselnuss-Nerds“, erzählt Ozan Akkoyun. Seine Partner und er hätten Nüsse aus allen möglichen Regionen probiert, aus der Türkei natürlich, aber auch aus Italien, Bulgarien oder dem amerikanischen Bundesstaat Oregon – immer auf der Suche nach der besten Sorte. Am Ende landeten sie bei den Erzeugnissen aus der Region Giresun im östlichen Teil der Schwarzmeerküste. Sie arbeiten mit einem örtlichen Familienbetrieb zusammen, geleitet von vier Schwestern, die auch Teilhaberinnen von Cravers sind. Die Schwestern beziehen die Nüsse von Bauern und verarbeiten sie am Ort zu Mus und Nuss-Schoko-Creme. Die Energiekugeln und die Schokoladen lässt Cravers in Istanbul herstellen. Vor allem bei der Röstung haben sie viel ausprobiert: Ähnlich wie beim Kaffee erzeugt eine intensive Röstung eine dunklere Farbe und mehr Bitterstoffe. Sie lassen die Nüsse sanft und trocken rösten, deswegen ist das Mus vergleichsweise hell und bewahrt das süßliche Aroma. Erhältlich sind die Produkte online und in Geschäften in den USA, in Mitteleuropa, in der Türkei und in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auf der Suche nach dem Sweet-Spot Während Ozan Akkoyun in Berlin lebt und dort mit seiner Partnerin Yagmur Ruzgar auch das Grafik- und Möbeldesignstudio Pale Works betreibt, wohnen die beiden anderen Cravers-Gründer in Istanbul. Arda Askin und Ozan Akkoyun kennen sich noch aus Schulzeiten, Ersoy Kiraz war mit einem anderen Unternehmen Kunde bei Pale Works. Die drei teilen sich die Aufgaben, Akkoyun verantwortet unter anderem das Branding. „Wir positionieren Cravers als Brückenmarke: zwischen gesunden, aber langweiligen Produkten wie Brokkoli und leckeren, aber ungesunden Sachen wie Nutella. Und treffen damit genau den Sweet Spot.“ Als Antwort auf den Hype um die Dubai-Schokolade haben sie den „Crave Chocolate Bar“ auf den Markt gebracht. Für die Hülle verwenden sie belgische Schokolade, in der Füllung steckt wie bei der Dubai-Schokolade das knusprige Kadayif, dazu Haselnuss-Mus und Datteln für die Süße. Das Ganze ist so reichhaltig, dass wenige Stücke reichen, um etwaige Gelüste zu besänftigen. Für eine kleine Marke wie Cravers ist es nicht einfach, sich gegen die große Konkurrenz auf dem Lebensmittelmarkt zu behaupten. „Ich bin nicht naiv: Wenn das Produkt nicht gut schmeckt, interessiert sich kein Mensch für deine Werte, deinen Lifestyle oder die Story hinter der Marke“, sagt Akkoyun. Im Moment sind die drei aber noch mit anderen Schwierigkeiten konfrontiert: Die diesjährige Haselnussernte in der Türkei fiel schlecht aus, späte Fröste vernichteten bis zu 70 Prozent der Ernte. Für Experten eine Folge des Klimawandels, der durch steigende Temperaturen zu immer früherer Blüte führt. Zugleich kann es noch spät zu starken Frösten kommen. Noch sind die Lagerbestände nicht aufgebraucht. Aber im kommenden Jahr ist zu erwarten, dass viele Hersteller von Haselnussprodukten ihre Preise erhöhen oder die Packungen verkleinern werden. Auch Ozan Akkoyun rechnet damit: „Wir setzen keine künstlichen Aromastoffe oder raffinierten Zucker ein, um schlechte Qualität zu verstecken. Wenn man wie wir 70, 80 oder 100 Prozent Premium-Haselnüsse in einem Produkt verwendet, hat das Auswirkungen auf die Preisgestaltung.“
