FAZ 28.01.2026
10:24 Uhr

Harvard-Professor berichtet: Amerikanische Juden fühlen sich von ihrem Land verraten


Derek Penslar leitete in Harvard die Taskforce gegen Antisemitismus auf dem Campus. Wie er die Lage der amerikanischen Juden sieht, erklärte er in einem Vortrag in Köln und im Gespräch mit Dan Diner.

Harvard-Professor berichtet: Amerikanische Juden fühlen sich von ihrem Land verraten

Unter Studenten in den Vereinigten Staaten sind Umfragen zufolge Antisemitismus und Antizionismus weniger verbreitet als in der Gesamtbevölkerung. Warum haben antiisraelische Studentenproteste trotzdem sehr viele amerikanische Juden so sehr erschüttert, dass der Protest gegen die Proteste der Trump-Regierung den Vorwand für ih­ren Angriff auf die Unabhängigkeit der Universitäten lieferte? Das war die Ausgangsfrage des Kölner Vortrags von Derek Penslar über die Lage der amerikanischen Juden nach dem 7. Oktober 2023. Der Professor für jüdische Geschichte und Direktor des Zentrums für jüdische Studien in Harvard leitete die vom Präsidenten seiner Universität eingesetzte Taskforce zur Bekämpfung von Antisemitismus und antiisraelischer Parteilichkeit, die im April 2025 einen 311 Seiten starken Bericht vorlegte. Penslar ist derzeit Fellow der American Academy in Berlin und sprach in Köln bei der Fritz Thyssen Stiftung unter dem Titel „Verrat und Versprechen“. Die Juden fühlen sich von den Vereinigten Staaten verraten, weil sie an das Versprechen des Landes geglaubt haben. Diesen dramatischen Befund un­termauerte Penslar mit den trockensten Belegen, demographischen Da­ten. Die subjektive Lageeinschätzung machte der Vortrag aus objektiven Bedingungen verständlich. Demnach erklärt sich die Verstörung über das, was als Indifferenz der nichtjüdischen Öffentlichkeit gegenüber den Massenmorden der Hamas empfunden wurde, nicht als Schockreaktion in dem Sinne, dass die Juden nun plötzlich ein Gefühl der Fremdheit im eigenen Land überkommen hätte. Vielmehr hatten sie laut Penslar schon seit der Jahrtausendwende Grund, ihre Position für gefährdet zu halten, im Zuge der Veränderung der Vereinigten Staaten durch fortschreitende Einwanderung, insbesondere aus Asien. Das Bündnis mit Frauen und Schwarzen Penslar konnte die von ihm vorgetragene Geschichte an den Zulassungszahlen seiner Universität ablesen, auch wenn sie nicht mehr offiziell erhoben werden. Die Abschaffung der Quoten, die den jüdischen Studentenanteil im Interesse der christlich-weißen Oberschicht gedeckelt hatten, war Sinnbild und Unterpfand erfolgreicher Integration. 1952 waren ein Viertel der Studenten in Harvard Juden. Die Zulassung von Frauen und die Fördermaßnahmen für Schwarze gefährdeten ihre Stellung nicht, wurden im Gegenteil im Bündnis mit ihnen errungen. Penslar wiederholte die Summenformel des Versprechens der Bildungsexpansion: Die steigende Flut riss alle Boote in die Höhe. Heute liegt der Anteil jüdischer Studenten in Harvard nur noch bei geschätzten acht Prozent. Dieser Rückgang erklärt, dass jüdische Eltern ihre Kinder auf dem Campus für gefährdet halten, wo das gesamte Sozialleben per definitionem integriert ist und Opfer von Mikroaggressionen sich nicht ins Private zurückziehen können, ist aber kein Ergebnis von Diskriminierung. Das Verspre­chen der Integration ist sozusagen an die Grenzen des Wachstums gestoßen. Die amerikanischen Juden, stellte Penslar fest, sind heute eben nur noch die ökonomisch zweiterfolgreichste religiöse Gruppe – nach den Hindus. Man konnte dem Vortrag ein Plädoyer für eine Assimilation neuen Stils entnehmen: Zwangsläufig werden sich die Juden der Vereinigten Staaten mit ihrem gesunkenen Gewicht arrangieren müssen. Als äußerst bedenklich bewertete Penslar, dass die Juden in dieser Lage auf Verbündete angewiesen sind – und just heute die Polarisierung der Meinungen in der Frage von Israel und Palästina das alte Modell der „horizontalen Allianzen“ mit anderen Minderheiten gefährdet. Kein gutes Zeichen sieht Penslar darin, dass jüdische Bürgerrechtsorganisationen den New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani wegen Antisemitismusverdachts unter Beobachtung gestellt haben. Undenkbar scheint ein tyrannischer Schutzherr nicht mehr Als Gesprächspartner für den zweiten Teil des Abends hatten die Veranstalter Dan Diner gewonnen. Penslar hatte im Vortrag die Verbundenheit der großen Mehrheit der amerikanischen Juden mit Israel als gegeben behandelt, als nicht näher erläuterungsbedürftige Grundvoraussetzung seines Themas. Obwohl die Geschichte Israels und des Zionismus Penslars akademisches Hauptarbeitsgebiet ist, sprach er die Frage nicht an, ob Veränderungen der israelischen Politik auf die Einstellung der amerikanischen Juden zu den Vereinigten Staaten zurückwirken. Hier hakte Diner ein: Welche Identifikationsmöglichkeiten bleiben den amerikanischen Juden, wenn die israelische Regierung ihre Verbündeten in der Welt bei den rechtsautoritären Kräften sucht? Einen jüdischen Trumpismus als zahlenmäßig erhebliche Strömung sieht Penslar noch nicht. Gleichwohl stellte er die Denkbarkeit einer welthistorischen Wendung in den Raum. Die amerikanischen Juden suchten bislang keine „vertikalen Allianzen“, waren froh, den Verhältnissen entkommen zu sein, in denen die Juden Europas Sicherheit im Status des „Hof-“ oder „Schutzjuden“ suchten. Undenkbar scheint ein tyrannischer Schutzherr der Juden auf amerikanischem Boden heute nicht mehr – so sehr hat sich die Lage verändert. Noch nie, sagte Penslar, habe es in der Geschichte des amerikanischen Judentum jemanden wie Stephen Miller gegeben, der mächtiger sei als jeder Finanzminister. Diner ergänzte die Gedächtnisfigur zu dieser Funktionsbe­schreibung: Miller ist Trumps Rasputin.