In Givatajim, einem Vorort Tel Avivs, ist es sonntags vor Sonnenaufgang besonders ruhig. An einem Sonntag vor wenigen Wochen allerdings haben zwölf Polizisten die Ruhe erheblich gestört. Ein paar trugen blaue Uniformen, andere waren maskiert und trugen die militärähnliche Ausrüstung der jüngst gebildeten Nationalgarde. Sie jagten keinen Mafia-Paten, auch keinen Terroristen in Givatajim. Sie waren auf der Suche nach einem jungen Mann, einem, der in den Augen der politischen Führung Israels das falsche Fußballtrikot getragen hatte und damit eine Ideologie zum Ausdruck gebracht hatte, die ihr missfällt. Augenzeugen und Familienmitglieder berichten, dass es den Beamten um kalkulierte Einschüchterung ging. „Meine Frau stand zitternd im Wohnzimmer“, erzählte ein Vater der in Gewahrsam genommenen Fußballfans. „Sie kamen maskiert, blockierten den Eingang und haben die Zimmer auf links gedreht. Sie haben sogar die Pflanzen aus den Kübeln geholt. Als sie nichts gefunden haben, haben sie gelacht und gesagt: ‚Die Putzfrau kommt gleich.‘“ Itamar Ben-Gvir gegen Hapoel Tel Aviv Zwanzig Anhänger von Hapoel Tel Aviv wurden verhaftet an jenem Sonntag. Es ist der bisherige Höhepunkt einer Kampagne, die auf den Tribünen begann und inzwischen die Schlafzimmer erreicht hat. Itamar Ben-Gvir, Israels rechtsradikaler, für nationale Sicherheit zuständiger Minister, hat eine neue „strategische Bedrohung“ ausgemacht: säkulare, liberale Fans von Hapoel Tel Aviv, einem Verein mit einer politisch linken Tradition. Hapoel Tel Aviv ist mehr als ein Verein, es ist eine Hochburg der israelischen Arbeiterbewegung. Auf Fahnen der Fans sind nach wie vor Hammer und Sichel zu sehen. Vor allem aber teilen die meisten Fans eine nicht religiöse, egalitäre Weltsicht. Eine Weltsicht, die für den Extremisten Ben-Gvir für das „alte Israel“ steht. Er sieht es als seine Mission an, dieses Israel zu unterdrücken. Seine Kampagne hat dystopische Qualität. 24 Stunden vor den Razzien wurde Fans der Eintritt ins Bloomfield-Stadion verwehrt, weil sie die „falschen“ T-Shirts trugen. Abgebildet waren durchgekreuzte Symbole der Polizei und rechtsradikaler Bewegungen. Die Polizei vollzog ein Modetribunal: Sie entschied, welche politischen Äußerungen zulässig waren und welche einen Ausschluss vom öffentlichen Leben nach sich zogen. „Es ging nicht um Sicherheit, es ging um Erniedrigung“ „Mir wurde gesagt, ich könne wegen der Zeichnung auf meinem T-Shirt nicht ins Stadion“, sagte Netta Yaron, ein Fan. „Die Beamten haben Besucher, auch Minderjährige, gezwungen, ihre Sweatshirts hochzuziehen, um zu zeigen, was sie darunter trugen. Sie haben nach Symbolen wie nach Knallkörpern gesucht. Es ging nicht um Sicherheit, es ging um Erniedrigung.“ Das Zeitalter der „maximalen Spannung“ bekam am deutlichsten ein Sicherheitsmann zu spüren. Kaiss Haddad, 21 Jahre alt, aus Beit Hanina in Ostjerusalem, stammt aus einer Familie, in der viele im Sicherheitsgewerbe arbeiten. Am 8. Dezember stand er an Tor 19 des Teddy-Kollek-Stadions, wo das Jerusalemer Derby stattfinden sollte. Beamte in Zivil drängten sich an der Sicherheitskontrolle vorbei. „Ich habe gesagt: ‚Langsam, Freunde‘, während ich die Menge kontrollierte“, sagte Haddad in einem Telefonat aus seinem Haus, wo er im Dunkeln saß und hoffte, die schwere Gehirnerschütterung möge schnell abklingen. „Dann sagte einer von denen: ‚Was glaubst du denn, wer du bist, dass du uns kontrollieren willst?‘ Er soll auch gesagt haben: ‚Ein Araber hat mich nicht zu kontrollieren.‘“ Etwa 13 uniformierte Beamte, sagt Kaiss Haddad, seien aufgetaucht und hätten seine Hände gefesselt, so eng, dass er noch Narben sehe. Er sei abgeführt worden, hinter eine Sichtschutzwand. „Einer nahm meinen Kopf und schlug ihn auf sein Knie.“ Er sei zusammengeschlagen worden. „Ihre Hände waren voll Blut. Ich lag am Boden und bekam keine Luft. Ein paar Minuten war ich bewusstlos.“ Er verlangte schließlich nach einem Krankenwagen. Die Beamten hätten gesagt: „Den Krankenwagen kriegst du im Gefängnis.“ Als die Stadionverantwortlichen auftauchten, konnte Haddad die Sanitäter aufsuchen. „Spiele sind praktisch fast ‚Schlachtfelder‘ geworden“ Die Polizei gab anschließend folgende Stellungnahme ab: „Ein Steward vor Ort stieß mit Beamten zusammen. Alle Behauptungen bezüglich des Verhaltens der Beamten sollten an die zuständigen Behörden gerichtet werden.“ In dieser Woche zeichneten Staatsanwaltschaft und israelische Polizei ein gänzlich anderes Bild der Gesamtlage. Vor dem Obersten Gerichtshof argumentierten sie, es gehe bei der Strategie nicht um die Verfolgung politisch Andersdenkender, sondern um notwendige Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung angesichts eines nie da gewesenen Anstiegs von Gewalt im Sportkontext. Zentraler Beleg für die These sei das Derby in Tel Aviv, das für den 19. Oktober geplant war. Der Polizei zufolge begann die Gewalt Stunden vor Anpfiff und setzte sich im Stadion fort. Es habe 29 Verletzte und 40 Festnahmen gegeben. Der diensthabende Polizeichef, Generalmajor Chaim Sargrof, habe sich für den radikalen Schritt einer Absage entscheiden müssen angesichts des Chaos. „Spiele sind praktisch fast ‚Schlachtfelder‘ geworden“, gab Sargrof in einer Stellungnahme gegenüber dem Gericht zu Protokoll. Inzwischen lagerten die Fans nicht nur Böller und Pyrofackeln, sondern Steine, Holzplanken und Eisenstangen, um rivalisierende Fangruppen und Polizisten anzugreifen. 24 Ultras von Hapoel Tel Aviv seien derzeit wegen ernster Vergehen angeklagt. Der T-Shirt-Bann der Polizei steht in diesem Zusammenhang. T-Shirts mit unliebsamem Aufdruck sind Benzin auf die Flammen. Die Fans verbreiteten Hassbotschaften, Polizisten sei es unmöglich, im Stadion einzuschreiten, ohne sich koordinierten Angriffen auszusetzen. „Zwischen einer erhitzten Atmosphäre und ernsthafter Gewalt ist kaum noch Raum“, warnt der Staat. Allerdings werfen viele den Behörden vor, mit zweierlei Maß zu messen. Während Hapoel-Fans vor Sonnenaufgang verhaftet werden, schwenken rechtsextreme Fans von Beitar Jerusalem Flaggen der „Kahane Chai“, einer als Terrorgruppe eingestuften Organisation. Verhaftet wurde keiner von ihnen. Die Polizei wiederum argumentiert, die T-Shirt-Träger solidarisierten sich mit den wegen Gewaltdelikten beim Derby verhafteten Fans, es sei eine angemessene Maßnahme, Einzelnen den Zutritt zu verwehren, anstatt das ganze Stadion zu schließen. Regierungskritiker sehen das anders. Es gehe Ben-Gvirs Ministerium um „Ideologie-Screenings“. Es gehe um Abschreckung, darum, die Kosten eines Protests derart in die Höhe zu treiben, dass säkulare Israelis schlicht zu Hause bleiben. Der Staat schaffe sich mit Fußballfans, die als „strategische Bedrohung“ und „nicht normative Kriminelle“ markiert werden, eine Blaupause für die Ruhigstellung jedweder Gruppe, die eine andere Vorstellung vom Land habe. Stichtag 4. Januar für eine vollständige Antwort des Staates Der Oberste Gerichtshof verhandelte die Angelegenheit in einer Dringlichkeitssitzung auf Grundlage einer Eingabe der Vereinigung für Bürgerrechte und von Privatpersonen am 18. Dezember. Die Staatsanwaltschaft bat das Gericht um einen Aufschub von zwei Wochen, damit eine „eingehende Überprüfung“ der eigenen Strategie angesichts der „schwerwiegenden Fragen“ um die Meinungsfreiheit stattfinden könne. Für den kommenden Spieltag (Hapoel spielt an diesem Donnerstag, 19.30 Uhr, bei Beitar Jerusalem) allerdings solle das T-Shirt-Verbot bestehen bleiben, da es ansonsten zu „erheblichen Verletzungen der öffentlichen Ordnung“ komme. Das Gericht – zwei Richterinnen, ein Richter – war anderer Auffassung und erließ eine einstweilige Verfügung: Der Polizei wurde verboten, Fans mit Protest-T-Shirts den Eintritt zu verwehren. Zudem muss der Staat darlegen, warum die Polizei nicht dauerhaft davon absehen sollte, Fans mit kritischen oder protestierenden Botschaften den Eintritt zu verwehren. Bis zum 4. Januar muss eine vollständige Antwort des Staates vorliegen. Die einstweilige Verfügung wurde nicht nur von Hapoel-Fans begrüßt; der liberale Teil Israels atmete auf. Die Botschaft des Gerichts ist klar: Das Stadion ist kein Rechtsvakuum, in dem Grundrechte am Drehkreuz hängen bleiben. Die Fans von Hapoel sind zum „Kanarienvogel im Schacht“ der israelischen Demokratie geworden. Zwei Tage nach der Gerichtsentscheidung trugen Tausende Hapoel-Fans beim Spiel gegen Maccabi Bnei Reineh die T-Shirts mit den Botschaften, für die sie in der Woche zuvor noch abgewiesen worden waren. Jedes einzelne T-Shirt brachte den „hohen Rang der Meinungsfreiheit auch bei Sportveranstaltungen“ zum Ausdruck, den die Richterinnen und Richter zuvor in ihrer Verfügung erwähnt hatten. Minister Ben-Gvir behauptete, Hapoel-Fans hätten der „Polizei den Holocaust“ gewünscht in Sprechchören und ihm selbst „den Tod“. Der Oberste Gerichtshof habe „im Grunde das Blut der Beamten aufgegeben, die dieses Land beschützen“, aber er werde „jede Handlung gegen anarchistische Gesetzlose unterstützen, die diese Nation zerstören“. Das Schweigen des Vereins sei „ohrenbetäubend“. Hapoel Tel Aviv antwortete: „Die israelische Polizei ist nicht unser Feind, wir verurteilen jede Form von Gewalt, gegen die Polizei und im Allgemeinen. Heute hat jeder die positive Stimmung im Bloomfield-Stadion genossen. Jeder, der auf Hapoels Rücken Politik macht und den Klub als Unterstützer von Gewalt darstellt, ist ein wahrer Brandstifter und Feuerteufel. Wir konzentrieren uns auf Fußball.“ Der Macht den Spiegel vorzuhalten, ist das Gefährlichste, was ein israelischer Bürger derzeit tun kann. Einstweilen hat der Oberste Gerichtshof sichergestellt, dass er das weiterhin mit einem T-Shirt tun darf. Der Kampf um das Stadion und die Ausrichtung des Staats Israel ist allerdings längst nicht vorbei. Tal Gvili, die Mutter eines von Hamas-Terroristen am 7. Oktober getöteten Polizisten, dessen Leichnam verschleppt und weiterhin in deren Hand ist, hat der Auseinandersetzung inzwischen eine emotionale Ebene hinzugefügt. „Ich schäme mich für dieses T-Shirt“, richtete sie sich an die Hapoel-Fans und forderte sie auf, es nicht mehr zu tragen, ganz gleich was der Oberste Gerichtshof geurteilt habe. Sportminister Miki Zohar aus Benjamin Netanjahus Likud-Partei fügte hinzu, das Tragen der T-Shirts sei ein „schwerer Fehler“, der „die Gefallenen entehre“. Zum Pokalspiel gegen Aschdod am 25. Dezember trugen abermals Tausende Fans die T-Shirts. Nennenswerte Zwischenfälle gab es nicht. Aus dem Englischen übersetzt von Christoph Becker
