FAZ 18.09.2026
14:39 Uhr

Hannover: Arzt nach Mordvorwürfen freigesprochen


Einem Arzt in Hannover wurden Mord und versuchter Mord an seinen Patientinnen vorgeworfen. Jetzt sprach die Kammer ihn frei. Strafbares Handeln habe „in keiner Weise“ festgestellt werden können.

Hannover: Arzt nach Mordvorwürfen freigesprochen

Ein wegen angeblicher Tötungsdelikte beschuldigter Arzt der Medizinischen Hochschule Hannover ist vom Landgericht Hannover freigesprochen worden. Strafbares Handeln habe „in keiner Weise“ festgestellt werden können, sagte die Vorsitzende Richterin der Kammer, Britta Schlingmann, zur Urteilsbegründung. Der 49 Jahre alte Mediziner sei „ein Arzt, der ausschließlich zum Wohl seiner Patienten handelt“. Auch solle er für seine Zeit in Untersuchungshaft entschädigt werden. Zuvor hatten sowohl Anklagevertreter als auch Verteidiger einen Freispruch gefordert. Die Lage sei „sicherlich extrem belastend für Sie und Ihre Familie“ gewesen, sagte die Richterin in Richtung des Freigesprochenen. Es gebe keinen Zweifel daran, dass es dem 49-Jährigen darum gegangen sei, Patienten an ihrem Lebensende zu begleiten, damit sie nicht leiden müssten. „Genau die richtige Maßnahme“ Angeklagt war der Arzt wegen Mordes und versuchten Mordes. Er soll laut Anklage im Mai 2019 als Notarzt zu einer 82-Jährigen gerufen worden sein und versucht haben, sie mit Medikamenten zu töten. In den anderen Fällen ging es um Patienten, die auf der Intensivstation behandelt wurden – einen 20-Jährigen, der im Juni 2020 starb, außerdem einen 71-Jährigen, der im März 2025 starb. Der Arzt soll die Therapien der Patienten abgebrochen und sie mit Medikamenten getötet haben. Nach Überzeugung des Gerichts ging es bei dem Einsatz als Notarzt bei der 82-Jährigen nur noch um die Frage, wie ihr Leid gelindert werden kann. Der Seniorin ging es schlecht, sie hatte starke Schmerzen und schrie unablässig. Der 49-Jährige spritzte ihr starke Medikamente in hoher Dosis, darunter Fentanyl, schließlich schlief sie ein und starb Stunden später – als das Fentanyl nach den Worten der Richterin schon keine Wirkung mehr hat. „Genau die richtige Maßnahme im richtigen Moment“, sagte Schlingmann. Der 20-Jährige sei schwer krank gewesen, er habe Leukämie gehabt und eine Stammzellentransplantation erhalten, sein Körper aber habe die Zellen bekämpft, schilderte die Richterin. Lähmungen seien die Folge gewesen, schließlich habe er nicht mehr selbstständig atmen können. Der junge Mann habe gekämpft, schließlich aber seinen Lebensmut verloren – was auch dokumentiert sei. „Völlig monströser Vorwurf“ Der Arzt habe ihm Medikamente geben, damit er nach Abstellen der Beatmungsgeräte friedlich einschlafen konnte. Sie betont: „Es gab nach unserer Überzeugung keine Alternative.“ Ebenso im Fall des 71-Jährigen, dem der Erstickungstod drohte. Der 49-Jährige selbst hatte im Prozess alle Vorwürfe zurückgewiesen: Über die Mordanklage sagte er, es sei ein „völlig monströser Vorwurf“. Es sei seine Pflicht, schwerstkranken Patienten ein Sterben ohne Luftnot und Schmerzen zu ermöglichen. Von seiner Einlassung seien alle beeindruckt gewesen, die dabei gewesen seien, sagt die Richterin. Sie sei „in sich schlüssig und für uns komplett nachvollziehbar“ gewesen. Auf den Freispruch reagierte der 49-Jährige mit Tränen in den Augen, sein Anwalt Denis Hübner sprach von einem langen „Leidensweg“. Die Lage sei „sicherlich extrem belastend für Sie und Ihre Familie“ gewesen, sagte die Richterin in Richtung des Freigesprochenen.