FAZ 13.12.2025
10:57 Uhr

Handballerinnen im WM-Finale: Mit Emily Vogel und jeder Menge Energie


Bissig, fokussiert und füreinander einstehend: Gegen Frankreich wachsen die deutschen Handballfrauen über sich hinaus. Erstmals seit 31 Jahren spielen sie nun wieder um den WM-Titel. Im Finale ist dem Team alles zuzutrauen.

Handballerinnen im WM-Finale: Mit Emily Vogel und jeder Menge Energie

Den deutschen Spielerinnen ist gerade alles zuzutrauen. Die Botschaft, die das DHB-Team in diesen Tagen sendet, ist: Es kann auch Norwegen am Sonntag im Endspiel besiegen (17.30 Uhr, live in der ARD), die skandinavische Übermannschaft mit der besten Torhüterin und der besten Feldspielerin im Handball. Denn die Art war hinreißend, wie sich die Gruppe von Bundestrainer Markus Gaugisch am Freitagabend im Halbfinale 29:23 (15:12) gegen Frankreich durchsetzte. Ohne ein einziges Mal zu wackeln, warf die schwarz-rot-goldene Mischung aus Alt und Jung den Weltmeister aus dem Turnier. „Wir hatten keinen Druck, sondern Spaß“, sagte Rückraumspielerin Emily Vogel und strahlte mit Torhüterin Katharina Filter um die Wette. Vogel hatte ihren Galauftritt vom Viertelfinale gegen Brasilien am Dienstag noch getoppt (fünf Tore). Frauenhandball als erste Meldung in der altehrwürdigen „Tagesschau“: So weit haben es die deutschen Spielerinnen gebracht bei dieser Weltmesse in Deutschland und den Niederlanden. Nachdem der Deutsche Handballbund (DHB) die Gastgeber-Rolle an die Partner abgegeben hatte – die Endrunde findet in Rotterdam statt – wäre beim Verband wohl niemand unzufrieden gewesen, hätte sich die Nationalmannschaft nach einer ehrenvollen Niederlage ins Spiel um Platz drei am Sonntag verabschiedet. Zu überzeugend, ja mitreißend waren die sieben Auftritte zuvor gewesen. DHB-Frauen unterbinden viele Gegenstöße der Französinnen Doch das von Emily Vogel und Abwehrchefin Aimeé von Pereira angeführte Team dachte gar nicht daran, gegen die zuletzt vor 20 Jahren besiegten Französinnen klein beizugeben. Bissig, fokussiert und füreinander einstehend, war schon der erste Durchgang ein Zeichen der Stärke. Über 10:6 und 12:10 erspielten sich die Deutschen einen 15:12-Halbzeitstand. „Es hat wieder jede mitgemacht und alles reingefetzt, ob für 50, 10 oder gar keine Minute“, sagte Gaugisch – gemeint war Kaderplatz 17, Mareike Thomaier, die bisher nur ganz am Anfang mitmachen durfte, am Freitagabend aber jede Menge Energie von der Bank versprühte. Der Schlüssel zum Sieg war die Bereitschaft, nach Fehlwürfen wieder in die eigene Hälfte zu rennen. Der sogenannte Rückzug ist das Gegenpressing des Handballs. „Wenn du vorn stehen bleibst, hauen sie dir die Bälle um die Ohren“, hatte Gaugisch gewarnt. Sein Team unterband viele Gegenstöße der schnellen Französinnen. Die Bank jubelte wie nach eigenen Treffern. Wie im gesamten Turnier griffen die Rädchen ineinander. Die 20 Jahre alte Viola Leuchter (1,85 Meter groß) wurde für ihre Würfe passend angespielt. Linksaußen Antje Döll (37 Jahre) absolviert die WM ihres Lebens, warf Siebenmeter aus dem Lehrbuch. Annika Lott löste Alina Grijseels nach der Pause als Spielmacherin ab und steuerte sofort Treffer bei. Lisa Antl bleibt nach dem Halbfinale bei ihrer 100-Prozent-Quote vom Kreis: 17 Versuche, 17 Tore. Immer, wenn Frankreich einmal auf zwei oder drei Tore Abstand herankam, brachte Katharina Filter Körperteile an den Ball. Nichts war zu spüren von früherem Nervenflattern, welches Gaugisch ohnehin ins Reich der Fabel verwiesen hat: „Wenn wir verloren haben, lag das am Handballerischen, nicht am Mentalen.“ Dieses Narrativ zu wählen, war ein kluger Zug, wurde die alte Platte der konfusen deutschen Frauen doch nicht mehr aufgelegt. Weil die Wirklichkeit diese Mutmaßung entkräftete. Deutsches Team zum ersten Mal seit 31 Jahren wieder im Finale 5500 Menschen in Rotterdams Ahoy-Arena schauten zu, wie die deutsche Abwehr in der zweiten Hälfte eine harte Mauer bildete (was die Schiedsrichter zuließen). Vorn hielten die Tore von Emily Vogel Frankreich auf Abstand - beim 25:20 in der 53. Minute hieß es: Bereitmachen zum Jubeln! „Ich habe fünf Minuten vor Schluss bei plus fünf mal auf den Würfel geguckt und gedacht: ,Das verspielen wir nicht mehr'“, sagte Vogel, „außerdem liefen bei Antje (Döll, d. Red.) schon die Tränen.“ Die Teamseniorin hat viele Enttäuschungen im Trikot des Deutschen Handballbundes erlebt. Sie war im Sommer zudem Leidtragende der Pleite ihres Klubs HB Ludwigsburg. Jetzt sagte sie: „Wir wussten, dass wir Erfolg brauchen würden, um unsere Bewegung „Hands up for more“ mit Herz, Leben und Liebe zu füllen. Genau das machen wir jetzt. Und das macht mich glücklich.“ Zur Wahrheit dieses überraschend klaren Sieges gehört aber auch, dass Frankreich fünf der besten Spielerinnen wegen Verletzungen oder Schwangerschaft fehlen. Ohne Grace Zaadie, Estelle Nze-Minko und Laura Glauser waren sie gut genug, Dänemark im Viertelfinale sicher zu besiegen. Am Freitag hatten die Deutschen mehr Luft, mehr Möglichkeiten und auch mehr Willen. Es ist die erste Finalteilnahme seit 31 Jahren. Dort wartet die weltbeste Torhüterin; Katrine Lunde, 42. Die überragende Henny Reistad reißt im Angriff alle mit. Markus Gaugischs Sieben startet in ihr erstes Finale als Außenseiter. Aber das hat nach diesen Tagen von Stuttgart, Dortmund und Rotterdam nun wirklich nichts zu bedeuten.