FAZ 31.01.2026
14:10 Uhr

Handballer im EM-Finale: „Dänemark wird alles zu verlieren haben“


Bei der EM beweisen die deutschen Handballer, dass sie sich vom Talentschuppen zur Turniermannschaft entwickelt haben. Nun geht es im Finale gegen die Größten. Sogar der Bundeskanzler will dabei sein.

Handballer im EM-Finale: „Dänemark wird alles zu verlieren haben“

Als der deutsche Handball seinen allergrößten Hit erlebte, hatten die meisten Nationalspieler von heute noch ein Ränzlein auf dem Rücken und trugen es brav in die Grundschule. Einige von ihnen, beispielsweise Juri Knorr und Marko Grgic, erlebten die Heim-Weltmeisterschaft in Deutschland nebenbei mit, weil ihre Väter Bundesligaprofis waren und sich nichts entgehen lassen wollten damals im Jahre 2007. Im Nachhinein haben die Söhne einiges gesehen und gehört von dem WM-Triumph. Zum Beispiel jenen Stimmungshit, den „Die Höhner“ vorsangen und in den ganz Deutschland einstimmte. Nicht nur Ältere werden die Titelzeilen im Ohr haben: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Das ist eine sehr gute Frage, die sich dieser Tage bei der Europameisterschaft aufs Neue stellt. „Wir haben uns fest vorgenommen, dass wir nicht nur Gast im Finale sein wollen“, gab Kapitän Johannes Golla gleich nach dem 31:28-Halbfinalsieg gegen Kroatien die Richtung vor. Schon als der Anführer der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) seine Kollegen am Freitagabend nach der gesicherten Endspielteilnahme um sich versammelte, schwor er sie auf „diese Chance“ ein: „Man weiß nicht, wie oft sich die überhaupt noch ergeben wird für uns.“ Dieser Ansicht ist offenbar auch Bundeskanzler Friedrich Merz. Der CDU-Politiker wird die günstige Gelegenheit nutzen und beim Finale an diesem Sonntag (18 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM, im ZDF und bei Dyn) einer der 15.000 Zuschauer in der Halle von Herning sein. Wenn nicht jetzt, wann dann – dieses Motto mag Merz bei seiner Dienstreise nach Dänemark beherzigen. Sportlich gesehen, mag der Slogan vielleicht einen Tick vermessen klingen angesichts des schier übermächtigen Gegners, den das DHB-Team erwartet: Dänemark ist in der Hölle von Herning“ nicht nur EM-Gastgeber, sondern gewann vor eineinhalb Jahren in Lille auch das olympische Finale gegen Deutschland und zuletzt viermal in Serie den Weltmeisterschaftstitel. Bei Europameisterschaften lief es nicht so gut: Vor zwei Jahren verloren die Dänen das Finale gegen Frankreich, ihr letzter kontinentaler Titel datiert von 2012. „Wir gehen mit breiter Brust da rein und sind noch nicht am Ziel“, sagte DHB-Torhüter David Späth. Genau diesen Eindruck hat auch Bundestrainer Alfred Gislason gewonnen: „Dieses Turnier hat der Truppe sehr viel Selbstvertrauen gebracht. Jeder von denen ist so ehrgeizig, jedes Spiel zu gewinnen.“ „Deutschland hat zwei Schritte nach vorne gemacht\" In den vergangenen zwei EM-Wochen zeigten sich die dänischen Tempospieler verwundbar: in der Vorrunde unterlagen sie Portugal, im Halbfinale beim 31:28 gegen das fast ebenso spielstarke Island mussten sie sich durchkämpfen. Zudem fehlen ihnen drei wichtige Spieler, nachdem am Freitag auch noch der frühere Flensburger Simon Hald das Parkett nach einem Gesichtstreffer vorzeitig verlassen musste. Dazu steckt in allen Köpfen, dass die deutsche Mannschaft den Dänen bei der 26:31-Niederlage in der Hauptrunde über weite Strecken zu trotzen wusste. „Wir haben gezeigt, dass wir mithalten können, und hatten trotzdem das Gefühl, dass noch Luft nach oben ist“, sagte Kapitän Golla. Die Dänen geben zu, dass sie daheim einen enormen Erwartungsdruck verspüren. Auch, dass sie die jüngste Entwicklung des Finalgegners verblüfft. „Deutschland hat zwei Schritte nach vorne gemacht\", sagte Mathias Gidsel, der die deutschen Bundesligakollegen als Dreh- und Angelpunkt beim deutschen Meister Füchse Berlin bestens kennt, am Samstag: „Man muss aufhören zu sagen, dass Deutschland nicht eine der besten Mannschaften der Welt ist. Vielleicht hat sie morgen sogar die beste Mannschaft in Europa.“ Dänemark mag größere Zauberer haben wie den unglaublich wendigen Welthandballer Gidsel, der fast immer irgendwie einen Weg findet, sich gegen die Abwehr durchzusetzen. Oder bullige Mentalitätsmonster wie Simon Pytlick im linken Rückraum oder Magnus Saugstrup am Kreis. Doch wenn die DHB-Auswahl eines konstant bei diesem Turnier beweisen hat, dann ist es ihre Abwehrstärke. Am Freitag wusste sie nach anfänglichen Schwierigkeiten in wichtigen Situationen auch die Kroaten zu stoppen, die mit einem Mann mehr angriffen, weil sie vorübergehend den Torwart aus dem Spiel nahmen und mit 7:6 spielten. „Was die komplette Abwehr abgerissen hat, das war Wahnsinn“, sagte Späth. Sein Torwartkollege Andreas Wolff, auch gegen Kroatien ein Hochsicherheitsfaktor und zum dritten Mal bei der EM zum „Player of the Match“ gewählt, begeisterte sich vor allem an einem Blondschopf aus Hannover: „Justus Fischer hat in einem Angriff dreimal den Ball geblockt. Das ist überragend, rekordverdächtig in meinen Augen.“ Justus Fischer ist angekommen In der 34. Minute hatte der Niedersachse bei Würfen von Ivan Martinovic, Tin Lucin und Mateo Maras erfolgreich die Arme hochgerissen und wurde dafür mächtig gefeiert. Dass Fischer dazu seine vier eigenen Würfe allesamt ins Netz setzte, rundete die Bestleistung ab. „Justus ist in diesem Turnier endlich mal so richtig angekommen bei uns, was die Stabilität angeht\", sagte Gislason. Fischer steht geradezu exemplarisch für die deutsche Entwicklung vom hoffnungsvollen Talentschuppen zur ziemlich reifen Turniermannschaft. Anders als andere U21-Weltmeister von 2023 wie Späth und Renars Uscins gehörte der Niedersachse, der am kommenden Freitag 23 Jahre alt wird, nicht gleich zu den Konstanten im A-Team. Mit drei Jahren Anlauf nach seinem Länderspieldebüt zeigte der Kreisläufer gegen Kroatien sein bestes Spiel im DHB-Trikot. Allmählich habe er das Gefühl, „jetzt so richtig bei den Männern anzukommen“. Auch was die Einstellung zum Finale angeht, zeigte sich Fischer mit seinen Titelambitionen mannhaft: „Ich bin mir sicher, dass wir grundsätzliche die Qualität dafür haben. Wir müssen sie nur sechzig Minuten auf die Platte bringen.“ Wenn nicht jetzt, wann dann? Die ABC-Schützen von 2007, die auch beim letzten deutschen EM-Titel 2016 noch Knirpse waren, werden an diesem Sonntag ihre Antwort geben. „Es muss alles extrem gut klappen, um die Dänen schlagen zu können oder im Spiel zu bleiben“, sagte Bundestrainer Gislason. Das Wichtigste sei es, „ein richtig gutes Spiel zu liefern. Das würde dieser Mannschaft sehr viel bringen.“ Seit dem „Totalaufall“ (Golla) gegen Dänemark im olympischen Finale vor eineinhalb Jahren ist einiges passiert. Die gemeinsame Freude am Spielen mache das Team stark, fand Spielmacher Juri Knorr vor dem zweiten EM-Duell binnen sieben Tagen mit dem Land, in dem er sein Geld in Aalborg verdient: „Dänemark wird alles zu verlieren haben und wir haben nichts zu verlieren, außer ein cooles Spiel zu machen und den Zuschauern würdiges Finale zu liefern.“ Knorr hatte schon vor ein paar Tagen gesagt, dass er und seine Mitspieler „nicht mehr die kleinen Jungs“ seien. Wie sehr sie gewachsen sind, zeigt sich am Sonntag gegen die Größten.