Es sind überraschende Zahlen, die der Deutsche Handballbund (DHB) am Freitag präsentierte: 60 Prozent aller Eintrittskarten in Magdeburg wurden schon verkauft, gar 70 Prozent sind es in Kiel – dabei stehen noch nicht einmal die Teams fest, die in Sachsen-Anhalts Hauptstadt spielen werden, während sich im Norden der Titelverteidiger Dänemark als Zugpferd herausstellt. Als Mark Schober diese Zahlen der Handball-Weltmeisterschaft 2027 in Deutschland vorstellte, war ihm ein ungläubiges Staunen anzumerken: „Wir werden auch auf der nicht-deutschen Route vom Interesse überrannt.“ Die Partien der Nationalmannschaft in München (Vorrunde) und Köln (Hauptrunde) sind bereits ausverkauft, aber auch insgesamt seien 40 Prozent aller Tickets für die 106 Spiele von 32 Teams an sechs Standorten vergriffen. „Wir hatten das so noch nie“, sagte der DHB-Vorstandsvorsitzende, „die erfolgreiche EM, die starke Heim-WM der Frauen und eine zielgerichtete Kommunikation mit unseren Kundinnen und Kunden führt dazu, dass wir uns für die Zukunft andere Modelle überlegen müssen.“ „Wir kommen in eine Luxussituation“ In den kommenden Jahren werden eine Reihe von Großturnieren in Deutschland ausgerichtet – die Männer-Weltmeisterschaften 2027 und 2029 sowie die Männer- und Frauen-Europameisterschaften 2032. Ähnlich wie beim Fußball spielt der DHB, der sich am Sonntag im Endspiel der EM in Dänemark dem Gastgeber geschlagen geben musste, mit dem Gedanken, die Eintrittskarten der Partien unter Beteiligung Deutschlands bei der WM 2029 zu verlosen – dann wird der DHB das Weltturnier neben Frankreich als Junior-Partner ausrichten. „Wir kommen in eine Luxussituation, die wir so noch nicht kannten“, sagt Schober. Auf eine große Eröffnung wie 2024 mit dem Auftaktspiel Deutschland gegen die Schweiz im Düsseldorfer Fußballstadion verzichtet der DHB 2027. „Wir wollen mit dem Motto: ,Where Handball is alive’ zeigen, dass der Handball im ganzen Land lebt und haben uns bewusst dagegen entschieden, einen Standort herauszuheben. Wir haben das große Ziel, die ,nichtdeutschen’ Spiele zu füllen. Auch deswegen wollen wir die deutschen Dinge nicht zu groß machen“, erläutert Schober. Das 2019 gestartete „Jahrzehnt des Handballs“ ist eine Erfolgsgeschichte geworden. Die Einnahmen aus den Großturnieren haben den Verband gesundet, vergrößert, professionalisiert – auch in der Kundenansprache. Eine einstellige Millionensumme ist beispielsweise als Gewinn der EM 2024 übrig geblieben. Mit dem Höhepunkt 2032 enden dann fürs Erste 14 Jahre deutscher Handball-Herrlichkeit; in sechs Jahren will der DHB erst im Januar die Männer-EM (mit Frankreich), dann im Dezember die Variante der Frauen austragen (mit Polen und Dänemark). Ein mutiger Plan, der nur funktionieren kann, weil es hierzulande mehr geeignete Hallen und Hotels gibt als bei allen anderen europäischen Partnern. Ist der olympische Status in Gefahr? Man könnte meinen, die Konkurrenz würfe argwöhnische Blicke auf die deutsche Ausrichtungs-Hegemonie. Tut sie aber nicht. Gerade erst kamen aus Island, Kroatien und Frankreich Worte der Vorfreude – insbesondere die vollen Hallen auch bei nicht-deutschen Spielen überzeugen die anderen Nationen. Das ist auch der Grund, manche Konzepte anderer Gastgeber nicht zu kopieren: „Die Fan-Zone in Herning ist toll“, sagt Schober, „aber sie führt dazu, dass viele Menschen während der Spiele dort und nicht in der Halle sind.“ Im großen Freizeitbereich der dänischen Messestadt kann man den ganzen Tag essen, shoppen, spielen und Selfies mit übergroßen Pappfiguren der dänischen Stars Mathias Gidsel und Simon Pytlick machen. Trotzdem erkennt Schober die Problematik. „Wir halten es für erforderlich, dass der Handball weltweit stattfindet. Wir haben demnächst eine EM mit Spielen in Lissabon und Prag. Das sind neue Standorte. In Europa sind wir also gut aufgestellt. In der Welt nicht. Grundsätzlich brauchen wir eine WM außerhalb Europas“, sagt er. Das sehen sie auch beim dänischen Verband ,Dansk Haandbold’ so. Auch die nördlichen Nachbarn haben aus den großen Turnieren ein Geschäftsmodell gemacht; sie sind in den kommenden sechs Jahren in etwa so präsent wie der DHB, was die Ausrichterrolle angeht. Und das schlägt sich auch in den Zuschauerzahlen nieder: Das Spiel gegen Deutschland in der Hauptrunde haben 1,9 Millionen Dänen gesehen, das entspricht einem Marktanteil von 68 Prozent. So etwas habe es das letzte Mal in den Siebzigern gegeben, als es nur zwei Programme gab, sagte Martin Hausleitner, der Generalsekretär der Europäischen Handballföderation, am Samstag. Allerdings wird diese Position auch verbandsintern kritischer betrachtet als in Deutschland. Man sieht den olympischen Status des Handballs bedroht, wenn immer dieselben Europäer veranstalten und gewinnen. Anderen möglichen Austragungsländern helfen die Dänen (wie der DHB auch) mit Know-how und Expertise. Doch das finanzielle Risiko können sie nicht abfedern: Bei dieser EM wird den Mit-Gastgebern Norwegen und Schweden aller Voraussicht nach ein sattes Minus bleiben – nicht einmal die schwedischen Spiele in Malmö waren ausverkauft. Probleme, die Mark Schober fremd sind.
