Neulich erntete Saskia Lang überraschte Blicke, als sie an Ort und Stelle von den bevorstehenden Spielen sprach: „Eine Weltmeisterschaft? Hier in Stuttgart?“ Nicht einmal jede und jeder aus der Frauen-Bundesliga schien das vor ein paar Wochen zu wissen. Dabei hängen in der ganzen Stadt Plakate: „Handball ist jetzt Frauensache!“ Was dann doch wirkte – die deutschen Spieltage in der Porsche-Arena waren mit 5500 Menschen ausverkauft; die günstigsten Tages-Tickets (zwei Spiele) gab es für 19 Euro, in der „nichtdeutschen“ Gruppe kosteten sie nur elf Euro. Die frühere Nationalspielerin atmete anhand der letztlich dann doch guten Zahlen aus Stuttgart auf, sitzt sie doch seit 2020 als „Managerin Marketing internationale Events“ im Maschinenraum des Deutschen Handballbundes (DHB): Für den gesamten deutschen Ast des Turniers mit Partien in Stuttgart, Trier und Dortmund sind knapp 60 Prozent der Eintrittskarten veräußert. „Wir wollen eine Bewegung werden“ Wenn die WM ab Dienstag in Dortmund ihre zweite Phase nimmt, hat Lang daran nicht nur monatelang im Hintergrund gefeilt, sie ist als Frau aus dem Hauptamt auch eines ihrer Gesichter. „Wir wollen eine Bewegung werden“, sagt die 38 Jahr alte Saskia Lang. „Hands up for more“ lautet deswegen der Slogan. Ehe aus dem Frauenhandball „mehr“ werden kann, muss er seine Hausaufgabe machen. Lang ärgert sich: „Wir müssen uns innerhalb der Handball-Blase unterstützen. Wir müssen unsere Fans zur Frauen-Nationalmannschaft bringen. Ich habe die vergangenen fünf Jahre alle Länderspiele der Männer gesehen. Da triffst du die Bundesliga-Trainer und viele Spieler. Das ist bei Frauenländerspielen nicht so. Aber wie wollen wir neue Leute für unseren Sport begeistern, wenn nicht mal wir Handballerinnen und Handballer für ihn brennen?“ Sie fordert, dass zu den großen Auftritten alle Coaches kommen, sobald sie Spielerinnen zum DHB abstellen, auch, um den Austausch zu vereinfachen. Das wäre eine Geste des Respekts gegenüber Bundestrainer Markus Gaugisch, der am Sonntagabend einen souveränen Sieg seiner Mannschaft gegen Serbien beobachten konnte. An solchen Details sieht man, dass die Frauen-Liga HBF, die Vereine und der DHB bezogen auf ihr „Produkt“ noch Strecke machen müssen. Bisher war diese zu oft von Neid und Eifersüchteleien bestimmt. Lang verspricht, die Vereine auf dem Weg zu mehr Professionalität weiter zu „nerven“: „Ich bin da gern die bad woman. Allein die Schaffung meines Postens beim DHB hat viel verändert und ermöglicht“, sagt sie. „Ich bin hier und kann angerufen werden. Ich bin die Türöffnerin, wenn die Vereine Hilfe wollen.“ Eine Rekordsumme für den Titel Der DHB lässt sich diese Weltmesse bei einem Gesamtetat von 13 Millionen rund eine Million Euro kosten – so hoch wird das Minus sein, verriet Präsident Andreas Michelmann. Die Frauen bekommen die gleichen Tagegelder wie die Männer; für den Titel lobte der DHB die Rekordsumme von 425.000 Euro aus. Seit dem Bundestag in Dresden sitzen vier Frauen im elfköpfigen Präsidium. Saskia Lang sagt: „Es ist etwas ins Rollen gekommen, weil Präsident Andreas Michelmann und Vorstand Mark Schober es ernst mit dem Frauenhandball meinen. Sobald wir oben diversere Entscheidungen treffen, werden viele Dinge leichter durchzusetzen und bewusster sein.“ Diese WM soll den Durchbruch bei der Gleichstellung bringen – mit Hilfe der Hauptdarstellerinnen: „Durch die Kampagne kommt das Thema immer mehr auf“, sagt Kapitänin Antje Döll der F.A.Z., „und wir füllen das auch intern mit Leben. Es gibt gerade mit den jungen Spielerinnen heiße Diskussionen zur Chancengleichheit und auch darum, ob wir gendern sollten oder nicht. Ich zum Beispiel gendere eher unbewusst.“ Die Unterstützung durch den Verband sei generell vorbildlich, sagt die 37-Jährige. Schon jetzt geht der DHB in große Arenen, produziert Frauen- wie Männerländerspiele. Das ist ein Minusgeschäft. Er macht es trotzdem, um den Frauenhandball attraktiv zu präsentieren – und hätte dafür gern auch angemessene TV-Bilder gehabt. Dass ARD und ZDF erst spät in die WM einsteigen, sieht das Team kritisch: „Im Free-TV läuft viel zu wenig Sport außer Fußball. Dass die Öffentlich-Rechtlichen ab dem Viertelfinale übertragen wollen freut uns – aber früher wäre bei einer Heim-WM angebracht gewesen“, sagt Regisseurin Alina Grijseels der F.A.Z. „Der Fokus liegt auf dem Sport“ Wie viel grundsätzlich in Deutschland aufzuholen ist, merkt Lang an der öffentlichen Skepsis, ob es die Spielerinnen nicht überfordere, wenn staatstragende Themen wie Gehaltslücke, Safe Sport und equal play mitverhandelt werden. „Es ist doch ein Muss, diese Fragen zu beantworten! Bei den Männern werden sie nicht gestellt, weil sie kein Thema sind, bei uns wird gefragt: Lenken die vom Sport ab?“, sagt Lang. Das zeige nur, wie notwendig es sei, den Aufholprozess mit Energie und Mitteln zu verstetigen. Sie hat dafür eine Formel gefunden: „Der Fokus liegt auf dem Sport. Aber die Aufmerksamkeit bekommt das große Ganze. Und das nachhaltig. Andreas Michelmann und Mark Schober haben es angeschoben. Wir müssen das hochhalten.“ Von dem, was während dieser WM verankert wurde, wolle der DHB nicht abweichen: „Wir würden uns sonst unglaubwürdig machen. Außerdem haben wir mit der Heim-EM 2032 das nächste große Turnier vor der Tür.“ Einmal warm geredet, fällt ihr die vergangene WM hierzulande als Vergleichswert ein. 2017 gehörte sie zum deutschen Kader. Das Motto damals: „Simply wunderbar“. Die süßliche Note fand sie schrecklich. Das Aus im Achtelfinale auch. Vor acht Jahren war die Botschaft noch simpel – geht raus und spielt Handball. Nun hat sich das gesellschaftliche Klima verändert. Die Zeit scheint reif für ein Turnier, das seinen Hauptakteurinnen einiges abverlangt. Nicht nur sportlich.
